Territorialverhalten – «Mein Haus, mein Garten, mein Mensch!»

Von unseren Hunden wird vieles verlangt, was nicht in ihrer Verhaltensnorm enthalten ist. Teilweise steuern die Forderungen sogar gegen die genetischen Anlagen. Um die passenden Erziehungsmassnahmen zu finden, möchte ich Sie anregen, sich in Ihren Hund zu versetzen. Prüfen Sie, welche Vorteile ihm durch sein Verhalten entstehen und was es ihm bringen könnte, stattdessen Ihre Ideen umzusetzen. In dieser Serie erhalten Sie Anregungen, wie Sie das Verhalten Ihres Vierbeiners zu Ihren Gunsten beeinflussen können.

 

Viele Hundewelpen sind Besuchern gegenüber aufgeschlossen. Hochspringen und Pieseln vor Aufregung sind die gängigen Verhaltensweisen, mit denen Welpenhalter zu kämpfen haben. Ängstliche oder zurückhaltende Welpen halten Abstand oder zeigen sich sehr unterwürfig bei der Kontaktaufnahme. Dies lässt erste Tendenzen erkennen, wie sich das Verhalten mit zunehmendem Alter entwickeln könnte.

Selbst wenn die Welpen vornehmlich positive Erfahrungen mit Besuchern machen, kann sich das zuerst überschwänglich-freundliche Verhalten mit dem Heranreifen schleichend ändern. Die psychische Entwicklung der Hunde sieht es je nach Rasseveranlagung vor, dass Fremde nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt willkommen sind. Später wendet sich das Blatt.

 

Ursprung und Zweck der territorialen Veranlagung

Beobachtungen an Wölfen zeigen, dass einige Rudelmitglieder zeitweise auf Wanderschaft gehen und sich später dem Rudel wieder anschliessen. Wolfswelpen kennen diese nicht und begrüssen vorsichtshalber alle Neuankömmlinge unterwürfig und freundlich. Dieses Verhalten löst bei den erwachsenen Tieren fast unweigerlich Pflegeverhalten aus und sichert so, dass die Welpen angenommen und akzeptiert werden.

Später werden rudelfremde Tiere nicht mehr im Revier, dem sogenannten Heim erster Ordnung, geduldet. Zumindest dann, wenn sich die jungen Erwachsenen als selbstbewusst und sozial sicher etablieren konnten, werden Eindringlinge vehement vertrieben. Der Grund ist die Ressourcenverteilung im Revier. Neben Ruhezonen und «Spielplätzen» findet dort die Welpenaufzucht statt. Das klar abgesteckte Revier gewährleistet das sichere Aufwachsen der Jungtiere und entspannte Erholungsphasen für die Erwachsenen.

 

Freund oder Feind?  

Beim Haushund übernehmen Haus und Garten die Revierfunktion. Statt den Welpen sind es wichtige Futterressourcen, die das Territorialverhalten beim Haushund besonders steigern. 

Feind ist, wer sich wie ein solcher verhält. Feinde dringen respektlos in die Privatsphäre der Vierbeiner ein und lassen sich am Ende ganz oft doch noch verscheuchen.

  • Der Postbote kommt ungefragt, hinterlässt fremde Gerüche und geht anschliessend wieder. Aus Sicht des Hundes scheint er unglaublich lernresistent zu sein. Egal wie oft er schon «des Hauses verwiesen wurde», er kommt immer wieder aufs Neue, um seine «Marke» dazulassen.
  • Handwerker laufen unbedacht durch die «Privatgemächer» des Hundes und lassen oft strenge Geruchsmarken zurück. Die zweibeinigen Rudelmitglieder schauen tatenlos zu, wie die Einrichtung «demoliert» und «umgestaltet» wird. Das ist für manchen Hund absolut nicht nachvollziehbar.
  • Bei fremdem Besuch kann eine freundliche, unaufdringliche Begrüssung die Lage oft noch entspannen. Verhält sich der Fremde jedoch merkwürdig, übermässig unsicher oder ähnlich «respektlos» wie Handwerker, wird es schwieriger, den Hund von dessen Ungefährlichkeit zu überzeugen.
  • Wer sich vertreiben lässt, gehört sicher nicht dazu! Erfolgreiches Vertreiben ist extrem belohnend. Gerade Passanten am Gartenzaun werden von vielen Hunden sehr erfolgreich immer wieder erneut «in die Flucht geschlagen». Diese Lernerfahrung erhöht die Reaktionswahrscheinlichkeit des Hundes in diesen Belangen.

 

 

Ressourcenverwaltung klären   

Haus und Garten können unterteilt werden, um die Bedürfnisse von Mensch und Hund gleichermassen zu erfüllen. In frei verfügbare Sicherheits- und Ruhezonen können sich die Hunde jederzeit zurückziehen und entspannen. Öffentlich zugängliche Bereiche beansprucht der Mensch bei Bedarf für sich, um Besucher zu empfangen.

Die Sicherheits- und Ruhezonen des Hundes liegen geschützt und abseits vom Eingangsbereich, aber nicht unbedingt in einem anderen Zimmer. Besucher sollten nicht unmittelbar an diesen vorbeilaufen müssen. Um die Bedeutung der Orte zu festigen, wird regelmässig mit dem Hund in diesen Zonen gekuschelt und gespielt. Hier erhält der Vierbeiner alle ihm wichtigen Ressourcen: Knabberartikel, gemütliche Kuschelecken, frei verfügbares Spielzeug und ausreichend Wasserquellen. Auch die tägliche Fütterung kann dort stattfinden.

Alle anderen Bereiche können im Gegensatz dazu zeitweise und nach Bedarf vom Halter beansprucht werden. Der Zugang zum Eingangsbereich sowie Bereiche, in denen Essen (oder Futter) zubereitet und verspeist wird, sind je nach Hund auch vollständig tabu.

Gerade der Zugang zum Garten sollte anfangs nur unter Aufsicht, gegebenenfalls an der Leine ermöglicht werden, um die Lernerfahrungen kontrollieren zu können. Auch im Garten können Ruhe- und Sicherheitszonen fernab vom begrenzenden Zaun eingerichtet werden. Die Vierbeiner dürfen unter Anleitung lernen, dass Passanten in ausreichender Distanz auftauchen und wieder verschwinden, ganz ohne dass hierfür ein aktives Einschreiten nötig ist. Der Bereich vor dem Gartenzaun wird wiederum vermehrt vom Halter beansprucht. Dort darf sich der Vierbeiner nur aufhalten, wenn er Passanten keine Beachtung schenkt.

  

Der Zweibeiner übernimmt 

Schon der Welpe kann darauf vorbereitet werden, dass nicht jeder Mensch begrüsst werden muss. Sanft wird er zurückgehalten, wenn Besucher kommen. Eine Kontaktaufnahme wird erst zugelassen wenn der Welpe sich beruhigen konnte. Ältere Vierbeiner können lernen, sich auf Anweisung zurückzunehmen, während der Mensch die Fremden begrüsst. Optimal wird dem Hund ermöglicht sich in seine Ruhezone zurückzuziehen und dort etwas zu knabbern. Erst wenn sich alles beruhigt hat, erhält der Vierbeiner manchmal die Erlaubnis, sich dazuzugesellen. Der Mensch übernimmt somit die Verantwortung für gelungene Begrüssungssituationen, die dem Hund positiv in Erinnerung bleiben. So entsteht gar nicht erst die Notwendigkeit, Fremde vertreiben zu müssen.

 

Text: Katrin Schuster

 

 

Beispiele für territoriale Anlagen verschiedener Hunderassen

  • Einige Retriever-Rassen sollen sich laut Zuchtziel ausschliesslich freundlich gegenüber Menschen zeigen. Eine territoriale Veranlagung oder ressourcenverteidigendes Verhalten sind nicht erwünscht. Diese Rassen bleiben oft bis ins hohe Alter welpenhaft freundlich gegenüber fremden Personen und teils auch gegenüber Hunden.
  • Schlittenhunde sind stark territorial gegenüber Artgenossen. Gegenüber Menschen ist dieses Verhalten dagegen nicht ausgeprägt.
  • In ihren Ursprungsländern dienen Spitze den Menschen als Klingelersatz. Sie sollen möglichst jeden melden, der sich am Gartenzaun blicken lässt.
  • Herdenschutzhunde verteidigen «ihre Herde» selbstständig vor Eindringlingen. Ist keine Tierherde vorhanden, werden Haus, Hof und Besitzer eigenmächtig vor Fremdzugriff geschützt.

 

Jede Rasseveranlagung kann durch Lernen im Alltag angepasst, also gefördert oder verringert werden. Um einer Verselbstständigung des Verhaltens entgegenzuwirken, braucht es die vorrausschauende Anleitung durch den Halter.

 

 

Futterressourcen steigern das Territorialverhalten

Bei Wachhunden wird diese Erkenntnis explizit genutzt. Die Fütterung findet in den Bereichen statt, die vor Fremdzugriff geschützt werden sollen. Damit wird die Verteidigungsabsicht verstärkt. Wer das Territorialverhalten seines Hundes nicht fördern will, verlegt daher die Futterplätze inklusive dem Futterlager in Bereiche abseits der Besuchersituationen.

 

Ruhestörung im Revier

Stellen Sie sich vor, Sie liegen unbekleidet im Bett und geniessen die Ruhe. Ihre Wäsche liegt im Schlafzimmer verstreut. Es klingelt. Sie spüren, wie Unruhe in Ihnen aufkommt, aber Ihre Mutter ist zu Hause und geht schon an die Tür. Sie können sich also Zeit lassen. Kurz darauf geht die Schlafzimmertür auf. Ihre Mutter lässt die fremde Person herein und diese versucht Ihnen vermeintlich freundlich die Hand zur Begrüssung auszustrecken. Wie fühlen Sie sich in dieser Situation?

 

Es gibt Bereiche in einer fremden Wohnung, die sind für Besucher in der Regel einfach tabu. Wir schaffen es, unser «Revier» so zu gestalten, dass die wichtigen Rückzugsorte vor Besuchern geschützt sind. In Ausnahmefällen wird die Erlaubnis zum Zugang klar kommuniziert. Dieser Aspekt sollte auch für unsere Vierbeiner neu überdacht werden.

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Katrin Schuster

Katrin Schuster

Katrin Schuster ist eine erfahrene Tierverhaltenstherapeutin. Seit ihrem 13. Lebensjahr engagiert sich die heute 34-Jährige aktiv für einen «realistischen» Tierschutz. Ihre Methoden beruhen auf ganzheitlichen Ansätzen. Neben der gesundheitlichen Abklärung bei Verhaltensauffälligkeiten liegen ihr die tiergerechte Haltung sowie der respektvolle und faire Umgang zwischen Tier und Mensch am Herzen. Katrin Schuster arbeitet mit Tierpsychologen, Fachtierärzten und Tierheilpraktikern eng zusammen.

Ein Kommentar zu “Territorialverhalten – «Mein Haus, mein Garten, mein Mensch!»

  1. Victor

    Ich kenne das nur zu gut… einer unserer Hunde ist ein Mischlingskangal aus der Türkei und da steckt jede menge Hütehund mit drin. Er kuckt leidenschaftlich aus dem Fenster in den Hof hinein nur um einen Grund zu bekommen etwas anzubellen. Kam mir manchmal so vor ;). Ich sorge dann immer schnell für Ablenkung um das ganze zu unterbinden. Er weiß mittlerweile sehr gut das bellen nicht geduldet wird. Wir haben Ihm ein Stillzeichen beigebracht wo er kein Mucks machen und sich nicht rühren darf bis er ein Leckerli bekommt. Ganz werden wir es allerdings nie aus Ihm herausbekommen es ist halt einfach seine Art. Ich finde das auch in Maßen nicht schlimm den ein Hund muss auch mal bellen dürfen. Gruß Victor

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