Psychopharmaka für Hunde − Gibt es die «schnelle Pille» gegen die Angst?

 

Bereits seit längerer Zeit zeichnet sich ein alarmierender Trend ab: Sowohl bei Menschen als auch bei Hunden nehmen Angststörungen und Angstprobleme kontinuierlich zu und damit auch der Konsum von Psychopharmaka. 

Dahinter steckt offensichtlich auch die weitverbreitete Auffassung, immer und zu jedem Zeitpunkt funktionieren zu müssen in einer Welt, die dem Individuum immer seltener Schwächen und Ausfälle zugesteht. Was nun unsere Hunde betrifft, so bleibt auch für diese eine zunehmende Urbanisierung mit Lärm und Hektik oder gestressten Hundehaltern nicht ohne Folgen. Aber auch Zuchtstandards, die das Augenmerk mehr auf das Exterieur richten als auf die Gesundheit und ein gutes Nervenkostüm, sind in diesem Zusammenhang zu nennen sowie Auslandshunde aus «Billigproduktionen». Diese wurden oft viel zu früh und krank der Mutter weggenommen und fallen später oft durch Verhaltensprobleme auf.

Eine Entwicklung zum steigenden Konsum von Tranquilizern (Psychopharmaka, die angstlösend und entspannend wirken) und zu Sedativa (Beruhigungsmitteln, die eine allgemein beruhigende beziehungsweise aktivitätsdämpfende Wirkung haben) bei Hunden und Haustieren ist nicht nur in Mitteleuropa zu beobachten: Schon vor Jahren schätzte das Wirtschaftsblatt «The Economist», dass allein der US-Psychopillen-Markt für Heimtiere jährlich fast eine Milliarde Dollar erreicht.

Während in früheren Jahren Anfragen von Hundehaltern nach Beruhigungsmitteln für ihre Hunde und auch für andere Haustiere in Tierarztpraxen hauptsächlich in den Tagen vor Silvester gestellt wurden, zeigt sich heute ein ganz anderer Trend. Längst ist eine ganzjährige Nachfrage nach Sedativa oder Tranquilizern für Hunde aus verschiedensten Gründen zu beobachten. Als Gründe dafür werden Angst vor dem Alleinsein, Trennungs- und Verlustängste oder Reisen, aber auch schon einfache Autofahrten angegeben. Der Konsum von Medikamenten, wie zum Beispiel Clomicalm, Selgian oder Vetranquil mit dem Wirkstoff Acepromazin, einem Sedativum und Neuroleptikum, steigt.

Selbst bei Symptomen, die in der Regel dem hundlichen Normalverhalten zuzuordnen sind, wie einer gezeigten Unruhe, einem länger anhaltenden Bellverhalten oder bei Anpassungsschwierigkeiten an neue Umweltbedingungen, wird nach Aussagen von Tierärzten bereits zur «schnellen Pille» gegen die sogenannte Angst gegriffen. Natürliche Reaktionen werden damit häufig unterbunden. Auch scheint manchen Zeitgenossen nicht klar zu sein, dass Reize, wie laute Musik als Dauerbeschallung oder Feuerwerk für viele Hunde den blanken Horror bedeuten. Dies nicht nur wegen der Reizüberflutung, sondern auch, weil die meisten Hunde diese Spektakel als bedrohlich erleben und nicht einordnen können. Häufig ist zu beobachten, dass sich die Panik vor Feuerwerk über die Jahre sogar noch verstärkt und manifestiert.

Dabei würden häufig schon einfache Massnahmen die Situation entschärfen, zum Beispiel wenn der Halter mit seinem Hund einen ruhigen Raum aufsucht, dort die Rollläden herunterlässt, gedämpfte Musik abspielt und seinen Hund in den Arm nimmt, sofern dieser den Körperkontakt möchte.

Ein erfahrener Tierarzt berichtete, dass er ausserdem bei seinem Hund, einem zehn Kilo schweren Terrier, sehr gute Erfahrung damit machte, diesem an Silvester zweimal in Abständen von drei Stunden als einziges «Medikament» einen kleinen Esslöffel Eierlikör zu verabreichen. Die meisten Hunde mögen Eierlikör und in angepassten Mengen und seltenen Gaben ist dieser auch nicht schädlich für den Vierbeiner. Selbstverständlich reichen diese Vorschläge bei gravierenden Angststörungen oder gar Panikattacken nicht aus.

Alternativer Einsatz von Medizin

Für leichtere Fälle von Angststörungen empfehlen Tierärzte Mittel wie beispielsweise ein Pheromonhalsband oder einen Pheromonverdampfer für die Steckdose. Pheromone kennen Hunde aus ihrer Welpenzeit, denn diese Hormone werden von der säugenden Hündin produziert, darum vermittelt es Geborgenheit. Auch das Produkt Zylkène wird von Tierärzten empfohlen. Hierbei handelt es sich um ein Nahrungsergänzungsmittel, welches Alpha-Casozepin enthält und aus Milcheiweiss extrahiert wird. Weiter gibt es pflanzliche Alternativen, zum Beispiel auf der Basis von Melisse und Johanniskraut, die Ängste bei Haustieren zumindest lindern. Auch Baldrianpräparate können helfen. Ebenso wird das Nahrungsergänzungsmittel «Pro Quiet» zuweilen von Tierärzten empfohlen. Es enthält L-Tryptophan, Taurin, Hopfen, Kamille, Bierhefe, die Vitamine B 3, B 6, B 12, Ingwer und Folsäure. Nebenwirkungen wie Benommenheit, Teilnahmslosigkeit oder Einschränkungen in der Motorik wie bei «harten» Psychopharmaka sind somit kaum zu erwarten.

 

Eine verbesserte Wirkung kann dazu insbesondere über ein fundiertes Verhaltenstraining, eine Stärkung der Umweltsicherheit eines Hundes, über regelmässigen Ausdauersport oder Wanderungen in der Natur erzielt werden, ebenfalls über ein verändertes Ernährungsmanagement. Dass diese Möglichkeiten zu wenig genutzt werden, zeigt die steigende Nachfrage nach Psychopharmaka oder der Einkauf von Nahrungsergänzungsmitteln über das Internet. Darunter sind auch Angebote wie Oxytocin-Nasensprays, die angeblich gegen Ängste bei Hunden und Katzen helfen sollen.

Tierschutzrelevante Anwendung von Acepromazin

Psychopharmaka mit dem Wirkstoff Acepromazin werden nicht nur für Silvester besorgt. Acepromazin ist ein starkes Sedativum und Neuroleptikum. Dabei wird der Hund in seinen Bewegungen eingeschränkt, während sich aber sein Gehör nicht verschlechtert. Die für den Hund beängstigende Geräuschwahrnehmung, aufgrund der Botenstoffe ausgeschüttet werden, also Neurotransmitter wie zum Beispiel Adrenalin oder Noradrenalin, bleibt somit bestehen. Diese Stresshormone werden in den Blutkreislauf ausgeschüttet und das Herz beginnt schneller zu schlagen. Während der Blutfluss in der Haut und in den Organen abgesenkt wird, steigt er in der Muskulatur; damit wird der Organismus auf Flucht oder Abwehrverhalten vorbereitet. Aber genau dieser Prozess wird durch diese Medikamente häufig verunmöglicht, da Sedativa und Neuroleptika wie Acepromazin die Fluchtmechanismen massiv einschränken. Der Hund wirkt scheinbar ruhig, ist aber faktisch handlungsunfähig und hat trotzdem Angst. Die daraus resultierende Erfahrung fliehen zu wollen, aber nicht fliehen zu können, ist für den Hund ganz besonders schlimm und bleibt in seinem Gedächtnis. Damit verschlimmert sich für ihn die Silvesterknallerei um einen weiteren gravierenden Negativfaktor, den wir überhaupt nicht einschätzen können. Auch Menschen erleben dieses Ausgeliefertsein teilweise bei der Einnahme von Psychopharmaka und beschreiben dies in ähnlichen Zusammenhängen als sehr grausame Erfahrung.

Bei vielen Angststörungen von Mensch und Hund handelt es sich um ein Ungleichgewicht des Hirnstoffwechsels. Dabei spielen Neurotransmitter, die der Informationsübertragung im Gehirn dienen, eine wichtige Rolle. Die Botenstoffe nutzen dabei Nervenzellen, um die jeweiligen Informationen zu übertragen. Derzeit sind wissenschaftlich etwa 100 Botenstoffe bekannt. Der Neurotransmitterhaushalt ist höchst komplex und längst noch nicht vollständig erforscht. Hinzu kommt, dass Hirnstoffwechsel, Hormon- und Immunsystem dabei fein abgestimmt ineinandergreifen. Neurobiologen betonen, dass selbst bei Oxytocin-Nasensprays, wie bei so manch anderen Medikamenten, die unkontrolliert über den Internethandel bezogen werden können, nicht bekannt ist, wo und wie diese genau bei jedem Individuum wirken. Nahrungsergänzungsmittel-Hersteller aber werben damit, ganz ohne Nebenwirkungen das Gleichgewicht des Neurotransmitterhaushalts wiederherzustellen. Doch die Frage, ob bei jedem Individuum und Organismus Nahrungsergänzungsmittel nebenwirkungsfrei bleiben, wird wissenschaftlich kontrovers diskutiert.

Ungleichgewichte im Neurotransmitterhaushalt, auch ob zu viel oder zu wenig Neurotransmitter vorhanden sind, ob Rezeptoren blockiert oder modifiziert sind, stellen mitentscheidende Faktoren dar. Ausserdem können sich mit der Zeit Veränderungen bei der Signalübertragung oder bei den Rezeptoren ergeben. Wichtige Neurotransmitter bei Angststörungen sind Dopamin und Serotonin.

 

Hauptursachen für Ängste, Stress und mangelnde Stressbewältigung:

– Hektische, chaotische und zu laute Umgebung

– Seelisch chronisch unausgeglichener Hundehalter mit für den Hund unberechenbaren Verhaltensmustern

– Schlechte nährstoffarme, unausgewogene Ernährung, auch in Bezug auf den Kalorienverbrauch über Bewegung, Gesundheit und das Alter des Hundes

– Zu wenig Schlaf und Ruhephasen

– Deprivationserscheinungen durch Reizentzug, Reizarmut, auch bedingt durch zu wenig Umwelt- und Lebenserfahrungen

– Genetische Disposition (schwaches Nervenkostüm)

 

Stressabbau und Neuropsychologisches Management

Hundehalter können sehr viel dazu beitragen, Stress bei ihren Hunden abzubauen, damit das Gehirn des Hundes sozusagen wieder in ein chemisches Gleichgewicht kommt. Zu bedenken gilt es auch, dass eine Stressreaktion nicht sofort nach Entfernung eines Stress auslösenden Reizes beseitigt ist. Es kann mehrere Stunden dauern, bis die Stresshormone abgebaut sind.

 

Ernährungsumstellung

Vor allem eine Unterversorgung mit Serotonin sollte vermieden werden. Ein Mangel dieses Schlüsselelements führt häufig zu hyperaktiven Funktionsstörungen, zu Aggressivität, Angst, Lernstörungen oder Impulsivität. Durch eine tryptophanhaltige Ernährung wird Serotonin im Körper gebildet. Tryptophan ist eine Aminosäure, die in Konkurrenz zu anderen Aminosäuren wie dem Tyrosin steht, welches die Aufnahme von Tryptophan behindert.

Eine Reduzierung von proteinhaltiger Nahrung, dafür mehr Kohlehydrate wie brauner Reis, Bananen, Spinat, Süsskartoffeln, Gerste, Karotten, Erbsen, roter Paprika, Tofu, Vitamin B-Komplex oder reines Vitamin B 6 ist zu empfehlen. Der Hund sollte zuerst die proteinhaltige Nahrung erhalten und während er das Protein verdaut, sollten die Kohlehydrate verabreicht werden (Quelle: James O’Heare, «Die Neuropsychologie des Hundes»).

Verhaltenstraining

Ein Verhaltenstraining ist wichtig, wobei Hunde kontrolliert und für sie gut verträglich regelmässig mit verschiedenen neuen Geräuschen, neuen Situationen und Herausforderungen konfrontiert werden. Diese Neuerfahrungen sollten jeweils einen guten Abschluss haben, damit Hunde dabei eine positive Erfahrung verknüpfen.

 

Zielsetzungen des Verhaltenstrainings

– Verbesserung der Umweltsicherheit des Hundes

– Verbesserung der Stressresistenz

– Breitere Erfahrungsbasis, auf die der Hund zurückgreifen kann

– Entwicklung seiner Bewältigungsstrategien – auch bei inneren Konflikten

– Stärkung der Bindung zum Halter, damit Hunde über diesen als «Anker» die urbanisierte Welt erkunden können, im vollständigen Vertrauen auf ihn als Bezugsperson

 

Bewegung und Ausdauersport 

Längst ist erwiesen, dass regelmässige Ausdauerbewegungen die Endorphin- und Hormonproduktion anregen. Dies sollte unter Berücksichtigung der Fitness des Hundes erfolgen. Hervorzuheben ist, dass dabei gleichzeitig die Cortisol- und Adrenalinspiegel exorbitant abfallen in einer Weise, wie es weder Psychopharmaka noch Nahrungsergänzungsmittel schaffen.

Mentale Stressbewältigungsprogramme

Hunde können über die Kombination von Konzentrationsübungen mit einer für sie zu bewältigenden Aufgabenstellung selbst lernen, Stressbewältigungs-Strategien zu entwickeln. Das Training sollte aber beendet sein, bevor ein Hund Überlastungs- und Stress-Symptome zeigt. Eine mentale Stimulation des Hundes mit gleichzeitig bindungsfördernden Trainingselementen wirkt sich ebenfalls günstig auf die Stressresistenz aus.

Fazit

Psychopharmaka für Hunde sollten nur im Einzelfall und dann mit Begleitung eines mit Hundverhalten erfahrenen Tierarztes in Betracht gezogen werden. Tierärzte befürworten in diesen Fällen nach heutigem Stand eine zeitlich begrenzte Gabe von Benzodiazepinen wie Diazepam oder Alprazolam, keinesfalls aber von Acepromazin, was früher sehr häufig verabreicht wurde.

Da chemische Sedativa oft starke Nebenwirkungen und Beeinträchtigungen für Hunde haben und sie eventuell sogar das Gegenteil der erwarteten Wirkung auslösen können, sollten zuerst alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Patentlösungen gegen Ängste bei Hunden, die ohnehin sehr differenziert zuvor abgeklärt werden müssen, gibt es nicht. Hier sind wir als Hundehalter in der Pflicht, verantwortungsvoll eine genaue Abwägung zu treffen und fachlichen Rat durch erfahrene und gut ausgebildete Tierpsychologen und/oder Tierärzte einzuholen.

 

Text: Dr. Barbara Wardeck-Mohr

 

Acepromazin ist ein Phenothiazinderivat und ein Neuroleptikum sowie Sedativum und ist unter den Produktbezeichnungen Vetranquil, Sedalin, Calmivet und Prequillan erhältlich. Acepromazin wurde früher häufig an Silvester eingesetzt und man stellte oberflächlich betrachtet eine gute Wirksamkeit fest. Doch heute weiss man, dass die Hunde nur körperlich ruhiggestellt werden. Das Geräuschempfinden und die damit verbundene Angst der Tiere wird durch den Wirkstoff nicht wirklich eingeschränkt. Der Hund hat also nicht weniger Angst, er ist einfach unfähig Reaktionen zu zeigen. Somit kann die Angst mit diesem Mittel noch verstärkt werden.

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geschrieben von:
Dr. rer. nat. Barbara Wardeck-Mohr

Dr. rer. nat. Barbara Wardeck-Mohr

Dr. rer. nat. Barbara Wardeck-Mohr aus Deutschland ist Wissenschaftsreferentin, Autorin für Hundefachmagazine, Hundesachverständige und Radioexpertin zum Thema Mensch und Hund. Zudem ist sie investigativ-journalistisch im Tierschutz und in der internationalen Hundepolitik tätig und als bestellte Expertin bei Hunde-Gesetzgebungsverfahren aktiv. Sie war ausserdem Initiantin und Projektleiterin der «Zermatter Hundewelten» von 2010 bis 2012.

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