Leinenführigkeit – Das Opfer wird zum Täter gemacht

Der Begriff ist irritierend. Kein Wunder also, dass darunter die verrücktesten Dinge verstanden werden. Darum gehört das Wort Leinenführigkeit eigentlich aus dem Repertoire des zeitgemässen Hundewesens eliminiert.

 

Was ist Leinenführigkeit? Darüber wurden sogar Umfragen gemacht. Das Ergebnis war teilweise erschreckend: «Wenn mein Hund an lockerer Leine wenige Zentimeter links von mir mit ständigem Blickkontakt läuft», ergänzt mit «…natürlich ohne zu schnüffeln», «…dabei darf nicht markiert werden», «…und er soll ja nicht vorlaufen!». Vielleicht soll «links laufen» wichtig sein, weil in der rechten Hand das Gewehr getragen wird, und «Blickkontakt», weil der Hund sich gefälligst auf den Halter zu konzentrieren hat. Da geht Schnüffeln oder Markieren gar nicht, ebenso könnte «Vorlaufen» bedeuten, dass der Hund den Menschen dominieren will. Doch Spass und Unsinn beiseite: Was gemeinhin unter Leinenführigkeit als Alltagsfertigkeit – nicht im Hundesport! – definiert wird, hat mit hundegerechter Haltung wenig gemein.

 

Dank Fehlern des Halters erlernt

Doch zurück zur Definitionsfrage: Aufgrund all der Beobachtungen und Erfahrungen mit ziehenden Hunden weiss ich inzwischen, was es bedeutet: Leinenführigkeit ist eine Tugend des Leinenlaufens, die sich ein Halter so sehnlichst von seinem Hund wünscht, nachdem er ihm vorher alles Erdenkliche beigebracht hatte, damit er stattdessen tüchtig an der Leine zieht!

Sehr viele Hunde sind alles andere als «leinenführig». Warum? Weil sie eben das Leinenziehen aufgrund von Halterfehlern erlernt haben. Vielfach liegt das an der falschen Ausrüstung, zum Beispiel an der zu kurzen Leine, an welcher der Hund kaum eine Bewegung ausführen kann, ohne dass sie gleich gespannt ist. Darum ist der Hund oft von klein auf an diesen «Dauerzug» gewohnt, womit er automatisch lernt, dass man an der Leine ziehen muss, damit es vorwärtsgeht. Oder das dünne Halsband, dessen unangenehmem Einengen der Hund nach vorne ausweichen möchte.

Zur falschen Ausrüstung gesellt sich die falsche Erziehung: Ein Vortraining fürs Leinenziehen findet oft im Welpen- und Junghundalter statt, wenn der Hund mit möglichst viel freiem Spiel dafür geschult wird, dass die Artgenossen wichtiger sind als sein Mensch. Wenn dann die Leine in Gegenwart eines anderen Hundes zum Einsatz kommt, hat der junge Vierbeiner nur noch ein Ziel: direkt dorthin! Dazu muss er sich tüchtig in die Leine hängen, und meistens klappt es auch.

 

Nun folgt das «Abtrainieren»

Hat nun der Mensch durch seine Fehler einen ziehenden Hund an der Leine, will er dieser Angewohnheit spätestens dann Abhilfe verschaffen, wenn die Schulter zu schmerzen beginnt. Meistens wählt er den Hundetrainer aus, auf dessen Homepage steht «Schluss mit Leinenziehen», «Tricks und Kniffe gegen das Leinenziehen» oder «So gewöhnen Sie Ihrem Hund in Kürze das Ziehen an der Leine ab».

Der Leinenruck wird heute weniger angewandt, denn die möglichen gesundheitlichen Schäden für Wirbelsäule, Hals und Schilddrüse sind inzwischen bekannt. Der Schmerz, der durch den Leinenruck oder dadurch, dass man den Hund bewusst in die Leine hineinspringen lässt, verursacht wird, schadet zudem dem Mensch-Hund-Verhältnis, erzeugt beim Hund höchstens Meideverhalten und kann als Strafe in Gegenwart anderer Hunde oder Lebewesen sogar Aggressionsverhalten auslösen. Dennoch: Der Leinenruck wird leider weiter postuliert, nur heisst er heute «Leinenkorrektur» oder «Leinenimpuls». Meist fehlt es am Wissen, wozu und wie eine Leine eingesetzt werden soll oder was sie bedeutet. Sie ist nämlich weder ein Straf-, Korrektur- noch ein Freiheitsberaubungsinstrument. Foto 2

 

Verbindung von Hund zu Mensch

Die Leine ist eine wichtige Verbindung zwischen Hund und Mensch. Sie verleiht in bestimmten Situationen beiden Sicherheit. Sie schränkt den Hund wenn nötig in seinem Aktionsradius ein, setzt Grenzen. Sie gelangt zum Einsatz, wenn es der eigenen Sicherheit, dem Respekt gegenüber anderen Hunden, Menschen oder der Umwelt gebührt, wenn sie vorgeschrieben ist oder es die gesellschaftlichen Ansprüche erfordern.

 

Die Leine soll etwas Angenehmes und positiv Behaftetes sein. Über sie gelangt nichts Negatives von Mensch zu Hund. Die Leine soll gut in der Hand liegen. Darum ist der neudeutsche Begriff «Leinen-Handling» für den Umgang mit der Leine viel treffender als Leinenführigkeit. Von der Definition her gibt sie dem Menschen die Hauptverantwortung dafür, ob der Hund sich an der Leine angemessen gibt oder ständig zieht.

Um dem Hund das Schnüffeln oder kleine Richtungsänderungen zu ermöglichen, muss die Leine mindestens drei Meter lang sein (verkürzen kann man sie ja jederzeit). Je nach Gewicht und Temperament des Hundes werden Breite sowie Material (Leder, gummierte Nylonleine) gewählt. Glatte Stoffleinen oder Leinen mit Ringen erschweren das Führen der Leine zwischen Zeigefinger und Daumen. Bequem für die kurze Gassirunde mag die Flexileine sein. Im Alltag ist sie eher ungeeignet, bei Hundebegegnungen sogar gefährlich. Ein breites Halsband oder ein korrekt passendes Brustgeschirr (wenn der Hund dazu neigt, in die Leine zu springen) ist angesagt.

 

Was Hänschen nicht lernt…

Erste Lernschritte fürs Leinenlaufen mit dem Welpen erfolgen am besten zu Hause im Wohnzimmer oder unter wenig Ablenkung im Garten, damit er gar nicht den Raum zum Ziehen hat. Wer seinem Hund Grenzen setzen will, damit er beispielsweise Nachbars frisch gesetzte Tulpenzwiebeln nicht ausgräbt, ungeeignete Gegenstände nicht erwischt oder nicht zum fremden Artgenossen hingelangt, der tut dies von Anfang an vorzugsweise mit Konsequenz. «Stopp» heisst, es geht nicht mehr in diese Richtung weiter. Mit ein bisschen Geduld und leichtem Lockern der Leine merkt der junge Hund auch ohne Kommando, dass noch jemand am anderen Ende der Leine ist. Mit einladender Körpersprache lässt sich der Hund dann wegführen. (…)

 

Den vollständigen Beitrag können Sie in der Ausgabe 5/17 lesen.

geschrieben von:
Roman Huber

Roman Huber

Roman Huber ist Publizist, Hunde- sowie Medienfachmann, hat zwei Hunde und unterstützt als Trainer seine Frau in deren Hundeschule. Er plädiert für eine faire Erziehung bzw. Haltung, die den Bedürfnissen und Möglichkeiten des einzelnen Hundes und dessen Menschen entspricht. Statt Methoden stellt er die individuelle Begleitung ins Zentrum und Lösungen, die auf Ursachenanalyse basieren sowie verhaltensbiologisch gesehen korrekt sind. www.dogrelax.ch.

Ein Kommentar zu “Leinenführigkeit – Das Opfer wird zum Täter gemacht

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