Züchten – aber richtig! – Oder wie man eine Rasse krankzüchtet

Viele Rassen wurden wegen der Richterentscheide durch die Züchter so verändert, dass sie nicht mehr dem fitten Urtyp entsprechen. Immer grösser, immer kleiner, immer fetter, immer schwerer, die Nase immer kürzer, mehr Fell, mehr Falten scheinen die neuen Zuchtziele zu sein. Diese übertriebenen Merkmale sind tierschutzrelevant, nur scheint dies niemanden zu interessieren. Die Rassehundezucht befindet sich aktuell an einem Tiefpunkt. Ein Umdenken bei den Züchtern zurück zur Normalität, zurück zu einem gesunden und funktionellen Körperbau, ist dringend notwendig.

 

Wie ein neuer Rassetyp kreiert wird

Für die Hypothese nennen wir ihn Bellino, diesen kleinen Rüden, der dank seines niedlichen Kopfes und seines üppigen Fells sämtliche wichtigen internationalen Ausstellungen in Mitteleuropa gewann. Auf Facebook wird man regelrecht mit Bellino-Bildern überflutet: Bellino auf dem Podest in Madrid, Rom, Budapest, Paris, London… Die Facebook lesenden Richter sehen, bei welchen bekannten Richtern Bellino bester Hund der ganzen Show wurde. Laut der FCI-Grundsatzerklärung dürfte Bellino jedoch keine einzige Bewertung mit dem Prädikat «vorzüglich» erhalten, da er im Stand (noch schlimmer in der Bewegung) laute, rasselnde Atemgeräusche von sich gibt. Insider erzählen, dass Bellinos Gaumensegel bereits operiert wurde und er ohne diese Massnahme noch viel mehr Mühe hätte zu atmen. Doch Bellino ist Multi-Champion, obwohl er sehr stark vom FCI-Standard, in dem der funktionale Urtyp beschrieben ist, abweicht.
Oft werden durch die Zucht rassetypische Merkmale übertrieben, weil die Züchter meinen, mehr sei besser. Im Fall Bellino sind dies der Kopf im Kindchenschema und das viel zu üppige Fell. Mit der Zeit gewöhnt man sich an dieses neue, übertypisierte Rassebild. Nur wenige erkennen die beklemmenden Ängste von Bellino, weil er durch seine nicht mehr existierende Nase und die winzigen Nasenlöcher zu wenig Luft bekommt. Um den Körper mit der nötigen Grundmenge Sauerstoff zu versorgen muss Bellinos Herz sehr viel Mehrarbeit leisten, was auf die Dauer zu einem grossen Problem wird.

Wen wundert es, dass Bellino sehr asozial ist und sich nicht mit anderen Hunden verträgt? Sein Leben entspricht dem eines menschlichen Schmerzpatienten. Infolge seiner bilderbuchhaften Ausstellungskarriere ist der kleine Multichampion ein sehr begehrter Deckrüde. Leider verhindert das übertrieben üppige Fell das natürliche Decken. Ohne tierärztliche Hilfe könnte Bellino keine Nachkommen zeugen. Auch bei der Geburt sind bei dieser Rasse Kaiserschnitte die Norm, da die immer breiter gezüchteten Köpfe zu gross für den engen Geburtskanal sind.

Den vollständigen Beitrag können Sie im SHM 7/16 lesen.

geschrieben von:
Eva Holdegger Walser

Eva Holdegger Walser

Eva Holderegger Walser züchtet Australian Cattle Dogs und ist Autorin des ersten deutschensprachigen ACD-Rassebuchs. Sie ist ehemalige Leiterin der Certodog-Ressorts Kurswesen und Zucht, sowie Referentin für die Lehrgänge «Zuchtwart» und «FBA». Ihre Workshops «Körperanalyse – Fit für Zucht und Sport?» (in Zusammenarbeit mit Doris Walder) sind akkreditiert für SKG- Züchter und SKG-Trainer. Kyn. Werdegang: SKN-A, FBA. Hundesport: Agility, Obedience, Sanitätshund. www.cattledog.ch

Ein Kommentar zu “Züchten – aber richtig! – Oder wie man eine Rasse krankzüchtet

  1. Renate Pohoralek

    Ja, wen wunderts. Doch ist es noch ein langer Weg, solche Zuchtstätten zum Umdenken zu bewegen, meistens unmöglich. Die Verantwortlichen sind es gewohnt sich herauszureden. Uebergeordnete Verbände sollten da eigentlich den Riegel schieben können und solchen Züchtern ein Zuchtverbot erteilen. Meine Erfahrung zeigt jedoch, dass in vielen Hundezuchten überhaupt der Wurm drin ist. Hunde werden noch immer in dunklen Räumen gehalten, eingepfercht in Boxen, schlechte Ernährung, X-Würfe im Jahr. Wen wundert’s, wenn die Sozialisierung, die Gesundheit auf der Strecke bleiben. Nein, das sind keine Auslandzuchten, existiert bei uns in der Schweiz!

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