«Take It Easy» – Konditionierte Entspannung 1/2

Entspannung fühlt sich gut an und ist daher für Menschen ein erstrebenswerter und belohnender Zustand. Für Tiere ist Entspannung ebenfalls ein wichtiger Faktor für eine gute Lebensqualität. Allerdings ist es in erster Linie der Prozess der Entspannung, der sich gut anfühlt. Dieser Prozess setzt voraus, dass es einen Gegenspieler zur Entspannung gibt. Dieser Gegenspieler heisst Erregung. Kenntnisse über diesen Zusammenhang weisen den Weg zu sinnvollem Entspannungstraining.

 

Die drei E ‒ Entspannung, Erregung, Emotionen

Erregung und Entspannung sind Funktionen des Gehirns. Verschiedene Neuronennetze sorgen rund um die Uhr für angemessene Erregungslevel. Erregung richtet die Aufmerksamkeit auf Umweltereignisse, stellt die Empfindlichkeit von Sinnes- und Gehirnzellen ein und bereitet den Körper auf Aktivität vor. Für jede Situation wird nach Möglichkeit das beste Verhalten ausgewählt und aktiviert. Hierbei sorgen Erregung und Entspannung für passende Aktionsbereitschaft, aber sie wählen nicht das entsprechende Verhalten aus. Diese Aufgabe übernehmen Emotionen und ihre Kontrollinstanzen. Im Leben eines Tieres gibt es zwei prinzipielle Möglichkeiten der Bewertung von Umweltereignissen: Diese sind entweder bedrohlich oder sie bieten Gelegenheiten zum Gewinn von Ressourcen im weitesten Sinne. Je nach Bewertung aktivieren Emotionen passende Reaktionen, die wir dann an der Körperoberfläche des Tieres beobachten können.

Erregung, Entspannung und Emotionen sind eng miteinander verbunden und aktivieren in jeder Situation das für das Tier am besten passende Verhalten. Die verschiedenen Möglichkeiten des Entspannungstrainings sind ohne Kenntnisse der emotionalen Zustände nur schwer verständlich. Abbildung 1 zeigt den Zusammenhang zwischen Erregungslevel und verschiedenen Emotionen. Die Darstellung beruht auf dem Circumplex-Modell der Emotionen nach Russell (1980).

Erregung ist kein neutraler Zustand, sondern mit einer emotionalen Wertigkeit verbunden. So hat Trennungsstress auf einem niedrigen Erregungslevel eine andere Wertigkeit als Ruhen in Sicherheit ‒ auch wenn das Verhalten oberflächlich ähnlich aussieht. Aggressions- und Angstverhalten auf hohem Erregungslevel hat eine andere Wertigkeit als Beutefangverhalten auf demselben Erregungslevel. Entspannung ist also nicht einfach nur das Gegenstück zur Erregung, sondern Entspannung steht über die verschiedenen Emotionen auch in direkter Verbindung mit dem Abbau von Stress-Symptomen: Verschiedene Emotionen aktivieren das Stress-System unterschiedlich stark.

Erregung gibt Emotionen die Intensität, Emotionen geben Erregung die Wertigkeit. Erregung ist nicht dasselbe wie Stress. Es liegt auf der Hand, dass Entspannung je nach emotionaler Lage verschieden wirkt. Entspannung von einem hohen positiven Erregungslevel aus kann frustrierend sein, während Entspannung von einem negativen Erregungslevel erleichternd wirkt. Entspannungstraining darf nicht verallgemeinernd über jeden beliebigen Erregungszustand gestülpt werden!

 

Erregungsverlauf 

Erregung als Zustand kann sich beim Hund extrem schnell verändern. Eben noch lag der Hund dösend auf seinem Platz, jetzt rennt er knurrend und bellend zur Tür. Wie schnell und innerhalb welchen Rahmens sich das Erregungslevel verändert (Erregungsprofil), ist eine individuelle Eigenschaft und abhängig vom Hundetyp. Daneben aber verändert der aktuelle Zustand des Tieres das Erregungsprofil. Belastungen durch Stressoren wie Geräuschangst, unlösbare Konflikte und Frustration steigern die emotionale Erregbarkeit, besonders von Angst und Aggression.

Nahezu jedes Hundeverhalten, welches aus der Menschenperspektive als «problematisch» bewertet wird, ist mit einem hohen Erregungslevel verbunden. Emotionale Reaktionen fallen umso stärker aus, je höher das aktuelle Erregungslevel ist. Dies ist der Grund, weshalb die Beeinflussung der Erregung zu den Grundlagen der Veränderung problematischen Verhaltens gehört. Häufigkeit, Latenz, Dauer und Intensität unerwünschten Verhaltens stehen in direktem Zusammenhang mit dem Erregungslevel des Hundes.

 

Entspannungstraining wird eingesetzt für:

  • Erholung & Regeneration
  • Prävention: Entspannung in stressenden Situationen kann problematisches Verhalten in seinen verschiedenen Dimensionen verringern oder ganz verhindern.
  • Systematische Desensibilisierung: Die Fähigkeit sich zu entspannen ist integrativer Bestandteil der Systematischen Desensibilisierung nach Joseph Wolpe.
  • Bewältigungsstrategien unterstützen: Auch überraschende Situationen können leichter bewältigt werden, wenn der Hund Entspannungssignale kennt.
  • Verhaltensunterbrechung: Unterbrechung hat die Funktion, die Aufmerksamkeit des Tieres wieder auf die Bezugsperson zu richten. Ein erlerntes Entspannungssignal erfüllt alle Anforderungen, die an ein «Abbruchsignal» gestellt werden.

 

Direkte Entspannung

 Direkte Entspannung mit Bindungspartnern beruht auf dem Anti-Stress-System der Säugetiere. Entspannung ist nicht einfach nur das Gegenstück zur Erregung, sondern Entspannung steht in direkter Verbindung zum Abbau von Stress-Symptomen. Eine Schlüsselrolle für Entspannung hat das Peptidhormon Oxytocin.

Oxytocin verstärkt die Wirkung der endogenen Opioide. Oxytocin und Opioide sorgen dafür, dass die Nähe zu Bindungspartnern und Körperkontakt sich gut anfühlen, keine Angst auslösen und Stress-Reaktionen dämpfen. Dies ist ein Schlüssel zum entspannten Miteinander von Hund und Mensch in stressenden Situationen. Oxytocin reduziert die Furcht vor Artgenossen, erzeugt das Bedürfnis nach Nähe und sozialer Interaktion. Bindungsverhalten führt zur Ausschüttung von Oxytocin und damit automatisch zu einem entspannteren Zustand. Bindungsverhalten ist in erster Linie verbunden mit Wärme, dem Teilen von Nahrung und Körperkontakt. Bindungsverhalten sichert oder stellt das emotionale Gleichgewicht eines Individuums wieder her.

 

Einfach nur Streicheleinheiten? 

Direkte Entspannung geht durch die Haut! Die Haut ist das Tor zur Ausschüttung von Oxytocin. Deswegen spielen Berührungen für das Entspannungstraining eine bedeutende Rolle. Die Haut ist nicht nur eine Barriere zwischen Innen- und Aussenwelt, sondern auch eine Verbindung zwischen beiden Welten. Die Haut ist der nach aussen gestülpte Teil des Nervensystems. In ihr befinden sich viele verschiedene sensorische Rezeptoren, die auf Veränderungen auf der Haut reagieren: Verletzungen, Kontakt mit Giften, Temperaturunterschiede, Druck und leichte Berührungen. Verschiedene Nervenfasern verbinden die Rezeptoren mit dem zentralen Nervensystem. Nervenfasern, die als C-Typ bezeichnet werden, verbinden direkt die Haut mit dem Gehirn unter Umgehung des Rückenmarks. Sie haben direkte Verbindung mit den Oxytocin produzierenden Neuronen im Hypothalamus.

Berührung ist gezielte taktile Kommunikation, um die Stimmung des Artgenossen zu verändern. Es gibt verschiedene Massagetechniken, die zu einem entspannten Zustand führen können. Es ist unerheblich, für welche man sich entscheidet. Wichtig ist, dass die gewählte Technik beim Hund innerhalb kurzer Zeit zu einem entspannten Zustand führt.

 

Entspannung erkennen

Ist ein entspannter Hund ein Hund, der ruhig liegt? Wir beobachten nur die Körperoberfläche des Hundes und schliessen dann auf den inneren Zustand. Diese Schlussfolgerung ist problematisch, weil innere Zustände nicht unbedingt vollständig nach aussen «übersetzt» werden. So spiegelt eine ruhige Oberfläche nicht zwingend auch ein entspanntes Inneres wider. Daraus resultieren Missverständnisse und Trainingsanleitungen zur «Entspannung», die aber eher zur Impulskontrolle als zur erwünschten Entspannungsreaktion führen.

 

Symptome für Entspannung

  • Atmung wird langsamer.
  • Mundwinkel entspannen sich.
  • Aufgerichtete Rückenhaare glätten sich.
  • Hund setzt oder legt sich freiwillig hin.
  • Augen werden kleiner, «Schlafzimmerblick».
  • Hund nimmt Körperkontakt zur Bezugsperson auf.
  • Hund beginnt zu dösen und schläft vielleicht auch ein.
  • Gesichtsausdruck wird «weicher» und beweglicher (Augenbrauen, Ohrenspiel).
  • Lautäusserungen werden schwächer und hören schliesslich auf.
  • Hecheln hört auf. Achtung: Entspannung ist im Hitze-Stress sehr schwierig!
  • Hund beginnt mit Körperpflegeverhalten, zeigt dieses eventuell auch gegenüber der Bezugsperson.
  • Pupillen werden kleiner. (Diese Reaktion ist extrem vom Lichteinfall abhängig und sollte nicht als alleiniges Kriterium genommen werden.)

Nur Berührungen, die zu Symptomen der Entspannung führen, helfen dem Hund. Entspannungstraining hat nichts mit planlosem, hektischem Streicheln zu tun. Berührungen für Entspannung haben Struktur, die individuell durchaus verschieden sein kann.

 

Regeln für direkte Entspannung durch Berührungen

  • Lege alle Signale für Training weg: Belohnungstasche, Clicker, Trainingsweste, Targets und Spielobjekte.
  • Vermeide frontale Ausrichtung zum Hund. Manche Hunde legen sich freiwillig immer wieder frontal vor ihre Bezugsperson. Dies ist ein Indiz dafür, dass das Tier sich noch im Arbeitsmodus befindet.
  • Beginne mit den Berührungen im vorderen Bereich des Körpers.
  • Verknüpfe noch keine Signale.
  • Spare schmerzhafte Bereiche aus und denke über medizinische Betreuung nach.
  • Beobachte das Ausdrucksverhalten des Hundes, ohne ihn dabei mit angespanntem (konzentriertem) Gesicht anzustarren.
  • Der Hund darf ausweichen und weggehen! Kommandos für Sitzen, Liegen und Bleiben sind im Entspannungstraining kontraproduktiv.

 

Die Ausschüttung von Oxytocin und der Prozess der Entspannung werden nicht nur durch Berührungen stimuliert, sondern auch durch Gerüche, optische Reize und Geräusche. Dies ist die Grundlage eines Lernprozesses, den wir «konditionierte Entspannung» nennen. Konditionierte Entspannung ist das Thema des zweiten Teils.

 

Text: Dr. Ute Blaschke-Berthold

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geschrieben von:
Ute Blaschke-Berthold

Ute Blaschke-Berthold

Dr. rer. nat. Dipl. Ute Blaschke-Berthold ist Biologin, Trainerin und Verhaltenstherapeutin sowie Inhaberin der CumCane® Hundeschule. Ständige Weiterbildungen sorgen für Impulse, Reflexion und Verfeinerungen. Leben ist Lernen, und besonders wichtig ist der Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis. Ein weiterer Schwerpunkt sind Ausbildung und Weiterbildung von Trainerinnen und Trainer für den Anbieter cumcane familiari in der Schweiz. Zudem erstellt Ute Blaschke-Berthold als Fachautorin Lehrmaterial für verschiedene Bildungseinrichtungen und schreibt für Fachzeitschriften. Dr. Ute Blaschke-Berthold lebt mit Partner und drei Hunden in Niederkassel bei Bonn. www.cumcane.de

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