Ungeliebtes Jagdverhalten beim geliebten Hund

Von unseren Hunden wird vieles verlangt, was nicht ihrer Verhaltensnorm entspricht. Teilweise steuern die Forderungen sogar gegen die genetischen Anlagen. Um die passenden Erziehungsmassnahmen zu finden, möchte ich Sie anregen, sich in Ihren Hund zu versetzen. Prüfen Sie, welche Vorteile ihm durch sein Verhalten entstehen und was es ihm bringen könnte, stattdessen Ihre Ideen umzusetzen. In dieser Serie erhalten Sie Anregungen, wie Sie das Verhalten Ihres Vierbeiners zu Ihren Gunsten beeinflussen können.

 

Jagen tun sie (fast) alle!

Teilt man die vielen verschiedenen Rassehunde nach der ursprünglichen Nutzung ein, also nach dem früheren oder auch noch heutigen Zuchtziel, dann gehört mindestens die Hälfte den Jagdhunden an. Diese wurden je nach Verwendungszweck züchterisch auf spezielle Ausprägungen einzelner Handlungsfolgen im Jagdverhalten selektiert. Sie wurden zu Spezialisten auf verschiedenen Gebieten der jagdlichen Nutzung.

Hunde des Urtyps werden in ihren Ursprungsländern universell eingesetzt, unter anderem aber auch zur Jagd. Hütehunde zeigen ein abgewandeltes Jagdverhalten, das beim Hüten von Nutztieren von Vorteil ist. Windhunde wurden grösstenteils als Jagdbegleiter in den südlichen Ländern gezüchtet. Die Kategorien der Herdenschutz- und Hofhunde zeigen als einzige jagdlich eher weniger Interesse, was nicht heisst, dass sie nicht auch mal auf den Geschmack kommen können. Die meisten Gesellschaftshunde stammen von zahlreichen Rassekategorien ab und sind vorwiegend auf Kleinwüchsigkeit und Niedlichkeit selektiert worden. Je nach züchterischem Hintergrund sind diese immer noch jagdlich sehr motiviert. Nur wenige Hunderassen aus dieser Kategorie sind tatsächlich nicht oder kaum interessiert.

 

Jagdverhalten ist also tief in unseren Hunden verankert. Es ist ein wichtiger Verhaltensbestandteil des Raubtiers Hund und kann nicht einfach als unerwünscht abgetan und wegtrainiert werden. Mit wenigen Ausnahmen sollte sich daher jeder Hundehalter mit der jagdlichen Ambition seines Hundes auseinandersetzen und überlegen, wie er damit umgehen möchte.

 

Das Jagdverhalten der Wölfe

Das Jagdverhalten wird in der Ethologie einem eigenen Funktionskreis zugeteilt, der unabhängig von der Nahrungsaufnahme durch eine eigenständige Motivation genährt wird. Passende Reize lösen beim Jungtier fast automatisch Elemente des Jagdverhaltens aus, wenn nicht gerade andere Motivationsgrundlagen (Erschöpfung, Gefahrenvermeidung) überwiegen. Ein Schmetterling oder ein davonfliegendes Blatt können genauso das Nachlaufen und Belauern auslösen wie eine Maus, ein Kaninchen, ein Auto oder ein Artgenosse, der sich dem Reizschema entsprechend verhält.

Durch wachsende Erfahrung wird die Reaktionsbereitschaft nach und nach angepasst, um die Ressourcen für jene Reizsituationen aufzusparen, die den grössten Erfolg versprechen. So werden gesunde oder wehrhafte Tiere oft gar nicht verfolgt. Stellt sich ein Tier erst nach dem Einholen als wehrhaft heraus, gelingt es einer Gruppe in Ausnahmefällen, dieses durch Attacken aus verschiedenen Richtungen zu ermüden, bis es doch noch gelingt, das Tier zu erlegen. Aber nicht selten lassen die Wölfe von der vermeintlichen Beute ab und hoffen auf eine günstigere Gelegenheit.

Jagen ist nicht gleich jagen

Hunde sind natürlich keine Wölfe, sie zeigen lange nicht mehr das gleiche ausgefeilte Jagdverhalten wie ihre Vorfahren. Domestikation und züchterische Selektion haben dieses deutlich verändert.

Das Jagdverhalten unserer Hunde reift oft nicht vollständig heran und bleibt auf einem jugendlichen Niveau. Wie beim Jungwolf kann das Verhalten von zahlreichen Haushunden daher auch durch beuteähnliche Reize ausgelöst werden wie fliegende Bälle, wegrennende Artgenossen, spielende Kinder, teilweise Velofahrer, Jogger oder auch mal Autos. Häufig fehlt zudem der Ernstbezug; die Beute wird wahllos attackiert oder «nur» zum Weiterrennen animiert. Auch das koordinierte Vorgehen bei der Jagd haben Haushunde grösstenteils verloren.

Speziell bei einigen Hütehunden sind übersteigerte und schneller heranreifende Verhaltenselemente zu beobachten. Das Fixieren, Lauern und Anschleichen ist bei diesen stärker ausgeprägt und kann schon beim acht Wochen alten Welpen vollständig beobachtet werden, wenn die passenden Reize auftreten. Einige Jagdhunderassen beginnen im gleichen Alter mit dem ehrgeizigen Verfolgen von Wildspuren. Wölfe beginnen erst mit fünf bis sechs Monaten die ersten Jagdansätze zu zeigen. Bei Hof- und Herdenschutzhunden dagegen reift das Jagdverhalten grösstenteils deutlich später heran. Das Lauern und Anschleichen ist bei diesen auch am Ende der Entwicklung oft nur im Ansatz zu erkennen. Neben diesen Extremformen finden sich bei den verschiedenen Hunderassen jegliche Zwischenstufen und Ausprägungen.

Eine Gemeinsamkeit haben jedoch alle Formen des Jagdverhaltens: Jagdverhalten ist selbstbelohnend! In dem Moment, wo die Verfolgung eines Beutetieres aufgenommen wird, wird das Belohnungshormon Dopamin zusammen mit Endorphinen vermehrt produziert. Diese vermitteln dem Vierbeiner ein überwältigendes Glücksgefühl. Das Schmerzempfinden wird ausgeschaltet und alle bis dahin vorhandenen Bedenken verschwinden.

 

Alternatives Jagdtraining statt Anti-Jagdtraining

Hunde sind sehr anpassungsfähig und können sich in vielen Lebenssituationen zurechtfinden. Doch die Elemente des Jagdverhaltens werden nach der Ausreifung mehr oder weniger stark ausgelöst, sobald der Hund in eine passende Reizlage gerät. Bei ambitionierten Jägern ist es fast unmöglich, sie vor solchen Reizen zu isolieren oder deren Verhalten im Freilauf zuverlässig zu unterbinden, ohne starke Strafreize zum Einsatz zu bringen. Zudem wirken diese nicht lange und dauerhaft.

Die Kunst der Hundehaltung ist es daher, die jagdlichen Anlagen in geeignete Bahnen zu lenken, sodass der Vierbeiner diese ausleben kann, ohne dadurch sich oder anderen zu schaden. Um passende Alternativen zum Jagdverhalten zu finden, ist es hilfreich sich zu überlegen, was eine Jagd ausmacht und welche speziellen Anlagen die einzelnen Rassen mitbringen.

Jagen beinhaltet viele Aspekte, die beim alternativen Jagdtraining angesprochen werden sollten:

  • Körperliche Koordination
  • Ausdauer und Geschicklichkeit
  • Geruchsspuren wahrnehmen und verfolgen
  • Strategien aushecken und verfeinern
  • Koordination mit Sozialpartnern

Die Anlagen der einzelnen Rassekategorien sollten bei der Auslastung besondere Beachtung finden. Doch auch und gerade die Elemente, die die Hunde nicht so ausgeprägt mitbringen, können durch gezieltes Training herausgekitzelt werden und steigern so die Flexibilität des Vierbeiners.

Bei der Ausbildung von Jagdhunden für die jagdliche Nutzung kann man davon ausgehen, dass die Hunde ihre Jagdpassion selber mitbringen, ähnlich wie bei Hütehunden. Ausgebildet wird vor allem die Fähigkeit, sich mit dem Menschen abzusprechen und ruhig zu bleiben, wenn trotz passender Reize keine Jagd möglich ist. Wild ruhig zu beobachten, Spuren anzuzeigen statt sofort nachzusetzen ist neben anderen Aufgaben ein viel gefordertes Verhalten der genutzten Jagdhunde. Durch geschicktes Training kann dies gefördert werden – zumindest dann, wenn der Vierbeiner zeitweise auch das vollständige Repertoire ausleben darf.

Hundesport eignet sich nur begrenzt als alternatives Jagdtraining, denn es ist der tägliche Spaziergang, wo das unerwünschte Jagdverhalten bei Hunden ausgelöst wird. Sie sollten daher gerade den Spaziergang für ein alternatives Jagdtraining nutzen und Ihrem Hund zeigen, wo und wann eine erfolgreiche Jagd möglich ist.

 

Werden Sie zum Jagdhelfer Ihres Hundes!

Gemeinsam Jagen zu gehen ist nicht einfach eine strenge Abfolge von Signalen und Ritualen. Auch das stereotype Hinterherhetzen nach Bällen und Stöckchen entspricht nicht im Ansatz der anspruchsvollen Aufgabe bei einer Jagd. Es fördert stattdessen das unüberlegte Losrennen bei auftauchenden Bewegungsreizen und ist eher kontraproduktiv. Jagen gehen beinhaltet Spannung, Aktion, wechselnde Herausforderungen und viele aufregende Überraschungen. Immer wieder ist eine Neukoordination nötig, um erfolgreich zu sein. Keine Jagd ist wie die andere. Wenn Sie Ihrem Hund das auf dem Spaziergang glaubwürdig vermitteln können, ist es möglich ihn davon zu überzeugen, nur dann auf die Jagd zu gehen, wenn Sie eine geeignete «Beute» ausgemacht haben. Eine Anregung für spannende Jagden mit Ihrem Hund finden Sie im nebenstehenden Kasten.

Alternatives Jagdtraining mit dem Hund schafft meiner Meinung nach erst eine reelle Chance, Ihrem Hund das «Solojagen» zu untersagen. Bei einigen sehr kooperativen Hundetypen reicht es sogar vollkommen aus, glaubwürdige Alternativen zu bieten und den gemeinsamen Spass zu zelebrieren! Gehört Ihr Hund zu den jagdpassionierten und eher selbstständigen Vierbeinern, wird das alleine noch nicht ausreichen. Gegen ein Kaninchen oder eine Rehspur werden Sie niemals wirklich bestehen können. Hier ist es am Ende vielleicht doch noch nötig, ein Abbruchsignal aufzubauen, das für den Hund echte Relevanz hat. Das Abbruchsignal kann als Bestandteil der gemeinsamen Jagd aufgebaut werden, indem der Beuteersatz auf Ansage zeitweise nicht verfügbar ist. Dies kann auf andere, echte Beute übertragen werden, sofern etwaiges Ignorieren des Signals mittels Leine zuverlässig verhindert wird. Jegliche Zurückhaltung eröffnet dann jeweils alternative Jagdspiele, die lohnenswerter sind als dem tabuisierten Reiz nachzugehen. Es wird dem Hund zur Gewohnheit, auf die Signale seines Halters zu vertrauen. Nach gewissenhaftem Training schafft es Ihr Hund, attraktive Reize zu ignorieren und sich auf Ihre lohnenswerten Alternativen einzulassen.

 

Text und Fotos: Katrin Schuster

 

Finger weg von Leistungszuchten?

Die züchterische Selektion nach Leistungs- und Showlinien bringt leider keinen übermässigen Vorteil. Fliesst das Verhalten nicht mehr oder nur bedingt in die Zuchtwahl ein, also stehen optische Merkmale im Vordergrund, heisst das nicht, das jagdliche Ambitionen dadurch weniger werden. Nur die Spezialisierung verliert sich bei den Showlinien und die Hunde zeigen wieder ein vielfältigeres Jagdspektrum. Dies ist in unerfahrenen Händen nicht unbedingt einfacher zu handhaben.

 

Domestikationsbedingte Veränderungen

Zimen beschreibt die Veränderungen im Verhalten des Haushundes als Mosaik aus vier Merkmalen:

  • Fetalisation ‒ keine vollständige Ausreifung, jugendliches Verhalten
  • Hypertrophie ‒ übersteigertes Verhalten
  • Akzeleration ‒ schnelleres Heranreifen einzelner Verhaltenselemente
  • Retardation ‒ langsameres Heranreifen einzelner Verhaltenselemente

im Vergleich zum Stammvater Wolf.

Diese Veränderungen sind beim Jagdverhalten, aber auch im Sozialverhalten sowie in anderen Funktionskreisen festzustellen und je nach Rasse unterschiedlich ausgeprägt.

 

Jagdverhalten ist eine Handlungskette aus mehreren Verhaltenselementen

Diese Elemente reifen während der Individualentwicklung (Ontogenese) der Hunde unabhängig voneinander heran und werden im Spiel eingeübt.

  • Nah- und Fernorientierung (Wittern, Vorstehen, Spur aufnehmen, Horchen, Beobachten, Fixieren)
  • Lauern, Anschleichen
  • Hetzen, ausgelöst durch sich schnell wegbewegende Reize
  • Scheinattacken, Ermüden der Beute
  • Packen und Töten

Spezielle Jagdformen bei kleinen Beutetieren:

  • Mäuselsprung
  • Beuteschütteln zum Töten der Beute

 

Alternative Jagd, Teambildung zwischen Mensch und Hund – Eine Anregung

Unerwartet bleibt der Zweibeiner stehen, schaut gespannt in eine Richtung und lässt geräuschvoll Luft aus seiner Nase oder seinem Mund entweichen: «Ohhhh, ich hab was entdeckt!», teilt er seinem Vierbeiner gnädigerweise anfangs mit, weil der ja noch nichts von den Fähigkeiten seines Menschen weiss.

Dann rennt er los durchs Gebüsch und verschwindet hinter der Hecke. Es knackt und kracht im Unterholz, das kann der vierbeinige Begleiter nicht mehr ignorieren. Er muss gucken kommen, was denn da los ist. Und tatsächlich! Der sonst so unbeholfene Zweibeiner hat inzwischen Beute gemacht. Ein ganzes Stück Pansen ist noch übrig! Freundlicherweise bekommt der Hund davon sogar noch ein Stückchen ab.

Das nächste Mal, wenn der Mensch etwas entdeckt hat, koppelt sich sein Hund schneller an ihn – das will er nicht mehr verpassen. Der Weg zur gemeinsamen Jagd ist eröffnet. Gewiefte Beute versteckt sich auf Bäumen und Steinwällen. Vor dem Mensch-Hund-Team ist sie aber auch dort nicht sicher. Der Vierbeiner klettert auf Anraten des Jagdbegleiters hoch und bekommt am Geschirr dabei wichtige Stütze von seinem Menschen. So sind sogar heikle Stellen gut zu überwinden und der Jagderfolg ist gesichert. Andere Beutestücke verstecken sich unter grossen Steinen, Wurzeln oder Asthaufen. Strategien müssen ausgeheckt werden, wie die Beute am besten erreicht werden kann und wieder ist es oft erst im Team möglich, die Aufgabe zu lösen.

Manchmal ist es nötig, flüchtende Beute (zum Beispiel beliebte Spielobjekte an einer Reizangel) gemeinsam einzukreisen, sich langsam nach gegenseitiger Absprache anzupirschen und den passenden Moment abzuwarten, um erfolgreich zupacken zu können. Ein anschliessendes Zerrspiel kann das Erlegen der Beute simulieren.

Jegliche Such- und Apportierspiele können prima in das alternative Jagdtraining eingeflochten werden. Das erfolgreiche Zusammenspiel der Fähigkeiten von Mensch und Hund hilft dabei, ein Team zu bilden und Spass an der Gemeinsamkeit zu finden.

 

Anmerkung der Redaktion:

Beachten Sie auch auf unserer Homepage www.hundemagazin.ch unter «Themen» → «Hundeausbildung» die Beiträge «Die Arbeit mit der Reiz- oder Bewegungsangel» und unter «Verhalten» → « Jagdhunde verstehen».

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Katrin Schuster

Katrin Schuster

Katrin Schuster ist eine erfahrene Tierverhaltenstherapeutin. Seit ihrem 13. Lebensjahr engagiert sich die heute 34-Jährige aktiv für einen «realistischen» Tierschutz. Ihre Methoden beruhen auf ganzheitlichen Ansätzen. Neben der gesundheitlichen Abklärung bei Verhaltensauffälligkeiten liegen ihr die tiergerechte Haltung sowie der respektvolle und faire Umgang zwischen Tier und Mensch am Herzen. Katrin Schuster arbeitet mit Tierpsychologen, Fachtierärzten und Tierheilpraktikern eng zusammen.

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