Maulkorbtraining für «Jederhund»

Von unseren Hunden wird vieles verlangt, was nicht ihrer Verhaltensnorm entspricht. Teilweise steuern die Forderungen sogar gegen die genetischen Anlagen. Um die passenden Erziehungsmassnahmen zu finden, möchte ich Sie anregen, sich in Ihren Hund zu versetzen. Prüfen Sie, welche Vorteile ihm durch sein Verhalten entstehen und was es ihm bringen könnte, stattdessen Ihre Ideen umzusetzen. In dieser Serie erhalten Sie Anregungen, wie Sie das Verhalten Ihres Vierbeiners zu Ihren Gunsten beeinflussen können.

 

Wozu eigentlich ein Maulkorbtraining?

Spielzeug wird mit dem Maul getragen, Gegenstände werden mit den Zähnen und der Zunge betastet und geprüft. Abwehr- und Drohgesten werden mit dem Maul und den Zähnen zum Ausdruck gebracht. Das alles können wir auch. Wir tragen Gegenstände mit den Händen herum, betasten diese mit unseren Fingern und können mit den Händen Ohrfeigen androhen und Boxschläge austeilen. Was für uns die Hände sind, ist für Hunde also das Maul. Der Unterschied liegt darin, dass wir in den allermeisten Fällen ein angepasstes, gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten an den Tag legen. Hunde dagegen verhalten sich authentisch und tun, was ihnen gerade im Sinn steht. Sie verstecken ihre Bedürfnisse und Emotionen nicht, wie wir Menschen dies zu tun pflegen.

Genau dieser Umstand ist es, der uns leider in Bedrängnis bringen kann. Wir möchten nicht, dass unser Hund den Tierarzt verletzt, der ihm helfen will. Wir versuchen unseren Vierbeiner davor zu bewahren, ungesunden oder gar giftigen Unrat zu vertilgen und befürchten bei Kontakten mit fremden Hunden, dass diese sich bei einer Rauferei verletzen könnten. Im Alltag haben unsere Hunde trotz umsichtiger Unterstützung immer wieder Situationen zu tolerieren, in denen ihren Bedürfnissen nicht nachgekommen werden kann, zum Beispiel wenn die Individualdistanz von fremden Personen unterschritten wird. Auch hier steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der Vierbeiner sich mit einer gesellschaftlich nicht tolerierten Handlung, die rechtliche Konsequenzen nachziehen kann, zur Wehr setzt. Die Folge dieser gesellschaftlichen Ideale ist, dass viele Menschen recht angespannt mit ihrem Hund unterwegs sind. Es ist leicht gesagt, entspanntes Verhalten vorzuleben, wenn bei kleinen Fehlern grosse Folgen befürchtet werden müssen.

Selbst wenn der Hund sich überall perfekt und angepasst verhält, gibt es je nach Kanton und für bestimmte Rassen eine Maulkorbpflicht. Und die unkomplizierte Mitnahme des Vierbeiners in die Auslandferien oder das Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln wird teilweise erschwert, wenn die Fellnase das Tragen eines Maulkorbs nicht gewöhnt ist.

Wie viel einfacher wäre es, wenn wir den Maulkorb als so selbstverständlich ansehen könnten wie den Sicherheitsgurt im Auto. Auch dieser dient dazu, eine mögliche Gefahr abzuwenden, obwohl er in den allermeisten Fällen nicht mal ansatzweise zum Einsatz kommt. Von klein auf lernen wir, dass Anschnallen im Auto einfach dazugehört und denken schon gar nicht mehr darüber nach. Wie der Sicherheitsgurt im Auto, kann auch der Maulkorb dazu dienen, eine mögliche Gefahr abzuwenden. So können sich Hund und Mensch auch in kritischen Situationen entspannter bewegen. Gerade ängstliche Hunde profitieren oft doppelt, denn viele sonst distanzlose Personen halten plötzlich Abstand und meiden den Kontakt. Das heisst natürlich nicht, dass wir uns voll auf den Schutz verlassen und nicht mehr auf unseren Hund achten müssen. Nur weil wir angeschnallt sind, provozieren wir auch keinen Unfall ‒ wir fahren umsichtig und defensiv. So sollten wir auch unsere Vierbeiner führen. Der Maulkorb verschafft uns aber die Möglichkeit, Fehler zu machen, ohne dass wir oder unsere Hunde teuer dafür bezahlen müssen.

 

«Die Brille auf der Nase» ‒ ein neues Kunststück 

Nur, was genau hat nun unser Hund eigentlich davon? Wir wissen, welche weitreichenden Folgen ein unangebrachtes Verhalten haben kann und können vorausschauend handeln. Unsere Hunde sehen das in den meisten Fällen nicht so eng und können daher den Sinn eines Maulkorbs nicht wirklich verstehen. Einige duldsame Hunde lassen einen angezogenen Maulkorb einfach drauf, versuchen vielleicht ein- oder zweimal ihn abzustreifen und geben dann auf. Allerdings ist das Verhalten dieser Vierbeiner mit Maulkorb in der Regel deutlich gehemmt. Das Interesse an der Umwelt sinkt, alle Aufmerksamkeit gilt dem komischen Ding auf der Nase. Der Hund dürfte sich in dieser Situation so fühlen wie wir, wenn uns plötzlich Handschellen angelegt würden. Es ist unangenehm und die Bewegungsfreiheit scheint deutlich eingeschränkt zu sein.

Das muss nicht sein. Natürlich ist ein Maulkorb eine gewisse Einschränkung, das heisst jedoch nicht, dass der Hund sich damit schlecht fühlen muss. Es kommt nur darauf an, wie ihm diese Neuheit «verkauft» wird.

Noch bevor Sie sich einen Maulkorb besorgen, können Sie Ihrem Hund beibringen, Dinge auf der Nase zu tragen. Beginnen Sie mit Joghurtbechern, tiefen Leckerlibeuteln und ähnlichen Objekten, aus denen Ihr Hund leckere Futterbrocken herausholen darf. Ganz nebenbei lernt der Vierbeiner, dass es sich lohnt, die Nase in solche Öffnungen zu stecken. Leiten Sie Ihren Hund nun an, die Nase länger im Objekt zu lassen, bevor die Belohnung kommt. Parallel können Sie das Kunststück «Brille auf der Nase» mit verschiedenen Objekten ausarbeiten, die Sie einfach nur auf den Nasenrücken legen und das Stillhalten in der Situation belohnen.

Hat Ihr Hund beides verstanden, basteln Sie sich mit geeigneten Taschen oder Joghurtbechern maulkorbähnliche Instrumente, die Sie einfach mittels lockerer Schlaufe am Hundekopf befestigen können. So bestückt kann Ihr Hund lernen mit «Brille auf der Nase» einige Schritte zu laufen und vielleicht sogar andere Kunststücke damit zu kombinieren. Flechten Sie die neue Übung auch stückweise auf dem Spaziergang ein.

Mit diesem Training ist Ihr Hund bereits vorbereitet, wenn Sie einen passenden Maulkorb für ihn kaufen. Am besten probieren Sie verschiedene Körbe mit Ihrem Vierbeiner im Laden aus. Achten Sie auf den Tragkomfort, der für das Wohlbefinden eine grosse Rolle spielt (siehe Kasten). Der neue Maulkorb ersetzt die vorherigen Übungsobjekte. All das, was Sie zuvor schon erarbeitet haben, wird jetzt mit dem Maulkorb umgesetzt. Dank der Vorbereitung sollte Ihr Hund das neue Objekt recht schnell akzeptieren.

Auf dem Spaziergang lassen Sie den Maulkorb nach einigen Spasseinheiten einfach mal dran. Belohnen Sie sporadisch, wenn Ihr Hund locker mit Korb läuft und bestätigen Sie jedes Interesse an der Umwelt. Mit zunehmender Gewöhnung sollte sich Ihr Hund von Ihnen lösen können und sich auch mit dem Maulkorb ungehemmt verhalten. Mäuse jagen, Hunde anpöbeln oder mit Freunden toben, Schnuppern gehen und sich lösen. Alles sollte mit nur geringer Einschränkung möglich sein.

 

 

Wo ist das Tragen eines Maulkorbs Pflicht?

  • Schweiz: Da die Hundegesetze auf kantonaler Ebene festgelegt wurden, gibt es keine gesamtschweizerische Regelung. Die einzelnen Gesetze sind auf www.tierimrecht.org unter «Rechtliches/Hunde-Recht» zu finden.
  • Österreich: Zwar gibt es in Österreich keine einheitliche Vorschrift für das Tragen von Maulkörben. Generell aber ist es Pflicht, einen Maulkorb und eine Leine mitzuführen. Zum Teil gilt in öffentlichen Verkehrsmitteln und auf Schiffen eine Maulkorbpflicht.
  • Italien: In öffentlichen Verkehrsmitteln ist das Tragen eines Maulkorbs Pflicht.
  • Portugal: Es gelten Leinen- und Maulkorbpflicht. In der Staatlichen Eisenbahn sind Hunde erlaubt, müssen jedoch einen Maulkorb tragen.
  • Deutschland: Bei der Zugfahrt müssen alle Hunde, die nicht in einem Transportbehälter mitgenommen werden, einen Maulkorb tragen. Hilfshunde sind vom Maulkorbzwang ausgenommen.

 

Text: Katrin Schuster

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geschrieben von:
Katrin Schuster

Katrin Schuster

Katrin Schuster ist eine erfahrene Tierverhaltenstherapeutin. Seit ihrem 13. Lebensjahr engagiert sich die heute 34-Jährige aktiv für einen «realistischen» Tierschutz. Ihre Methoden beruhen auf ganzheitlichen Ansätzen. Neben der gesundheitlichen Abklärung bei Verhaltensauffälligkeiten liegen ihr die tiergerechte Haltung sowie der respektvolle und faire Umgang zwischen Tier und Mensch am Herzen. Katrin Schuster arbeitet mit Tierpsychologen, Fachtierärzten und Tierheilpraktikern eng zusammen.

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