Mit dem Velo und Hunden um die Welt, Teil 9

Michael und Sybille Fleischmann sind seit Juni 2010 unterwegs, um per Fahrrad ferne Länder zu bereisen. Ihr Ziel: Einmal um die Welt! Mit dabei: Rhodesian Ridgeback Rüde Gomolf und Mischlingshündin Diu. Exklusiv für das Schweizer Hunde Magazin berichten die Weltenbummler von ihren Erlebnissen. Nach einem ungeplanten Aufenthalt in der Arbeitersiedlung «Plast-Mass» geht es weiter mit dem Schiff über das Kaspische Meer.

Text und Fotos: S. und M. Fleischmann

Die Kabinen waren winzig, die Einrichtung kurz vor dem Zerfall und die Gemeinschaftstoiletten erweckten den Eindruck, als wären nicht alle Passagiere mit deren Handhabung vertraut. Doch nach fast einem halben Jahr auf Reisen waren wir nicht mehr sehr anspruchsvoll, sondern hauptsächlich erleichtert, dass wir mit den Hunden auf dieses Schiff durften. Es brachte uns über das Kaspische Meer von Baku, Aserbaidschan, nach Aktau, Kasachstan. Wir blickten zurück auf eine spannende Zeit in der Nähe der Grossstadt Baku, die wir eigentlich mit dem Fahrrad erreichen wollten. Der Zufall wollte es aber anders und so kam es, dass wir ungeahnte Einblicke in die aserbaidschanische Kultur und Lebensweise bekamen.

Eine Dusche an der Tankstelle

Auf unserem Weg zur aserbaidschanischen Hauptstadt hatten wir bei einer Tankstelle angehalten – eigentlich nur, um kurz zu rasten. Auf der Toilette entdeckten wir jedoch einen Wasserhahn in Kniehöhe, was uns den Entschluss fassen liess, hier unsere Kleidung und uns selbst zu waschen. Das Wasser war zwar kalt, doch es war besser als nichts. Ich vollführte als Erste den akrobatischen Akt und säuberte mich, ohne dabei den unappetitlichen Boden oder die Wände zu berühren. Kurz bevor Michael es mir gleichtun wollte, kam der Besitzer der Tankstelle, lud uns in sein Büro auf einen Cay, einen schwarzen Tee ein – und bot uns auch an, die Dusche für das Personal zu benutzen. Diese war nicht nur sehr sauber, sondern es gab sogar warmes Wasser, was mich durchaus ein wenig verstimmte… doch natürlich gönnte ich meinem Mann die Wohltat.
Anschliessend telefonierte unser Wohltäter und drückte Michael das Handy in die Hand.

Am anderen Ende der Leitung war sein Neffe Vugar, er bestand darauf, uns zu beherbergen und bei der Organisation der Überfahrt zu helfen – nur wohnte er 100 Kilometer von unserer ursprünglich geplanten Route entfernt. Das sei aber kein Problem, sein Onkel, der Tankstellenbesitzer, werde sich darum kümmern, dass wir dorthin transportiert würden. Michael erklärte, dass wir mindestens einen Minibus benötigten, um all unsere Sachen unterzubringen, und stimmte zu.

Abenteuerlicher Transport nach Plast-Mass

In den folgenden zwei Stunden passierte erst einmal gar nichts. Dann tauchte ein Kombi auf. Der Fahrer hielt neben unseren Fahrrädern und öffnete die Klappe des Kofferraums. Erst dann erkannte er, dass der Platz nie und nimmer reichen würde. Als die nächsten zwei Stunden ereignislos verstrichen, war unsere gute Laune langsam dahin und wir waren nicht mehr so sicher, ob es gut gewesen war, diese Einladung anzunehmen. Als dann endlich das Fahrzeug auftauchte, das uns transportieren sollte, trauten wir unseren Augen kaum: Es war ein Lada, ein winziger russischer PKW mit Dachgepäckträger. In den Kofferraum passten gerade mal unsere Packtaschen und das Zelt. Als der Onkel dann während des Beladens verkündete, dass er ebenfalls mitfahren werde, wollten wir schon fast das Handtuch werfen. Dennoch gelang uns irgendwie das Kunststück, unsere beiden Gespanne in und auf das Auto zu packen, so dass am Ende noch Platz für vier Personen und die Hunde war.

In den nächsten Tagen wurden wir nach allen Regeln der aserbaidschanischen Gastfreundschaft untergebracht und versorgt. Vugar wohnte mit seiner Mutter in einer geräumigen, jedoch karg möblierten Wohnung. Der Dame des Hauses entglitten kurz die Gesichtszüge, als sie sah, was für Gäste ihr Sohn da anbrachte: zwei Deutsche mit zwei Hunden! Es entging uns nicht, wie sie verstohlen mit Vugar diskutierte, wo die Tiere verstaut werden sollten (doch nicht etwa in der Wohnung…?!), bis er sich durchsetzte und Gomolf und Diu das Wäschezimmer zuwies.

Unsere Gastgeber wohnten in Plast-Mass, einer Arbeitersiedlung, die die Russen seinerzeit direkt neben einer Plastikwaren-Fabrik errichtet hatten. «Meine Eltern mussten sich damals nur in einer Schlange anstellen, um die Wohnung zu bekommen – natürlich mietfrei», erzählte Vugar. «Sie hatten sichere Arbeitsplätze in der Fabrik und nichts zu befürchten. Doch jetzt ist alles anders.» Seit dem Zerfall der Sowjetunion hatte in Aserbaidschan ein skrupelloses System aus Willkür und Korruption Einzug gehalten, das die meisten Bürger ausbluten und einige wenige reich werden lässt. In vielen Gesprächen zeichnet Vugar ein düsteres Bild vom Leben als Bürger Aserbaidschans: «Meine Mutter verdient 200 Manat im Monat (etwa 230 Schweizer Franken). Bevor sie diese Arbeit annehmen konnte, musste sie 2000 Manat Bestechungsgeld zahlen. Das ist ganz normal hier. Genau wie an den Grenzen. Als ich für eine internationale Firma in der Türkei arbeitete, fuhr ich öfters zu Besuch nach Hause. Die Zollbeamten verlangten jedes Mal 100 Manat Schmiergeld, wenn ich nach Aserbaidschan einreisen wollte. Obwohl meine Papiere natürlich in Ordnung waren. Aber sie wussten, dass ich im Ausland arbeitete und wollten etwas von den Lorbeeren ab haben. Hätte ich nicht gezahlt, hätten sie mich aus einem fadenscheinigen Grund eingesperrt und es hätte meine Eltern tausende von Manat gekostet, um mich zu befreien.»

Diu stellt die Geduld der Gastgeberin auf die Probe

Als wir Aserbaidschan durchquerten, hatten wir angesichts der vielen Monumente und Abbildungen des Präsidenten schon geahnt, dass ihm sein eigenes Wohl wichtiger ist als das seiner Bürger. Doch von den Menschenrechtsverletzungen in diesem Land hatten wir nichts gewusst und waren schockiert von Vugars Erzählungen – zumal wir die Leute hier wegen ihrer Freundlichkeit und Offenheit längst ins Herz geschlossen hatten. Der Regierung gelingt es auch noch, dem Rest der Welt das System als Demokratie zu verkaufen, doch es ist Diktatur in Reinform.

Nach zwei Wochen in Plast-Mass hiess es Abschied nehmen. Vugars Mutter drückte uns und küsste unsere Wangen mit echter Herzlichkeit – obwohl unser kleiner Hund ihre Geduld arg auf die Probe gestellt hatte: Diu hat nun mal einen siebten Sinn für den besten Liegeplatz im Zimmer – und in diesem Fall war das ein Stapel frisch gewaschener Wäsche, in den sie sich herrlich einkuscheln konnte – trotz unseres ausdrücklichen Verbots. Unsere Gastgeberin konnte ihr Entsetzen kaum verbergen.

Baku ist offen und modern – oder auch nicht?

Den letzten Abend verbrachten wir zusammen mit Vugar in Baku. Der Unterschied zwischen der Stadt und dem Rest des Landes hätte grösser nicht sein können. Während wir uns draussen angesichts der Eselskarren und der einfachen Behausungen oft eher ans Mittelalter erinnert fühlten, fanden wir uns hier in einer pulsierenden Metropole wieder. In der Fussgängerzone im Zentrum waren verschiedene Skulpturen und moderne Kunstwerke platziert, schick und teilweise schrill gekleidete Jugendliche drängten sich in der McDonald’s-Filiale, in den Schaufenstern zahlreicher Boutiquen wurde elegante und luxuriöse Bekleidung angeboten. Ganz so weltoffen wie es schien war die Stadt allerdings auch nicht: Vor einem Café las ich das Schild «Gay Bar» und fragte Vugar verwundert, ob es sich tatsächlich um einen Schwulentreff handelte. Der lachte sich beinahe schief, als er mir erklärte, dass der erste Buchstabe ein C und kein G war – es handelte sich also um eine ganz normale Bar, in der man Cay-Tee trinken konnte. Von Akzeptanz für Homosexualität könne in Aserbaidschan keine Rede sein.

In der Lebensmittelabteilung eines Warenhauses fanden wir schliesslich etwas, was unsere Herzen höher schlagen liess und uns dann sogleich psychische Schmerzen verursachte: richtigen Kaffee, zu einem horrenden Preis. Kaffee wird hierzulande nicht getrunken, nur überzuckerter Cay-Tee, den auch wir in rauen Mengen konsumierten – so viel, dass wir schon witzelten, was wohl die Folgen einer Überdosis wären. Wir drückten ein paar Augen zu und erstanden ein Päckchen des köstlichen braunen Pulvers, wer wusste, wann wir wieder welchen kaufen würden können.

«Respekt» für den Tierarzt an der Grenze

Bevor wir zum Hafen gingen, luden wir unseren Freund Vugar auf die erste Pizza seines Lebens ein, und er versicherte uns nicht ganz glaubwürdig, es sei das Beste, was er je gegessen habe. Als wir Aserbaidschan verliessen, wurde uns einmal mehr vor Augen geführt, was es für ein Privileg ist, einen deutschen Pass zu haben. Wir mussten im Hafen zu einem Tierarzt, der kontrollieren sollte, ob mit Gomolf und Diu alles in Ordnung war. Wir zeigten ihre Heimtier-Ausweise, in denen alle erdenklichen Impfungen vermerkt sind, die ein reisender Hund benötigt. Der Beamte druckste eine Weile herum und bat dann Vugar zu übersetzen, dass wir doch etwas Respekt zeigen sollten – seine Formulierung für das Zahlen von Schmiergeld. «Das würden die nicht verstehen», antwortete Vugar jedoch, «denn sie sind Deutsche.»

Schliesslich war der Zeitpunkt des Abschieds gekommen. Vugar umarmte uns herzlich und blickte traurig drein. «Euer Besuch war für mich wie die schönsten Ferien», erklärte er. Wir bedankten uns noch einmal ausführlich für seine Hilfe und Gastfreundschaft – ohne ihn wäre es um einiges schwieriger geworden. Im Internet hatten wir von diversen Problemen bei der Organisation der Tickets für die Überfahrt gelesen, denn das Schiff ist ein Frachter, kein Passagierschiff und fährt nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern dann, wenn es genug Ladung gibt. Andere Reisende hatten berichtet, dass man jeden Tag nachfragen müsse, ob es denn heute soweit sei, als Antwort bekomme man meist nur unbestimmte Gesten. Das alles blieb uns dank Vugar erspart, denn er konnte einfach am Telefon nachfragen. So hatten wir auch geklärt, dass die Hunde an Bord erlaubt sind, doch wir mussten für sie ebenfalls ein Ticket kaufen.

An Bord von «Professor Blume»

«Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder, dann bist du unser Gast», sagten wir zu unserem Freund. Vugar erhofft sich nichts sehnlicher, als seinem Land irgendwann den Rücken zu kehren und woanders zu leben zu können – vorzugsweise in Deutschland. Er will dort – anders als viele seiner Landsleute – keineswegs von Sozialhilfe leben, sondern einer ehrlichen Arbeit nachgehen, daher wünschen wir ihm, dass es klappen möge. Die lange, dünne Gestalt mit den grossen, traurigen Augen winkt uns noch lange nach, als wir unsere Fahrräder in den Bauch des Schiffes «Professor Gül», zu deutsch: «Professor Blume» schieben.

Ein paar Stunden später sahen wir uns wieder mit den weniger schönen Seiten des Reisens konfrontiert. Das Warten am Hafen und die Zollformalitäten in Baku hatten bis weit nach Mitternacht gedauert, doch unsere Hoffnungen auf ein paar Stunden Schlaf wurden schon um vier Uhr morgens durch drei kräftige Schläge an unsere Tür zerstört: Die Angestellten drängten, dass wir so schnell wie möglich die Kabine räumen sollten. Eine halbe Stunde später sassen wir mit den anderen Passagieren im zugigen Aufenthaltsraum und warteten, dass wir endlich an Land gehen durften. Hier an Bord sahen wir bereits die ersten Kasachen. Sie waren hoch gewachsen, hatten flache Gesichter und schmale, asiatische Augen – ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir Europa langsam, aber sicher verliessen. Der Morgen graute, wir waren durchgefroren und hungrig – nichts geschah. Auch die Hunde zitterten und wurden langsam nervös. Gomolf bedachte uns mit flehenden Blicken, er hatte sich natürlich geweigert, an Deck sein Geschäft zu machen, seine Abneigung gegen Schiffe war ungebrochen. Wenigstens Diu war in dieser Hinsicht pflegeleichter, doch ebenfalls froh, als es endlich soweit war: Vier Füsse und acht Pfoten durften kasachischen Boden betreten.

Fahrräder in der Röntgenanlage

Die Erleichterung währte leider nicht lange, denn auf uns warteten die Konsequenzen eines Missgeschicks, das wir nicht einmal selbst verursacht hatten: Auf dem kasachischen Visum in Michaels Pass war ein Schreibfehler beim Datum handschriftlich ausgebessert worden; leider hatten wir es zu spät bemerkt. Als die Beamten das sahen, liessen sie erst einmal alle anderen Grenzgänger vor und stellten uns hinten an. Es kostete uns einiges an Überzeugungskraft, Nerven und Angstschweiss, bis wir endlich den begehrten Einreisestempel erhielten. Doch damit nicht genug: Unsere Fahrräder wurden nicht als Fahrzeuge betrachtet und durften daher nicht die Schranke an der Strasse passieren – so wie die Autos und LKW vom Schiff – nein, wir mussten sie durch die Räumlichkeiten des Zolls und sogar durch die Gepäck-Röntgenanlage bugsieren. «Müssen wir die Hunde jetzt auch noch röntgen? Vielleicht schmuggeln wir ja etwas in ihren Bäuchen!», sagte Michael entnervt und wütend, doch zum Glück verstand ihn niemand.

Wir waren mehr als erleichtert, als wir endlich die ersten Meter auf unseren Fahrrädern rollen konnten – offiziell eingereist, geröntgt, gestempelt und… hungrig! «Mir fällt bald der Magen raus!», erklärte Michael und blickte nervös in die Weite. Er sah – nichts. Wir befanden uns in einer tristen, grauen und flachen Umgebung mit grossen Industrieanlagen im Hintergrund. Erst nach einer Weile tauchte ein winziges Geschäft am Strassenrand auf – doch viel gab es dort nicht. Wir erstanden eine Packung labbriges Toastbrot und eine Konservendose mit etwas, von dem wir hofften, dass es einigermassen essbar war. Es war eine fettige, fleischige Substanz, von der wir nur ein paar Bissen herunterbrachten, ehe wir die Dose leicht angeekelt zu unseren Hunden hinüber schoben. Sie freuten sich sehr über den köstlichen Zwischensnack.

Viele Sorgen um den nahenden Winter

Bevor wir wieder auf die Räder stiegen, schlüpften wir in eine zusätzliche Jacke. Es war schon ziemlich kühl, eine Tatsache, die uns grosses Kopfzerbrechen bereitete. Der Winter stand bevor und versprach, sehr kalt zu werden. «Das Klima Kasachstans ist kontinental geprägt», hatte Michael mir aus dem Internet vorgelesen, «typisch dafür sind heisse Sommer und kalte Winter mit Temperaturen von bis zu minus 40 Grad Celsius.» – «Da können wir unmöglich zelten», stellte ich fest und mein Mann fügte hinzu, dass das Land zur Hälfte von Wüsten und Steppen bedeckt und sehr dünn besiedelt ist. Aus diesem Grund hatten wir erkannt, dass es kaum möglich ist, Kasachstan – immerhin das neuntgrösste Land der Erde – mit dem Fahrrad zu bewältigen. Wir wollten es möglichst schnell durchqueren, daher hatten wir mit Vugar recht lange ein achtsilbiges russisches Wort geübt, das wir nun an jedem Menschen ausprobierten, den wir trafen. Es bedeutet «Bahnhof». Zu unserer Verwunderung schienen die Leute uns tatsächlich zu verstehen, jedenfalls deuteten sie immer in eine Richtung. Als schliesslich das Bahnhofsgebäude von Aktau in Sicht kam, machte sich eine Mischung aus Angst, Hoffnung und Zweifeln in uns breit. Würden die Hunde im Zug erlaubt sein? Was, wenn nicht? Und wenn doch: Wie oft hält der Zug an? Sind die Stopps lange genug, dass wir mit den Hunden aussteigen können? Woher sollen wir wissen, wie lange die Stopps dauern? Dürfen wir die Fahrräder mitnehmen? Müssen wir umsteigen? Und allen voran natürlich die Sorge, ob sich englischsprachiges Personal am Bahnhof finden würde, das unsere Fragen überhaupt versteht.

Wir waren mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem eine Umkehr mindestens genau so schwierig war wie das Weiterreisen, also hatten wir sowieso keine nennenswerten Alternativen. «Na dann kauf‘ ich uns mal ein paar Fahrkarten», sagte ich betont zuversichtlich zu Michael, ohne zu ahnen, dass uns der härteste Teil der Reise unmittelbar bevorstand.

Mehr Infos unter: www.cycle-for-a-better-world.org

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