Jagdhunde verstehen – Des Jägers Gehilfe auf dem Sofa

Der Jagdhund als hübscher Familienhund mit Spiel- und Sportpotenzial ist sehr beliebt. Doch ist der Besitzer nicht unbedingt darauf vorbereitet, dass sein Gefährte spätestens als Erwachsener vielleicht lieber einem Hasen oder Rebhuhn nachsetzt als einem Ball. 

Text und Fotos: Sabine Middelhaufe

Als Nichtjäger kann man sich viel Frust und Verdruss ersparen, wenn man schon bei der Wahl des künftigen Vierbeiners mit Verstand zu Werke geht, und hier verdienen die Schweizer Hundefreunde sicher ein grosses Lob. Denn in den Top 25 der häufigsten Rassen sind nur vier Jagdhunde vertreten: Labrador (Platz 1), Golden Retriever (Platz 4), Dackel (Platz 14) und Cocker Spaniel (Platz 18). Obwohl der Beagle es unter den im Jahr 2011 neu eingetragenen Hunden auf den 20. Rang schaffte, taucht er in der zuvor genannten Erfassung aller Rassen nicht auf (Geschäftsbericht von ANIS, Stand Dezember 2011).

Schweizer neigen, statistisch gesehen, auch kaum dazu, Jagdhunde aus süd- und osteuropäischen Tierheimen bzw. Tötungsstationen zu adoptieren, und grundsätzlich geht der Trend in der Alpenrepublik eindeutig zum kleinen Hund.
All das bedeutet natürlich keineswegs, dass so mancher hiesige Hundefreund nicht mit dem Kauf eines eleganten Pointers, feurigen Jura Laufhundes oder seltenen Welsh Springer Spaniel liebäugelte.

Rassegruppen 

Um besser beurteilen zu können, welche Rassewahl tatsächlich weise wäre, schauen wir uns die verschiedenen Rassegruppen und ihre Funktion einmal an.
Bracken wie Beagle, Foxhound, Berner Laufhund oder Dachsbracke gehören zu den historisch ältesten Jagdhundetypen und werden einzeln, paarweise oder in der Meute ausschliesslich für die Jagd auf Haarwild – das ist in der Jägersprache der Sammelbegriff für alle jagdbaren Säugetiere – verwendet.

Für ihre ursprüngliche Arbeitsweise benötigen Bracken ausgedehnte Jagdgebiete, denn unter Umständen halten sie das verfolgte Wild für mehrere Stunden und viele Kilometer ausdauernd und weithin hörbar Laut gebend in Bewegung, bis es schliesslich auf seiner Flucht die Stelle passiert, wo der abwartende Schütze steht und es geschossen werden kann.

Die echte Brackierjagd ist noch heute in vielen Ländern verbreitet, und so gibt es zahlreiche Rassen, die sich aufgrund des zu jagenden Wildes, des Klimas und der geografischen Bedingungen ihrer Heimat durch Grösse, Farbe, Haarart und die Besonderheiten ihres jeweiligen Arbeitsstils voneinander unterscheiden.

Die Gruppe der Stöberhunde besteht aus dem Deutschen Wachtelhund und der Spanielfamilie. Grundsätzlich ist der Stöberer zum sehr vielseitigen Jagdgehilfen bestimmt, der niemals am Hundeführer kleben darf. Schliesslich soll auch er im Bedarfsfall eine Hasenspur über 2 bis 3 Kilometer verfolgen und dabei, ähnlich wie die Bracke, ausdauernd Laut geben. Dabei kann der Radius, in dem er stöbert, 500 bis 800 Meter betragen. Heute arbeiten Stöberhunde wohl nur ausnahmsweise ausschliesslich unter der Flinte, also in einer Distanz von etwa 30 Meter vor ihrem Herrn.

Erdhunde sind alle Teckel und bestimmte Terrierrassen (etwa Fox-, Jack Russel- oder Border Terrier), die dank ihrer reduzierten Dimensionen in der Lage sind, dem Fuchs oder Dachs in den Bau zu folgen und ihn dort so heftig zu bedrängen, dass er die Flucht ergreift, den Bau verlässt und oberirdisch vom Jäger erlegt werden kann. Deshalb besitzen alle Erdhunde eine beachtliche Portion Mut und Angriffslust, ohne die sie gegenüber der äusserst wehrhaften Beute keine Erfolgsaussichten hätten.

Die Vorstehhunde bilden eine sehr grosse, vielfältige Gruppe, wo vom Fernaufklärer wie Pointer und Setter bis zum Kurzjäger, etwa Deutsch Langhaar und Bracco Italiano alles vertreten ist. Doch selbst der relativ langsame und nahe beim Führer arbeitende Vorsteher muss Initiative zeigen und wo die äusseren Bedingungen dies verlangen, ohne weiteres in einem Radius von 200 bis 300 Meter um seinen Herrn suchen. Sehr weiträumig und schnell suchende Rassen, darunter Epagneul Breton und Braque Saint Germain entfernen sich noch erheblich weiter. Bei ihrer klassischen Verwendung, also der Suche nach jagdbaren Vögeln, zeigen Vorstehhunde das gefundene Wild in einer jeweils rassentypischen Vorstehpose an.

Retriever haben ausschliesslich die Funktion, geschossenes Wild zu apportieren. Sie müssen hinter den Schützen wartend darauf achten, wo ein Stück zu Boden geht, sich mehrere dieser Stellen merken und später auf Befehl ihres Herrn dort die Beute aufnehmen und bringen. Retriever sollen also nicht selbständig jagen und ihre Funktion verlangt, dass sie in einem Radius von selten mehr als 200 Meter arbeiten.

Bracken sind keine Anarchisten

Von den zahlreichen Brackenrassen haben praktisch nur zwei nennenswerte Verbreitung auch bei Nichtjägern erlangt, nämlich der Beagle und der Basset Hound. Doch selbst wenn sie im Einzelfalle nicht (mehr) für die Jagd gezüchtet werden, haben diese Hunde nach wie vor einen ausgeprägten Jagdtrieb und damit einen beträchtlichen Aktionsradius, ohne den sie ihre weitgehend angeborene Arbeitsweise nicht intelligent, selbständig und erfolgreich ausführen könnten. Das heisst nicht, dass sie unerziehbare Anarchos sind – es liegt einfach in der Natur ihrer eigentlichen Funktion, dass man sie für bestimmte Gehorsamsleistungen nicht oder nur schwer gewinnen kann. Um Beagle & Co. auszulasten, muss man ihnen also nicht nur sehr viel freie Bewegung ermöglichen, sondern auch täglich die Möglichkeit, ihre exzellente Nase intelligent und sinnvoll einzusetzen.

Lernbegierige Spaniels

Cocker und Springer Spaniels gelten als gute, unkomplizierte Familienhunde. Allerdings variiert die individuelle Ausprägung ihrer jagdlichen Ambitionen ganz erheblich, und wenn vorhanden, wird der clevere Spaniel alles daran setzen, sie auch zu befriedigen. Freilich besitzen diese kleinen Stöberhunde für den Laien einen wesentlichen Vorteil: Sie verlangen zwar ebenfalls reichlich Freilauf und Nasenarbeit, apportieren aber auch ausgesprochen gern, und das eröffnet ihrem Halter natürlich eine Vielzahl von Beschäftigungskombinationen, um den temperamentvollen und lernbegierigen Spaniels jeden Tag von neuem befriedigende Arbeit zu verschaffen.

Teckel & Terrier: keine Anfängerhunde

Teckel sind wunderbare Jagdgebrauchshunde. Wer sie je bei der Arbeit im Bau von Fuchs, Dachs oder Kaninchen bei der Suche nach verletztem Wild oder sogar bei der Wildschweinjagd erlebt hat, weiss, dass diese kleinen Erdhunde den allergrössten Respekt verdienen. Aus eben diesem Grund können Dackel, wenn sie auch nur ein Quentchen Jagdlust besitzen, ihren Nichtjäger-Besitzer zur Verzweiflung treiben. Vielleicht dirigiert der genetische Autopilot sie zu jedem Fuchs- oder Dachsbau, und passen sie, weil klein genug, tatsächlich hinein, hat der Halter schlechte Karten – vom Teckel selbst ganz zu schweigen. Vielleicht legen sie sich gern mit wehrhaften Tieren über der Erde an oder bevorzugen, spurlaut (bellendes Verfolgen der Spur) Haarwild durchs Revier zu scheuchen. In jedem Falle eignet sich der Dachshund mit einem Fünkchen (Jagd-) Verstand bestimmt nicht als «Anfängerhund». Und dasselbe gilt für alle Terrierrassen, die zu den Erdhunden zählen.

Weite Suchen für die Vorsteher         

Bei den Vorstehern werden immer mal wieder andere Rassen Mode; war es früher der elegante Irish Setter und in geringerem Mass der Kleine Münsterländer, ist seit etlichen Jahren der unkomplizierte, pflegeleichte Vizsla an der Reihe, der als perfekter Familienhund gelobt wird. Im Prinzip ist der Vorsteher für den Laien gar keine so schlechte Wahl, aber auch der Nichtjäger muss natürlich den angeborenen Drang seines Vorstehhundes nach mehr oder weniger weiträumigen, systematischen Suchen und dem Bedürfnis, dabei Erfolg zu erleben, befriedigen. Freie Suche, methodische Suche, Schleppe und Apport sollten beim Vorsteher in Laienhand deshalb täglich auf dem Übungsprogramm stehen.

Gut zu beschäftigen: Retriever 

Retriever sind von Haus aus reine Apportierhunde, aber es gibt auch die Ausnahmen, die – speziell wenn nicht gut grunderzogen und rassengerecht ausgebildet – mit Leidenschaft Kaninchen, Rehe, ja sogar Wildschweine aufspüren und verfolgen. Grundsätzlich jedoch ist ein Golden oder Labrador Retriever, der für sein Leben gern Objekte zu Lande und zu Wasser sucht und begeistert zurückbringt, dabei eine erstaunliche Intelligenz und Gedächtnisfähigkeit beweist, von seiner Unermüdlichkeit ganz zu schweigen, sicher einfacher zufrieden zu stellen als ein Vertreter der anderen Rassegruppen. Und gerade für den Erstlingshalter durchaus empfehlenswert, vorausgesetzt, er wählt den Züchter mit Bedacht und bietet seinem Vierbeiner wirklich einen abwechslungsreichen Lernplan.

Reality check vor der Rassewahl
Wenn wir überlegen, einen Jagdhund «anzuschaffen», darf die erste Überlegung nicht die sein, welche Rasse uns am besten gefällt, sondern welchem Vierbeiner wir die Möglichkeit garantieren können, seine Fähigkeiten dort, wo wir mit ihm aktiv sein werden, auch tatsächlich anzuwenden. Es wäre ganz und gar unfair, einen passionierten Jagdhund zum Stubenhocker zu degradieren, bloss weil wir ihm nichts anderes bieten können.

Wenn Züchter bzw. Rasseklubs Vertreter bestimmter Rassen ausschliesslich an Jäger abgeben, dann hat das also seinen guten Grund und den sollte man zum Wohle des Hundes respektieren. Wer mit den «Trieben und Ambitionen» eines Jagdhundes nichts im Sinn hat, nehme sich bitte, bitte keinen Jagdhund. Wer ein echter, überzeugter Stadtmensch ist oder wem schon bei der blossen Vorstellung von Kaninchenfell-Dummies und Schleppwild graust oder wen es schockiert, dass sein Vierbeiner einem aus dem Nest gefallenen Vögelchen mit offensichtlicher Befriedigung den Garaus machen könnte – der wähle keinen Jagdhund. Es gibt hunderte von Hunderassen in allen Farben, Haararten und Grössen und unendlich viele Mischungen. Man sollte sich für die Art Hund entscheiden, die wirklich zu einem selbst, den gegenwärtigen Lebensbedingungen und Freizeitinteressen passt, statt den Vierbeiner so lange zu verbiegen, bis er eben passt.

Sind Mischlinge einfacher zu handhaben? 

Wenn zwei verschiedene Jagdhunderassen zufällig oder absichtsvoll miteinander verpaart werden, besteht überhaupt kein Grund zu der Annahme, dass die Nachkommen weniger Talent besitzen als ihre Eltern. Gut ist, was sich im praktischen Einsatz bewährt, und bei bestimmten Jagdarten bewähren sich Mischlinge ausgezeichnet. Deshalb findet man gerade im Tierschutz immer wieder nicht reinrassige Vierbeiner, die als «Typ Pointer», «Typ Breton», «Typ Segugio» usw. vermittelt werden. Dummerweise kann selten jemand mit Bestimmtheit sagen, wer die beiden Eltern waren, und äussere Merkmale können sehr irreführend sein. Bloss weil ein Hund kurzes Fell, schwarzweisse Färbung, eine lange Rute und kurze Hängeohren hat, muss er mitnichten ein Pointer-Mix sein. Es kann sich ebenso gut um einen Laufhundmischling handeln. So steht der neue Besitzer dann ziemlich hilflos vor der Frage, wie er seinen neuen Gefährten nun ausbilden soll. Bracken stellen eben ganz andere Ansprüche als Vorsteher, Stöberer andere als Retriever, und oft entdeckt der Halter erst durch ausgiebige Beobachtung des Verhaltens, welche Anlagen sein Vierbeiner besitzt und folglich anwenden will.

Leistungs- und Schönheitszucht

Jagdhunde, die für den praktischen Einsatz gezüchtet werden, sollen nicht nur die rassentypischen Jagdanlagen besitzen, sondern müssen natürlich auch gesund sein, resistent gegenüber den körperlichen und geistigen Anstrengungen ihrer Arbeit, nervenfest, anpassungsfähig, verträglich mit Ihresgleichen und pflegeleicht. Diese Eigenschaften (vielleicht minus dem Jagdtrieb) erhoffen wir freilich auch vom Jagdbegleithund. Denn ein mit Erbkrankheiten behafteter Vierbeiner oder einer, der Kälte und Nässe nicht verträgt, der bei bestimmten Geräuschen panisch das Weite sucht, immer unruhig ist, sich kaum auf irgendeine Aufgabe konzentrieren kann, von Abweichungen im Alltagstrott sofort gestresst ist oder Mühe hat, sich mit Artgenossen zu arrangieren, ist als Familienmitglied eine echte Belastung.

Natürlich kann man die Anlagen für das Jagdverhalten durch gezielte Verpaarung in den späteren Nachkommen reduzieren. Der Haken an der Sache ist aber, dass dieser Jagdtrieb nicht wie ein Schräubchen in der genetischen Gesamtkonstruktion ist, das man einfach herausdrehen kann. Eine Verminderung des Jagdtriebes wirkt sich auch auf viele andere Eigenschaften aus, reduzierend oder verstärkend, und bringt im Endergebnis nicht zwangsläufig den erwünschten, unkomplizierten, gesunden Familienhund hervor. Man sollte sich deshalb eingehend darüber informieren, ob es bei der Rasse, die man in die engere Wahl zieht, eine klare Aufteilung in Leistungs- und Schönheitszucht gibt, und sich in natura anschauen, was das bedeutet. Und man sollte sich aber ganz sicher nicht von Werbeversprechungen, niedlichen Welpenfotos und Schönheitschampions im Pedigree um den Finger wickeln lassen.

 

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geschrieben von:
Sabine Middelhaufe

Sabine Middelhaufe (*1957) war 1984/85 Mitarbeiterin von Eberhard Trumler. 1985 zog sie nach Italien, wo sie noch heute lebt und sich vor allem mit der Jugendentwicklung und dem Jagdverhalten von Vorstehern und Bracken beschäftigt. Seit 1982 schreibt sie für Hunde- und Jagdzeitschriften im In- und Ausland und betreibt die Website «Hund & Natur». Ihre Ausbildungskurse für Jagdhunde in Laienhand finden zweimal jährlich in Italien statt. www.sabinemiddelhaufeshundundnatur.net

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