Mit dem Velo und Hunden um die Welt, Teil 16

Michael und Sybille Fleischmann sind seit Juni 2010 unterwegs, um per Fahrrad ferne Länder zu bereisen. Ihr Ziel: Einmal um die Welt! Mit dabei: Rhodesian Ridgeback Rüde Gomolf und Mischlings-Hündin Diu. Exklusiv für das Schweizer Hunde Magazin berichten die Weltenbummler von ihren Erlebnissen. In China wird Gomolf von grossen Gefühlen übermannt und ist plötzlich verschwunden, dabei wollten die Radler doch weiter nach Laos.

Text und Fotos: S. und M. Fleischmann

Es gibt Momente im Leben eines Hundebesitzers, die man nie wieder vergisst. Zum Beispiel den Tag, an dem man seinen besten Freund neu kennenlernt. Oder wie er sich in einem unbeobachteten Moment beim Sommerfest ein Steak vom Grill klaut. Oder: Wie er in China einen Vormittag lang spurlos verschwunden ist und wir das Allerschlimmste befürchten mussten.

Die Sache ist die: Unsere kleine Diu hatte schon immer einen grossen Aktionsradius und ist ausgesprochen unabhängig. Seit der Indienreise, bei der wir sie zu uns nahmen, ist es ein Dauerbrenner: «Wo ist der kleine Hund?» Unmöglich zu sagen, wie oft sich unsere Maus schon davongeschlichen hat – jedenfalls genau so oft, wie sie irgendwann wieder unversehrt und fröhlich zurückkam. Als wir in Deutschland lebten, traf ich ständig wildfremde Leute, die mir sagten: «Oh, ich kenne deinen Hund, der war in meinem Garten.» Oder: «Hey, ich lasse deinen Hund jetzt nicht mehr rein, der hat uns letztens die ganze Wurst vom Frühstückstisch geklaut.»

Diu ist einfach süss und skrupellos zugleich, hat einen hervorragenden Orientierungssinn – und dieses gewisse «Strassenhund-Gen», was es beinahe unmöglich macht, sie vom Ausreissen abzuhalten. Das macht ihr einfach zu viel Spass – und Sie glauben ja gar nicht, wo der Hund überall Essen findet!

Normalerweise hat Diu die Flausen im Kopf

Ganz anders Gomolf: Unser Grosser bleibt eigentlich immer in Sicht- oder Rufweite – Punkt. Seine Anhänglichkeit geht sogar so weit, dass er sich früher geweigert hat, alleine raus in den Garten zu gehen (während Diu mehrere Blocks weiter in fremden Komposthaufen wühlte…).

Soviel zur Ausgangssituation. Irgendwie lagen die Dinge an diesem Tag allerdings anders. Wir hatten unser Schlaflager auf einem kleinen Seitenweg zwischen den Bäumen errichtet. In der Nähe waren ein paar kleine Dörfer, weiter nichts. Nachdem wir unseren Morgentee getrunken hatten (nein, Kaffee gibt’s hier leider nicht), packten wir langsam unsere Sachen zusammen. Michael verstaute gerade seine Matte, als er plötzlich innehielt. «Wo ist eigentlich Gomolf?» Ich blickte mich suchend um, konnte ihn aber nirgends entdecken. – «Keine Ahnung, pfeif‘ doch mal.» Mein Mann liess einen dieser Pfiffe los, bei denen ich mir die Ohren zuhalten muss, wenn ich zu dicht neben ihm stehe. Diu sieht uns erwartungsvoll an, als wollte sie sagen: «Geht’s wieder weiter?» – doch kein Gomolf weit und breit. Mit wachsender Unruhe bauten wir das Zelt ab, packten es ein und zurrten es auf meinem Gepäckträger fest. Als das erledigt war, fehlte noch immer jede Spur von unserem grossen braunen Hund. Wir begannen uns Sorgen zu machen.

Gomolf ist verschwunden!

«Wo ist denn der Dödel!?», fragte Michael halb besorgt, halb verärgert. «Der muss uns doch hören!» – «Goooooomoooooolf!!!», rief ich laut anstatt einer Antwort. Mein Mann stimmte mit ein – nichts passierte. «OK, ich geh‘ jetzt los und suche ihn, du wartest hier, falls er zurückkommt», sagte ich schliesslich und stapfte los.

Ich bemühte mich erfolglos, nicht daran zu denken, was alles passiert sein könnte. Dass in China Hunde gegessen werden, ist das Eine. Mindestens genau so beunruhigend ist aber die Tatsache, dass sich ungewöhnlich schöne oder grosse Hunde in asiatischen Ländern oft an einer kurzen Leine wiederfinden und fortan als Statussymbol dienen. Schwer zu sagen, welcher Gedanke schlimmer ist. Im Gegensatz zu Diu, die sich von Fremden nie berühren oder gar fangen lässt, selbst wenn sie mit Essen angelockt wird, ist Gomolf relativ vertrauensselig. Zudem trägt er sein Brustgeschirr, was es noch einfacher machen würde, ihn festzuhalten.

Aufs Geratewohl schlug ich den Weg ins Dorf ein, rief immer wieder Gomolfs Namen und blickte mich suchend um. Ein paar Einheimische beobachteten mich verwundert und überlegten wohl, was ich hier tat. Zum Glück ist das chinesische Wort für Hund sehr einfach: Go. So wandte ich mich hilfesuchend an die Leute: «Go?» Dazu zeigte ich Gomolfs Grösse an. Siehe da, ihre Gesichter hellten sich auf und sie deuteten in eine Richtung.

Nun kam mir die Tatsache zugute, dass unser Rhodesian Ridgeback-Rüde hier so stark auffiel, wie der sprichwörtliche bunte Hund. Ich musste nur nach «Go» fragen. Wer immer ihn gesehen hatte, stellte sofort den Zusammenhang her: Die fremde Frau sucht wohl den riesigen, fremden Hund, der hier vorhin durchgelaufen ist. Wenn ich nur ratlose Blicke erntete, wusste ich, dass ich auf der falschen Fährte war.

Kreuz und quer durch die Bergdörfer

Bald musste ich feststellen, dass in dieser hügeligen Gegend nicht nur ein Dorf, sondern eine ganze Reihe von kleinen Ansiedlungen war. Die Leute schickten mich immer höher auf den Berg, so dass ich schon Zweifel hatte, ob «Go», falsch ausgesprochen, nicht vielleicht etwas ganz anderes heisst – zum Beispiel «Berggipfel». So weit würde unser Hund doch niemals alleine gehen – oder doch? Obwohl mir die Leute halfen, war die Situation nicht besonders angenehm: Unzählige Augenpaare verfolgten meinen Weg durch die Dörfer, ich fühlte mich als Eindringling. Dazu kam die Sorge um Gomolf und eine wachsende Unruhe. Je öfter ich abbog und je weiter ich mich von unserem Schlaflager entfernte, desto schlimmer. Würde ich überhaupt den Rückweg finden?

Ich trug immer noch meine Jogginghose, in der ich geschlafen hatte, denn ich konnte ja nicht ahnen, dass ich hier so viele Menschen treffen würde. «In Deutschland ist das ganz normal, da tragen wir immer Jogginghosen», sagte ich immer wieder leise vor mich hin. Das ist unser Trick für peinliche Situationen: So tun, als ob es das Normalste auf der Welt sei. Denn welcher chinesische Bergdorfbewohner weiss schon, wie sich die Deutschen kleiden, wenn sie vormittags herumlaufen und ihren Hund suchen?

Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde die Spur auf einmal heisser. Die Leute waren nicht mehr verwundert, sondern eher amüsiert, als hätten sie schon auf mich gewartet. Mittels Kopfnicken und Armbewegungen lenkten sie mich zu einem Bauernhof. Dort fragte ich einen Mann schüchtern nach «Go?» und zeigte mit der Hand auf Hüfthöhe die Grösse an, da nickte er freundlich und bat mich in den Innenhof. Und wer stand da ganz verwirrt und wusste offensichtlich nicht mehr, wo er hergekommen war? Unser Gomolf! Erst wusste ich nicht, ob ich schimpfen oder mich freuen sollte, doch als er schwanzwedelnd und total erleichtert zu mir rannte, konnte ich gar nicht mehr böse sein.

Des Rätsels Lösung

«Ja, wo warst du denn?!» Auch Michael versuchte kurz und erfolglos, böse zu sein, als unser Grosser freudig auf ihn zusprang. Wir hatten nach einem kleinen Umweg endlich zurückgefunden, und ich erzählte meinem Mann, wo ich ihn gefunden hatte. «Da war wohl eine leckere Hundedame im Spiel, eh», mutmasste ich augenzwinkernd. Erst später entdeckten wir eine kleine blutende Wunde an Gomolfs Schlappohr – ein Indiz dafür, dass er sich mit anderen Rüden um ein Weibchen gestritten hatte. Wer weiss, vielleicht war es ihm sogar gelungen, hier in dem chinesischen Bergdorf ein paar Nachkommen zu zeugen. Wir witzelten ein bisschen über unseren «Sextouristen» aus Deutschland und schwangen uns endlich auf die Räder. Schliesslich hatten wir noch etwas vor und konnten uns nicht – wie unser Hund – einfach den sinnlichen Vergnügungen hingeben.

Die wertvollen Vormittagsstunden, an denen es noch nicht so warm ist, waren leider dahin, so mussten wir die übrigen Kilometer bis Mengla – die letzte Stadt vor der Grenze nach Laos – in der prallen Sonne zurücklegen. Wir kamen erschöpft und hungrig dort an, doch bevor es was zu beissen gab, mussten wir Bargeld auftreiben. Aus Erfahrung wussten wir schon, dass es gar nicht so einfach war, als Ausländer in China an ein paar Yuan-Scheine heranzukommen. Keine unserer Kreditkarten wurde angenommen, also konnten wir nur Bargeld eintauschen. Mit US-Dollar klappt das auch ganz gut – doch wir hatten Euro.

Nach einer Irrfahrt durch die Stadt waren wir um zwei Erkenntnisse reicher. Erstens: In den wenigsten chinesischen Bankfilialen spricht jemand Englisch. Zweitens: Es gibt eine einzige Bank, die Euro tauscht – und zwar an einem Schalter, der zwei Stunden pro Tag besetzt ist. Zum Glück waren wir heute noch nicht zu spät dran!

Wir finden etwas ganz Besonderes in China …

Und dann sahen wir doch noch etwas sehr Schönes in dieser Stadt: «Schau mal, da sind doch … Europäer!», sagt Michael und deutet auf die Strasse. Ich folgte seinem Blick – und tatsächlich: Zwei richtige Europäer, ein Mann und eine Frau. Wahnsinn! Das waren die ersten «Langnasen» seit Monaten, wir konnten nicht anders, als sie anzusprechen. Die beiden kamen aus Frankreich und wir verstanden uns auf Anhieb. Es war schön, sich nach dieser langen Zeit mal wieder mit jemandem aus dem selben Kulturkreis zu unterhalten.

Seit wir wieder mit dem Fahrrad unterwegs waren, war die Zeit wie im Flug vergangen. Unser erster Monat in China wollte und wollte nicht zu Ende gehen – kein Wunder, schliesslich waren wir wegen der Quarantäne für die Hunde zur Untätigkeit verdammt gewesen. Nun hatten wir das Land liebgewonnen und standen schon vor den Toren von Laos. Trotzdem freuten wir uns auf den Grenzübertritt, denn der Ausreisestempel von China besiegelte offiziell das Ende der härtesten Etappe dieser Reise. Wir hatten einen furchtbar frostigen Winter und einen Monat Quarantäne im absoluten Nirgendwo überstanden , das Schlimmste lag hinter uns. Und dennoch waren wir von einer gewissen Unruhe ergriffen.

Sorgen wegen der Ausreise

«Hoffentlich geht bei der Ausreise alles gut», sagte ich zu Michael am Vorabend des Grenzübertritts. Der warf mir einen Blick zu, als hätte er gerade lieber nicht daran gedacht. Im Internet hatten wir etwas gelesen, das uns grosse Sorgen bereitete: Hunde darf man aus China normalerweise nicht ohne weiteres ausführen. Ob das aber auch gilt, wenn die Tiere gerade erst eingereist sind, war unmöglich herauszufinden. Nach Auskunft der Behörde aus Nordchina, die uns die Papiere für die Quarantäne ausgestellt hatte, war es kein Problem – doch ob die das hier im Süden auch wussten …?

So hatten wir – wie leider viel zu oft – dieses flaue Gefühl im Bauch, als die Grenze in Sicht kam. Doch die chinesischen Beamten waren sehr freundlich. Sie grinsten, als sie die Hunde im Anhänger sahen, machten ihre Kollegen auf uns aufmerksam, verpassten uns ein paar Stempel in unsere Pässe – und das war es! Auf der laotischen Seite ging es noch gelassener zu. Ein paar Beamte mit ihren Stempeln in kleinen Holzhütten, ein bunter Visum-Aufkleber in unsere Pässe, ein Passfoto und ein paar Dollar von uns – und wir waren drin. Euphorisch schwangen wir uns auf die Räder, grinsten uns zu, fuhren los und stimmten ein paar hundert Meter später ein Jubelgeschrei an. Wir hatten es geschafft: Laos! Hier, so dachten wir uns schon seit Monaten, würden unsere ärgsten Probleme ihr Ende gefunden haben: kein Winter mehr, keine schlimmen Visum-Probleme, keine riesigen, mit dem Fahrrad unbezwingbare Länder, sondern einfach nur Südostasien. Bevorzugtes Reiseziel für zahllose Rucksack- und zunehmend auch Pauschaltouristen, durchzogen von vielen Flüssen, gespickt mit wunderschönen Inseln, traumhaften Stränden und bergigem, grünem Hinterland. Südostasien, das erste Grossziel unsere Fahrradreise. Nun wurde es wahr.

Endlich in Südostasien!

Die Unterschiede zwischen China und Laos wurden für uns gleich nach dem Grenzübertritt sichtbar: Die Strasse, die sich vorher als gut ausgebaute Überlandstrasse durch Tunnel und über Brücken erstreckte und Steigungen auf ein erträgliches Mass von maximal 4% reduzierte, hatte sich in eine klassische Bergstrasse verwandelt, die unbarmherzig jedes Tal und jede Kuppe mitnahm.

Michael war vor vielen Jahren schon einmal hier gewesen und erinnerte sich an eine ganz andere Besonderheit: «Schau mal, da vorne ist ein kleines Geschäft, da holen wir uns jetzt ein Beer Lao! Das ist richtig leckeres Bier – und weisst du warum? Der Braumeister hat sein Handwerk in Deutschland gelernt!» Ich liess mich nicht lange bitten und so ploppten kurz darauf zwei Kronkorken und wir stiessen auf unser neues Reiseland an. Als die Flaschen leer waren, war es nicht mehr weit her mit dem Fahrradfahren. Doch – und auch das schreibe ich dem Bier zu – das war uns für heute egal.

Mehr Infos unter: www.cycle-for-a-better-world.org

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

Ihre Meinung interessiert uns – Kommentar schreiben


Name (erforderlich)

Webseite