Rassentypische Verhaltens- und Hormonprobleme bei Kleinhunden

Kleinhunde – Zwischen Job und Kindchenschema   

Kleine Hunde scheinen für die Haltung in unserer immer enger werdenden Welt optimal geeignet zu sein. Oft vermuten gerade auch ältere Menschen, dass ein Kleinhund für sie besser geeignet wäre als ein grösserer Artgenosse. Stimmt das wirklich?

Text:  Sophie Strodtbeck und Udo Ganslosser

Die Statistik spricht jedoch hier eine andere Sprache. Der amerikanische Hundeforscher Professor James Serpell und sein Team von der Veterinärfakultät der Universität von Pennsylvania haben viele amerikanische Hundehalter nach den Eigenschaften und Auffälligkeiten ihrer Lieblinge befragt. Die Auswertung erfolgte in mehreren wissenschaftlichen Veröffentlichungen nach unterschiedlichen Gesichtspunkten. Uns interessiert hier allerdings ganz besonders die Frage nach der Häufigkeit von Beissvorfällen bei Kleinhunden. Das Ergebnis verwundert zunächst. Beim Angriff auf Fremde führt der Dackel vor dem Chihuahua die Rasseliste an, und zwar in beiden Fällen mit sehr viel höheren Prozentzahlen als irgendeine andere Rasse. Auch der Jack Russell Terrier und der Beagle finden sich noch in der vorderen Gruppe. Beim Angriff auf Hunde sind Jack Russell Terrier, Chihuahua und Dackel ebenfalls noch vor dem Deutschen Schäferhund, Dobermann oder gar Rottweiler zu finden. Ebenso aussagekräftig ist die Statistik des Angriffs auf eigene Besitzer. Dort findet man den Dackel auf Platz 2, den Amerikanischen Cocker Spaniel auf Platz 3, Chihuahua und Jack Russell Terrier auf Platz 4 und 5. Betrachtet man die Werte von Aggression gegen Fremde und Furcht vor Fremden gemeinsam, so sind Dackel und Chihuahua in der Spitzengruppe. Auch Yorkshire Terrier, West Highland Terrier und Pudel finden sich weit über dem Durchschnitt.

Giftzwerg?!  

Eine mögliche Erklärung für die häufigen Verwicklungen in Aggressionsvorfälle ist, dass nach allgemeinem Verständnis kleine Hunde entweder nicht erzogen werden müssten oder (sprichwörtlich beim Dackel) ohnehin nicht erziehbar seien. Dabei zeigen viele kompetent arbeitende Jäger, dass es sehr wohl möglich ist, auch einen Dackel oder einen Jack Russell zum perfekt erzogenen Mitarbeiter zu machen.

Eine Quelle des Missverständnisses ist sicherlich auch die Tatsache, dass nicht alle Kleinhunde ursprünglich nur als kleine Gesellschaftshunde gezüchtet wurden. Die Vielzahl der kleinen Rassen macht es nahezu unmöglich, ihre Aufgaben im Einzelnen zu vergleichen. Genannt seien jedoch viele, die zur Bekämpfung von Mäusen und Ratten eingesetzt wurden, hier besonders die Kleinterrier, oder die als lebende Alarmanlagen auf kleineren Anwesen arbeiteten, wie etwa die kleinen Spitzrassen. Von besonderer Problematik ist möglicherweise auch die Art, wie kleine Hunde, etwa die Bauhundrassen Dackel oder Jack Russell Terrier, bei der Jagd eingesetzt wurden. Hier ging es nicht darum, aus dem Funktionskreis des Beutefangverhaltens Spuren zu suchen und anschliessend flüchtendes Wild zu verfolgen, sondern vielmehr darum, den Dachs oder Fuchs im Bau aufzuspüren und hinauszutreiben. Das bedeutet, dass die dabei eingesetzten Verhaltensweisen wohl nicht dem Funktionskreis des Beutefangs, sondern entweder der innerartlichen oder der zwischenartlich aggressiven Konkurrenz entstammen. Hier wird also mit echter Aggression gearbeitet und nicht mit Jagdverhalten. Dies ist besonders wichtig für die bei kleinen Hunden oftmals auftretende übertriebene Aggressivität, die dann eben auch auf andere Situationen, Begegnungen mit anderen Hunden oder gar Menschen umschlagen kann.

Ebenso erklärt sich aus der Rassegeschichte der arbeitenden Kleinhunde, dass sie sehr unabhängig vom Menschen arbeiten mussten. Die Ergebnisse sind auch heute noch erkennbar. Werden Bauhunde, etwa Dackel oder kleinere Terrier, vor eine schwer oder gar nicht lösbare Aufgabe gestellt, so dauert es viel länger, bis sie zum Beispiel Hilfe von ihrem Menschen erfragen, als dies bei Apportierhunden, Hütehunden und anderen mit dem Menschen kooperierenden Rassen der Fall ist (siehe vorigen Bericht im SHM 9/12).

Grössenwahn?! 

Die genannten rassengeschichtlichen Einflüsse und die leider oftmals falschen Vorstellungen der Halter sind jedoch wohl nicht der einzige Grund dafür, dass Kleinhunde bisweilen geradezu grössenwahnsinnig sind. Möglicherweise liegt die Ursache dabei schon im Erbgut selbst. Es wurde nachgewiesen, dass ein einziges Gen auf einem der Chromosomen der Hunde für die Wachstumsbremse verantwortlich ist. Das bedeutet, dass diese Genvariante eben dafür sorgt, dass kleine Hunde früher aufhören zu wachsen als grössere Rassen. Das selbe Gen steuert auch den Persönlichkeitsfaktor Kühnheit bzw. Wagemut. Es gibt also möglicherweise eine genetische Kopplung zwischen Kleinwuchs und Wagemut, weil das selbe Gen an verschiedenen Stellen des Gehirns und des Körpers unterschiedliche Wirkungen entfaltet. So etwas nennt man Pleiotropeneffekt. Dies ist das gleiche Phänomen wie beim Zusammenhang zwischen Fellfarbe und Persönlichkeit, der in einem der folgenden Beiträge ausführlicher erläutert werden wird. Die selbe Genvariante scheint auch mit der Langlebigkeit von Hunden gekoppelt zu sein. Die Tatsache, dass kleine Hunde oftmals wesentlich älter werden als grössere Rassen hat also möglicherweise denselben genetischen Hintergrund wie ihre gelegentliche Angriffslust und ihre geringere Körpergrösse. Andere Genorte, die den Stoffwechsel der aktivierenden Botenstoffe, beispielsweise die Katecholamine Noradrenalin («Kampfhormon») oder Dopamin («Selbstbelohnungsdroge»), steuern, sind ebenfalls bei vielen Kleinhunderassen identifiziert worden. In dieser Untersuchung einer japanischen Arbeitsgruppe ergaben sich deutliche Unterschiede in der genetischen Ausstattung des Katecholaminsystems zwischen Zwergschnauzern und Maltesern gegenüber beispielsweise Golden Retrievern und Labrador Retrievern.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie wurde der «Grössenwahn» der Kleinhunde noch mit anderen physikalischen Methoden belegt. Man spielte Hunden aus einem Lautsprecher Knurrlaute vor, die technisch so verändert waren, dass sie auf Hunde unterschiedlicher Körpergrösse schliessen liessen. Letztlich kann ja ein kleiner Hund aus rein physikalischen Gründen nicht so tief knurren wie ein grosser. Getestet wurde nun, ob und in welcher Weise die Hunde auf den vorgespielten Knurrlaut antworteten. Grosse und auch mittelgrosse Testhunde antworteten nahezu ausschliesslich auf Knurrlaute von Artgenossen ihrer eigenen Grössenkategorie. Kleine Hunde dagegen knurrten alle an. Ähnliches galt für einen optischen Attrappenversuch. Hierbei wurden Hundesilhouetten unterschiedlicher Grösse an die Wand projiziert. Auch dabei reagierten Kleinhunde ganz heftig auf Hunde aller Grössenkategorien, während mittelgrosse und grosse Hunde sich auch hier darauf beschränkten, mit gleich grossen Artgenossen zu kommunizieren.

Gesundheitliche Probleme?! 

Neben diesen aus verhaltensbiologischen und möglicherweise genetischen Gründen schon charakteristischen Eigenschaften wird jedoch auch der Körperbau selber den Kleinhunden oftmals zum Fluch. Zentral für das Verständnis dieser Probleme ist der Begriff der Allometrie. Kurz gesagt, bedeutet dieser Begriff, dass bei Verkleinerung oder Vergrösserung eines Tieres nicht alle Organe im gleichen Mass wie die gesamte Körpergrösse wachsen. Bekanntermassen haben beispielsweise sehr grosse Rassen ein kleineres Gehirn und sehr kleine Rassen ein im Verhältnis zur Körpergrösse gesehen relativ grösseres Gehirn. Bereits mit dieser unterschiedlichen Gehirngrösse werden wir anschliessend im Zusammenhang mit den Fehlentwicklungen in der Schädelbildung nochmals zu tun bekommen.

Die allometrischen Prinzipien gelten jedoch nicht nur fürs Gehirn, sondern für nahezu alle anderen inneren Organe oder auch das Skelett. So können bei Verkleinerung einer Tierart nicht alle Organe im gleichen Masse schrumpfen. Herz- und Kreislaufsystem oder auch das Darmsystem müssen schlichtweg grösser bleiben, sonst können sie ihre Aufgaben nicht erfüllen. Das wiederum bedeutet aber, dass zum Erreichen des gewünschten Minigewichts dann andere Organsysteme zurückbleiben müssen. Dies betrifft zum Beispiel das Skelett und auch die zugehörige Skelettmuskulatur – die Knochen kleiner Hunde sind daher oft besonders empfindlich und brüchig. Schon ein Sturz von einer oder zwei Treppenstufen kann lebensbedrohlich sein. Weil das Gehirn eben nicht beliebig verkleinert werden kann, ändert sich auch die Schädelgestalt. Das wiederum ist leider in der heutigen Zeit beim kleinen Gesellschaftshund schon wieder ein Selektionsfaktor. Das Kindchenschema mit den grossen, leicht hervorquellenden Augen, der gerundeten hohen Stirn, der kurzen bis nicht mehr vorhandenen Schnauze, alle diese Faktoren wirken auf viele Menschen unwillkürlich niedlich und lösen pseudoelterliche Gefühle aus. Je mehr ein Hund diesem Kindchenschema entspricht, desto herziger und niedlicher findet man ihn.

Leider lassen sich aber die genannten allometrischen Prinzipien dadurch nicht aushebeln. Kleine Hunde haben oft erhebliche Probleme in der Schädelbildung. Oftmals bleiben die Fontanellen, also die Fenster zwischen den Schädelknochen offen, oder das Kleinhirn passt nicht mehr in die Schädelhöhle und verschiebt sich so stark in den Rückenmarkskanal, sodass permanente neurologische Defekte und Störungen daraus resultieren. Gerade der letztgenannte Fall ist eine typische neurologische Erkrankung bei kleinen Hunden. Sehr oft findet man diesen Defekt bei Cavalier King Charles Spaniels, aber auch bei anderen Kleinhunderassen.

Auch die Hitzeempfindlichkeit vieler Kleinhunde geht unter anderem auf dieses Kindchenschema zurück. Möpse und andere besonders pummelige Kleinhunde haben ohnehin Schwierigkeiten, ihre Körpertemperatur über die Körperoberfläche zu regulieren. Besonders fatal wirkt sich aber die Verkürzung der Nasenräume und des Gaumensegels aus. Bei kurzer bis nicht mehr vorhandener Schnauze bleibt einfach kein Platz für die sogenannten Nasenmuscheln. Diese dünnen Knochenplättchen tragen die Nasenschleimhaut, die ja überwiegend nicht zum Riechen, sondern zur Kühlung der Luft und zur Wärmeabgabe benötigt wird.

Betrachtet man die Körperproportionen von kleinen und grossen Hunden, so fallen zwei unterschiedliche Gruppen dabei auf: Die eine Gruppe sind die weitgehend proportional verkleinerten Hunde, bei denen alle Organe und Knochen, soweit eben möglich, gleichermassen geschrumpft sind. Diese haben vor allem Probleme mit den bereits erwähnten dünnen und bruchanfälligen Knochen, mit den übergrossen inneren Organen, und sie sind gegebenenfalls auch temperaturempfindlich. Unproportional verkleinerte Hunde, etwa Dackel oder manche Kleinterrier, sind buchstäblich zu lang für ihre Grösse, da die Beine übermässig verkürzt erscheinen. Hier sind dann Rückenprobleme, Bandscheibenanfälligkeiten und andere orthopädische Schwierigkeiten zu befürchten. Unproportional auf Kindchenschema verkleinerte Kleinhunde haben die oben genannten Schwierigkeiten im Schädelverschluss und im Bau des Gehirns. Auch Zahnfehlstellungen, Atemprobleme und andere Schwierigkeiten sind im Falle unproportionaler Verkleinerung in Richtung Kindchenschema häufig.

Ein Hund ist ein Hund! 

Aus verhaltensbiologischer Sicht genauso bedeutsam ist jedoch, dass auch Kleinhunde als reguläre Hunde die gleichen Bedürfnisse und Ansprüche an ihre Haltung haben wie grössere. Auch Kleinhunde haben Beine zum Laufen, eine Nase zum Schnuppern und Zähne zum Kauen. Und sie haben ein Gehirn, dass mindesten ebenso trainierbar ist wie das von grösseren Rassen. Betrachten wir nochmals die Ergebnisse der bereits im letzten Teil ausführlicher behandelden Budapester Vergleichsstudie, so liegen die meisten Kleinhunde im Bereich Trainierbarkeit durchaus im Mittelfeld, teilweise auch oberhalb des mittleren Bereichs. Die folgende Tabelle zeigt einige charakteristische Werte:

Rasse Emotionale Stabilität Trainierbarkeit Geselligkeitmit Hunden Extrovertiertheit
Chihuahua 83 60 94 65
Dackel 53 61 73 49
Havaneser 20 50 38 69
Jack Russel 82 25 84 8
Zwergdackel 55 52 43 77
Zwergpinscher 92 46 54 9
Zwergpudel 60 51 78 79
West Highland 52 68 51 39
Yorkshire 86 79 49 40

 

Aus diesen Angaben und Erfahrungsberichten vieler Kleinhundehalter ergibt sich, dass wir kleine Hunde schlichtweg wie Hunde behandeln müssen. Kleine Hunde sind gut trainierbar, sind erziehbar und haben bei richtiger Führung mindestens ebenso viel Spass am Leben und an der Zusammenarbeit mit ihren Menschen wie grosse Rassen. Als «Couchpotato» sind sie genauso wenig geeignet wie ein grösserer Artgenosse. Wenn dies berücksichtigt wird und man bei der Anschaffung auf die Auswüchse eines einseitigen Rassenverkleinerungswahn verzichtet, können Kleinhunde nicht nur liebenswerte, sondern sehr bemerkenswerte Familienmitglieder und Kumpane werden.

Und darauf, dass man auch von den Haltern «normaler Hunde» mit einem Kleinhund oft nur milde belächelt wird, kann man zum Beispiel kontern: «Der ist nicht klein, das ist ein Konzentrat!»

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geschrieben von:
Sophie Strodtbeck

Sophie Strodtbeck

Sophie Strodtbeck (*1975) hat ihr Studium 2002 an der Ludwig-Maximilians-Universität München als Tierärztin abgeschlossen. Berufserfahrung sammelte sie in verschiedenen Praxen. Seit längerer Zeit ist sie in einer Hundeschule für tiermedizinische Belange zuständig und bietet zusammen mit Udo Ganslosser verhaltensmedizinische Beratungen an. Nebenher schreibt sie Artikel für diverse Hundezeitschriften und teilt ihr Leben derzeit mit vier eigenen Hunden.

geschrieben von:
Udo Ganslosser

Udo Ganslosser

Udo Ganslosser (*1956) ist Privatdozent für Zoologie an der Universität Greifswald. Am Zoologischen Institut Erlangen erhielt er 1991 die Lehrbefugnis. Udo Ganslosser ist unter anderem Lehrbeauftragter am Phylogenetischen Museum und Institut für Spezielle Zoologie der Universität Jena. Seit mehreren Jahren betreut er zunehmend mehr Forschungsprojekte über Hunde, seien es Haushunde oder Wildhundeartige. Dabei geht es vor allem um Fragen von Sozialbeziehungen und sozialen Mechanismen.

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