Thema Bellen – «Sei doch endlich ruhig!»

Von unseren Hunden wird vieles verlangt, was nicht ihrer Verhaltensnorm entspricht. Teilweise steuern die Forderungen sogar gegen die genetischen Anlagen. Um die passenden Erziehungsmassnahmen zu finden, möchte ich Sie anregen, sich in Ihren Hund zu versetzen. Prüfen Sie, welche Vorteile ihm durch sein Verhalten entstehen und was es ihm bringen könnte, stattdessen Ihre Ideen umzusetzen. In dieser Serie erhalten Sie Anregungen, wie Sie das Verhalten Ihres Vierbeiners zu Ihren Gunsten beeinflussen können.

 

Wölfe bellen anders

Das Bellen von Hunden ist aus verhaltensbiologischer Sicht ein sogenanntes «hypertrophiertes» Verhalten. Wölfe bellen nicht wie Hunde. Ihr Bellen ist viel seltener und differenzierter. Im Laufe der Domestikation hat sich diese differenzierte Lautäusserung zu lautstarkem Bellen gesteigert. Je nach Verwendungszweck wurde sogar explizit auf prägnantes Bellen selektiert, um von der Wachsamkeit der Hunde zu profitieren oder um beim «Jagdgeläut» der Hundemeute die Position des verfolgten Wildes einschätzen zu können. Das Bellen von Hunden ist ganz allgemein gesprochen ein Erregungslaut, der bei jeglicher Form von Aufregung mehr oder weniger stark ausgeprägt ertönt. Je nach Rasse und individueller Veranlagung sind Bellfreude und Klangformen sehr variabel.

Bei bellfreudigen Hunden kann diese Eigenschaft sehr belastend werden. Gerade in Mietwohnungen, aber selbst in der Hundeschule sind regelmässig Halter und Trainer mit der Aufgabe gefordert, den bellenden Hund ruhig zu bekommen. Das Verhalten einfach zu unterbinden ist der erste Impuls, dem wohl jeder Hundehalter erst mal folgen würde. Man möchte nicht auffallen und die Geduld der Nachbarn nicht unnötig strapazieren. Doch wie geht es dem bellenden Hund eigentlich dabei?

 

Bellen als Indikator für die emotionale Verfassung des Hundes  

Wenn Hunde bellen, dann drücken sie damit meist ihren Erregungszustand aus. Um welchen Erregungszustand es sich handelt, kann durch geübtes Zuhören erkannt werden. Wird eine vermeintliche Bedrohung verbellt, tönt das Bellen geräuschhaft oder atonal. Das konnte die Biologin Dorit Feddersen Petersen in ihren Akustikstudien mit Haushunden herausfinden. Handelt es sich um freudige Aufregung, klingt das Bellen mehr, es ist dann tonal. Wer seinem Hund beim Bellen genau zuhört, wird den Unterschied bald herausfinden. Aber auch körpersprachliche Hinweise können helfen zu verstehen, wie der Erregungszustand zu deuten ist.

 

Monotones Dauerbellen kann im Bereich der Stereotypien eingeordnet werden. Es ist ein Indikator dafür, dass der Hund mit einer Situation überfordert ist und keine geeignete Bewältigungsstrategie kennt. Dauerbellen bewirkt, dass das Gehirn trotz fehlender Belohnungsfaktoren mit dem Glückshormon Dopamin geflutet wird und dadurch eine eigentlich unerträgliche Situation halbwegs erträglich gestaltet wird. Diese Form des Bellens wird aufgrund des selbstbelohnenden Faktors zum «Selbstläufer» und kann auch dann auftreten, wenn die Situation sich deutlich verbessert hat.

 

Bellen unterbinden?  

Manchmal ist es durchaus möglich und hilfreich, das Bellen einfach zu unterbrechen, wenn der Hund sich stören lässt. Dabei liegt die Betonung auf unterbrechen. Es geht hier weniger darum, dem Hund etwas zu verbieten, denn auch positive Reize können eine Unterbrechung bewirken. Der Vierbeiner wird aus dem Konzept gebracht und wird so oft ansprechbarer.

Das Bellen nur zu verbieten, ist in den allermeisten Fällen dem Hund gegenüber nicht fair und funktioniert in der Regel nicht dauerhaft, auch wenn der Impuls nur allzu verständlich ist. Die beteiligten Gefühle des Vierbeiners sollten unbedingt Beachtung finden. Nur dann ist es möglich, nachhaltige Änderungen des Bellverhaltens zu erreichen.

 

Realistisches Ziel definieren  

Zu allererst sollten Sie sich bewusst sein, dass ein bellfreudiger Hund kaum jemals das Bellen komplett einstellen wird. Das Nervenkostüm einiger Hunde ist so dünn, dass sie sehr schnell «auslösen», selbst wenn Sie perfekt mit Ihrem Hund arbeiten. Auch sind freudige Erregungszustände in Massen durchaus wünschenswert, denn was wäre das Leben ohne Jauchzer voller Lebenslust?

Was Sie erreichen können, ist, dass Ihr Hund schneller aufhört zu bellen und vielleicht insgesamt seltener anschlagen muss. Auch die Intensität des Bellens bei freudigen Erregungszuständen kann bei sorgfältigem Umgang niedrig gehalten werden. Definieren Sie Ihr Ziel daher mit Bedacht und arbeiten Sie sich Schritt für Schritt hin zu einem entspannteren und leiseren Miteinander.

 

Erregungslage senken, Konzentration fördern

Da Bellen ein Zeichen von Erregung ist, im weitesten Sinne von Stresszuständen, sollte hieran zu allererst angesetzt werden. Statt dem Hund das Bellen abzugewöhnen, lautet daher das erste Ziel, den Erregungszustand des Hundes so zu verringern, dass er nicht mehr bellen muss, um seine Aufregung lautstark zu verkünden.

Definieren Sie die verschiedenen Auslöser des Bellens und ordnen Sie die emotionalen Zustände Ihres Hundes zu. Je nachdem, warum Ihr Hund bellt, können Sie dann prüfen, ob Sie in der Lage sind, diese Erregungszustände erst mal weitgehend zu vermeiden oder kontrolliert zu Trainingszwecken aufzusuchen. Vermeiden Sie Überforderung oder übersteigerte Erregung, zum Beispiel durch unkontrollierte Beutespiele (monotones Ball- oder Stöckchenholen). Sorgen Sie dafür, dass Ihr Hund regelmässig zur Ruhe kommen kann. Vor allem bei Hütehunden ist es teilweise nötig, gezielte Auszeiten zu definieren.

Sorgen Sie dafür, dass die Aufregung, die unweigerlich entsteht, schneller wieder sinken kann und erreichen Sie damit eine erste Verbesserung. Wenn Sie Musse haben, können Sie zu Hause ein Entspannungsritual aufbauen, das Sie in erregenden Situationen aufgreifen können.

Erst wenn das Stress-System beruhigt ist, kann der Vierbeiner auch Signale empfangen und diese umsetzen. So können die Hunde anschliessend durch gute Anleitung lernen, was genau von ihnen in den aufregenden Situationen gewünscht wird. Handlungen, die Konzentration erfordern, wirken der Aufregung oft zusätzlich entgegen und sorgen dafür, dass Bellen nicht oder weniger auftritt. Doch Vorsicht: Bellt Ihr Hund vor allem in Trainingssituationen, sollten Sie die Übungen sehr sorgfältig planen und Über- sowie Unterforderung vermeiden.

 

Text: Katrin Schuster

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Katrin Schuster

Katrin Schuster

Katrin Schuster ist eine erfahrene Tierverhaltenstherapeutin. Seit ihrem 13. Lebensjahr engagiert sich die heute 34-Jährige aktiv für einen «realistischen» Tierschutz. Ihre Methoden beruhen auf ganzheitlichen Ansätzen. Neben der gesundheitlichen Abklärung bei Verhaltensauffälligkeiten liegen ihr die tiergerechte Haltung sowie der respektvolle und faire Umgang zwischen Tier und Mensch am Herzen. Katrin Schuster arbeitet mit Tierpsychologen, Fachtierärzten und Tierheilpraktikern eng zusammen.

Ihre Meinung interessiert uns – Kommentar schreiben


Name (erforderlich)

Webseite