Qualzucht – Die Wende im Zuchtwesen lässt auf sich warten

Die Berichte und TV-Sendungen haben ihre Wirkung nicht verfehlt: Qualzucht ist auch im Zuchtwesen zum Thema geworden. Es sei höchste Zeit für eine Wende, ist die Meinung vieler Veterinärmediziner. Doch an der Front der Landesverbände tut sich noch zu wenig.

Text: Roman Huber

Im Herbst 2013 hat das Schweizer Hunde Magazin in der Ausgabe 7/13 das Thema Qualzucht aufgegriffen. Am Beispiel der englischen Bulldogge Arnold zeigte es auf, wie schmerzvoll für Tier und Mensch Auswüchse im Zuchtwesen sein können. Arnold wurde eingeschläfert. Seiner Schwester, die ebenfalls unter Dysplasie-Problemen leidet, gehe es entsprechend gut, «dank Schmerzmitteln», ergänzte die Halterin. Arnolds Züchterin steht nicht mehr auf der Liste des Bulldog-Clubs. Offiziell ist die Mutterhündin nicht mehr zur Zucht zugelassen. Über den Zuchtrüden war nichts zu erfahren.

Es braucht sehr viel Zeit
Darin sind sich die Veterinärmediziner einig: Diese negativen Erscheinungen, die über viele Generationen herangezüchtet wurden, deren langfristige gesundheitliche Auswirkungen aber erst spät erkannt worden sind, benötigen sehr lange, bis man sie wieder eliminiert hat.

Die Landesverbände und Rasseclubs sehen sich jedoch weiter den Richtlinien und Standards der Fédération Cynologique Internationale (FCI) verpflichtet. Dort ist man noch weit entfernt von einer Wende. Bei der FCI erhält sogar die künstliche Besamung durch eine Reglementierung den Status der Normalität im Zuchtwesen.

Mehr Verantwortung für die Züchter
In der «FCI-Hörigkeit» ortet auch der erfahrene Veterinärmediziner Jörg Willi, seit gut 30 Jahren selber Züchter, das Problem. «Statt dem Züchter mehr Verantwortung zu übergeben, werden bei uns die internationalen Standards in nahezu schweizerischer Perfektion übernommen», kritisiert Willi das Zucht- und Ausstellungswesen in der Schweiz. Willi hat die Entwicklung miterlebt und spricht von einem «Rassedünkel». Die Rassendiskriminierung sollte endlich beendet werden. Dass papierlose Hunde nicht an einer hundesportlichen Schweizer Meisterschaft der SKG zugelassen seien, findet Willi überholt: «Entweder ist der Rassehund besser oder eben nicht.»

Die Ursache der Qualzucht liegt in übertriebenen Rassebildern, die eine grosse Käuferschaft anziehen ‒ Rassebilder, die den Status von Idealen erlangt und so in den internationalen Standards Einzug gehalten haben. Sie werden zwar infolge aufgetretener Abnormitäten seit längerem wieder hinterfragt. Vereinzelt sind sogar Standards leicht angepasst worden. Ungeachtet dessen forcierten viele Züchter übertriebene Merkmale. «Es wird ein langer Kampf sein, bis solche abnormen Schönheitsbilder aus der Hundezucht wieder verschwinden», ist Jörg Willi überzeugt und steht mit dieser Meinung bei weitem nicht allein.

Das Ausstellungswesen ist mitschuldig
Laut Jörg Willi trägt das Ausstellungswesen bei der Qualzucht eine erhebliche Mitschuld. «Dass ein und derselbe Hund von verschiedenen Richtern ganz unterschiedlich beurteilt wird, zeigt, wie subjektiv und willkürlich solche Bewertungen sind. Der Standard ist das eine, die persönliche Vorliebe des Richters das andere.» Leider seien unkritische Züchter der irrigen Meinung, dass Siegerrüden die schönsten Nachkommen zeugen. «Aber nicht unbedingt die besten», fügt Willi an, denn: «Damit führt das dem Schönheitsideal verpflichtete Ausstellungswesen unweigerlich in die genetische Sackgasse.»

Die Zuchtwende, wie sie in einigen Ländern, so auch in den USA propagiert wird, hat der Schweizer Bulldog-Club gemäss seiner Homepage auch beherzigt: «Viele seriöse Züchter setzen seit einigen Jahren alles daran, die Überzüchtungen der 70er- und 80er-Jahre zu korrigieren, indem bei der Zuchtauswahl starkes Gewicht auf Elterntiere gelegt wird, die nicht zu niedrig gestellt oder zu schwergewichtig sind, keine Atemprobleme haben und ohne Kaiserschnitt zur Welt gekommen sind. Es ist das Ziel, wieder etwas leichtere, sportlichere Bulldogs zu züchten, die trotzdem das rassetypische Wesen und Aussehen besitzen.»

Der Verein für das Deutsche Hundewesen hat zusammen mit den Clubs kurzschnäuziger Rassen, die für Atemprobleme (brachyzephales Syndrom) bekannt sind, Belastungstests als Bestandteil der Zuchtzulassungsprüfung erlassen. Für Jörg Willi sind das Alibi-Massnahmen. Er ist der Ansicht, dass als züchterische Massnahme das Einbringen neuer Gene der richtige Weg wäre. Doch dagegen wehren sich viele Züchter, denn sie glauben, damit die Zuchtarbeit über Generationen zunichte zu machen.

Der «Dortmunder Appell»
Mit dem «Dortmunder Appell» haben deutsche Tierärzte im Jahr 2009 festgehalten: «Wir sehen die Notwendigkeit einer Wende im Zuchtwesen und sehen es als vorrangiges Ziel jedes Hundefreundes, sich für die Gesundheit und das Wohl unserer Hunde einzusetzen. Bisher wird in der Zucht aber viel zu wenig auf die Gesundheit der Hunde geachtet. Inzucht, Übertypisierungen, Erbkrankheiten bis hin zu Qualzuchtmerkmalen sind leider keine Seltenheit. Ganze Rassen können sich ohne aktive Hilfe des Menschen nicht mehr vermehren. Wir appellieren an die Verantwortlichen in den Zuchtvereinen und -verbänden, an die Züchter wie an die Hundehalter und Behörden, sich für eine nachhaltige Wende in der Zucht zugunsten des Wohles und der Gesundheit unserer Hunde einzusetzen.»

Deutschland: Belastungstest bei kurzschnäuzigen Rassen
Bei diesem Test müssen die Hunde eine Strecke von 1000 Metern innerhalb von 11 Minuten zurücklegen. Zu Beginn und zum Ende der Belastung sowie nach 5- und 10-minütiger Erholung werden von einem Tierarzt die Herzfrequenz und die Atemgeräusche der Hunde überprüft. Hunde, die nicht die geforderte Erholung nach der Belastung zeigen oder die Strecke in der Zeitvorgabe nicht absolvieren können, erhalten keine Zuchtzulassung, wobei die Entscheidung vom untersuchenden Tierarzt getroffen wird.
(aus «Unser Rassehund», Verband für das Deutsche Hundewesen VDH)

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Roman Huber

Roman Huber

Roman Huber ist Journalist mit Teilzeitpensum. Er setzt sich daneben mit Hundethemen auseinander und schreibt darüber. Roman Huber ist Halter eines Australian Shepherd, int. Hundetrainer (IDBTS), SKN-Ausbildner und arbeitet in der Freizeit bei «dogrelax», der Hundeschule seiner Ehefrau Jacqueline, mit Menschen und deren Hunden.

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