Verhaltenstherapie – Loron, ein aggressives Ungeheuer?

Die Gesellschaft stellt an heutige Hund-Mensch-Teams sehr hohe Anforderungen. Die Anpassungsfähigkeit der Hunde wird dabei oft stark strapaziert und nicht selten sind die Vierbeiner und deren Halter damit überfordert.

Mit dieser neuen Serie in loser Folge möchten wir Ihnen Fall-Beispiele aus der tierpsychologischen Praxis von Katrin Schuster vorstellen. Wir möchten aufzeigen, dass auch bei grosser Mühe manchmal etwas schief laufen kann und auch aussichtslos geglaubte Situationen mit Engagement und der passenden Unterstützung positiv verändert werden können.

Text: Katrin Schuster, Fotos: zVg

Schäfermischling Loron(*) war als Welpe eigentlich ganz unauffällig. Er wuchs mit den Kindern der Familie auf und war überall mit dabei. Halbjährig fing er plötzlich an, fremde Menschen zu verbellen und sich auch bei Hundebegegnungen an der Leine aggressiv zu gebärden. Susanne(*) war aufgrund dieses Verhaltens stark verunsichert. Auf keinen Fall wollte sie bei ihren Mitmenschen unangenehm auffallen. So isolierte sie sich mit ihrem Hund zunehmend und verzichtete auf gemeinsame Wanderungen oder Ausflüge.

Die Verhaltensentwicklung von Loron belastete die ganze Familie und ganz besonders Susanne, die sich diesen Hund so sehr gewünscht hatte.

Hundetrainer und Tierärzte beurteilten Lorons Verhalten und rieten zu einer Kastration. Als Loron sieben Monaten alt war, befolgte Susanne diesen Rat. Das Verhalten blieb jedoch auch nach der Kastration unverändert und wurde über die kommenden Monate sogar eher noch schlimmer.

Verzweifelt und niedergeschlagen, suchte sie weitere Unterstützung.

Eine ausführliche Analyse bringt Licht ins Dunkel.

Meine Vorgehensweise:
Im Gegensatz zu den meisten Hundetrainern und Tierärzten beurteile ich das Verhalten nicht nur anhand dessen, was ich sehe. In einem langen Anamnesegespräch versuche ich, möglichst viele Informationen über die Entwicklung und jetzige Lebenssituation des Tieres in Erfahrung zu bringen. Oft werden hierdurch Zusammenhänge entdeckt, die zuvor nicht berücksichtigt wurden. Mein Anliegen ist es dabei auch, die Halter aufzuklären und ihnen die Entwicklung des Verhaltens verständlich zu machen. Denn Verständnis ist der erste Weg zur Besserung.

Für die Analyse besuchte ich Susanne und den damals zweijährigen Loron zu Hause. So war es mir möglich, den Vierbeiner in seinem gewohnten Umfeld zu beobachten.

Als ich reingebeten wurde, hörte ich Loron in einem Zimmer bellen. Susanne wies mir einen Platz im Wohnzimmer zu und liess den Rüden anschliessend dazu kommen.

Loron kam hereingetrabt. Sein Nackenfell war aufgestellt, den Kopf hielt er fast horizontal in einer Linie mit dem Rücken. Die hübschen Knickohren hatte Loron nach vorne gerichtet, während seine Rute unterhalb der Rückenlinie fast erstarrte. Er blickte mich direkt an und kam dabei ganz nah, um mich vorsichtig zu beschnuppern. Seine Anspannung war fast greifbar.

Um Loron zu besänftigen, sah ich immer an ihm vorbei und tat so, als würde ich ihn gar nicht bemerken. So konnte er sich nach einer Weile wieder von mir lösen.

Bei einem weiteren Kontakt versuchte ich Loron wie ein unbedarfter Besucher freundlich anzusprechen. Ich hielt ihm meine Hand zum Schnuppern hin und schaute ihn dabei sanft an. Dabei säuselte ich einige nette Worte. Loron reagierte, wie erwartet.

Der Rüde erstarrte erneut. Er zuckte kurz mit den Lefzen und keifte mich einmal aus sehr kurzer Distanz an, ohne mich zu berühren. Als ich weiter zu ihm hinsah und freundlich mit ihm sprach, bellte er immer aufgeregter. Gleichzeitig legte er nun den Rückwärtsgang ein, ohne mich aus den Augen zu lassen. Seine niedrig gehaltene Rute wedelte aufgeregt.

Draussen, gegenüber Passanten sah Lorons Verhalten ganz ähnlich aus. Der Rüde näherte sich diesen in geduckter Haltung und bellte, sobald eine gewisse Distanz unterschritten wurde.

Diese Beobachtungen zeigten deutlich, dass Loron ein sehr unsicherer Hund war. Aus irgendeinem Grund konnte der Rüde den vermeintlich gefährlichen Situationen aber nicht einfach aus dem Weg gehen. Stattdessen versuchte er, die Gefahr zu kontrollieren, und war schnell überfordert, wenn dies nicht zu gelingen schien.

Ein Cocktail aus genetischen Anlagen und Lernerfahrungen

«In den ersten Wochen müssen die Welpen alles kennenlernen, was sie später einmal bewältigen müssen, denn später ist diese Sozialisierung nicht mehr möglich.»
Dies ist leider ein fatales Missverständnis, das leider inzwischen häufig die Runde macht. Wichtiger ist, dass die jungen Hunde positive Lernerfahrungen machen, indem sie neugierig ihre Umwelt erkunden können!

Susanne erinnerte sich, dass Lorons Mutter gegenüber Fremden sehr misstrauisch war. Loron war im Vergleich zu seinen Wurfgeschwistern besonders zurückhaltend. Hier lag der Ursprung seiner Unsicherheit.
Susanne wusste aus Büchern und von Hundetrainern, dass die erste Zeit mit einem Welpen besonders wichtig ist. So sollte der zwölf Wochen alte Welpe lehrbuchgetreu sozialisiert werden.

Doch Loron war mit den vielen neuen Reizen überfordert und zog sich meistens zurück. Ihm fehlte in dieser wichtigen Zeit die Möglichkeit, all diese neuen Reize positiv abzuspeichern und akzeptable Strategien zu lernen um mit bedrohlichen Situationen zurechtzukommen. 

Hinzu kam eine ungünstige Lernerfahrung, die ihm erstmals einen Ausweg aus dem Stress zu zeigen schien. Eine junge Frau wollte Loron unvermittelt streicheln. Der Welpe erschrak und bellte, woraufhin sich die Frau ebenfalls erschrocken zurücknahm. Loron lernte in diesem Moment sehr eindrücklich, dass er sich unheimliche Zweibeiner durch Bellen vom Leib halten kann.

Wenige Monate später kam diese Erfahrung mit der hormonellen Umstellung des pubertären Jungrüden wieder hervor und wurde durch weitere Lernerfahrungen perfektioniert.

Lorons Verhalten gegenüber Hunden an der Leine war unabhängig davon entstanden. Frust und zunehmende Unsicherheit durch verschiedene Einwirkungen an der Leine verursachten dieses Verhalten. Durch immer seltener werdende Sozialkontakte fehlte ihm zusätzlich die Übung und er wurde auch dort zunehmend unsicher.

Dem Reiz das Bedrohliche nehmen

In den kommenden Wochen und Monaten wurden die Defizite aus der Sozialisierungszeit vorsichtig herausgearbeitet. Mit einer speziellen Doppelführung am Brustgeschirr konnte Loron sicher von seinem Verhalten abgehalten werden, ohne unangenehme Einwirkungen in Kauf nehmen zu müssen. Susanne konnte sich nun freier und sicherer mit ihrem Hund bewegen und ihn mit ihrer neu gewonnenen Souveränität anstecken.

Gleichzeitig wurden die bisher als bedrohlich wahrgenommenen Begegnungen mit Passanten durch Futterspiele und andere angenehme Aktionen positiv gestaltet, bis Loron in der Lage war, sich die Menschen einfach mal anzusehen. Beobachten zu dürfen und zu erkennen, dass die Zweibeiner gar nicht alle so bedrohlich sind, war für Loron eine wichtige Erkenntnis.

In kontrollierten Hundekontakten mit geeigneten Hunden konnte Loron fehlende Erfahrungen nachholen. Susanne lernte, ihn sinnvoll zu unterstützen und auch zu bremsen, wenn er zu ruppig wurde.
Nach zwei Wochen zeigten sich erste deutliche Besserungen. Im Laufe der folgenden Monate wuchsen Susanne und Loron zu einem Team zusammen, das sich heute durch gegenseitiges Vertrauen, Verständnis und klare Regeln im Umgang miteinander auszeichnet. Loron und Susanne geniessen inzwischen Ferien und Wanderungen mit der Familie. Konfliktsituationen werden im Team gemeistert und schweissen sie weiter zusammen.

(*Namen geändert)

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Katrin Schuster

Katrin Schuster

Katrin Schuster ist eine erfahrene Tierverhaltenstherapeutin. Seit ihrem 13. Lebensjahr engagiert sich die heute 34-Jährige aktiv für einen «realistischen» Tierschutz. Ihre Methoden beruhen auf ganzheitlichen Ansätzen. Neben der gesundheitlichen Abklärung bei Verhaltensauffälligkeiten liegen ihr die tiergerechte Haltung sowie der respektvolle und faire Umgang zwischen Tier und Mensch am Herzen. Katrin Schuster arbeitet mit Tierpsychologen, Fachtierärzten und Tierheilpraktikern eng zusammen.

2 Kommentare zu “Verhaltenstherapie – Loron, ein aggressives Ungeheuer?

  1. Andrea

    Ich kann diesen Bericht sehr sehr gut nachvollziehen, da auch mein Hund sehr unsicher ist und eine sehr ungünstige Sozialisierungsphase hatte. Er bellt zwar an der Leine keine Fremden an, sondern versucht hier eher zu flüchten, aber ohne Leine, im Garten oder daheim werden die Leute oder der Besuch erst mal angebellt, obwohl er ja hier „flüchten“ könnte. Auch ich bin davon ausgegangen, das eine falsch verlaufene Sozialisierung nicht mehr korrigiert werden kann und da ich zum ersten Mal Hundehalterin bin, bin ich natürlich selbst unsicher und meinem Hund keine große Hilfe. Dieser Bericht zeigt mir jedoch, dass ich mit der geeigneten Unterstützung auch meinem Hund in seinem unsicheren Verhalten noch helfen kann

    Antworten
    1. Katrin Schuster

      Hallo Andrea,
      es freut mich sehr, dass dieser Fallbericht genau das bewirkt, was wir erhofft hatten! Herzlichen Dank für Deine Rückmeldung!

      Antworten

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