Hundebegegnungen an der Leine

Von unseren Hunden wird vieles verlangt, was nicht ihrer Verhaltensnorm entspricht. Teilweise steuern die Forderungen sogar gegen die genetischen Anlagen. Um die passenden Erziehungsmassnahmen zu finden, möchte ich Sie anregen, sich in Ihren Hund zu versetzen. Prüfen Sie, welche Vorteile ihm durch sein Verhalten entstehen und was es ihm bringen könnte, stattdessen Ihre Ideen umzusetzen. In dieser Serie erhalten Sie Anregungen, wie Sie das Verhalten Ihres Vierbeiners zu Ihren Gunsten beeinflussen können.

 

Grundgedanken

Würden Hunde nicht an der Leine geführt, so hätten sie die Möglichkeit, ihr Verhaltensrepertoire auszuleben. Wenn das Gegenüber als Bedrohung wahrgenommen wird, könnten sie entweder ausweichen oder angreifen, um den anderen zu vertreiben. In grösstenteils harmlosen Raufereien würde geklärt, wer im Umgang mit dem Artgenossen welche Rechte hat. Verletzungen wären selten, aber nicht ausgeschlossen. Dabei kommt es darauf an, ob die Vierbeiner sich einigen können und wie begehrt die Ressource ist, um die es in der Auseinandersetzung geht.

Ausschlaggebend ist, dass die Hunde sich für die eine oder andere Strategie entscheiden und so eine Konfliktsituation bewältigen können. Mit zunehmender Erfahrung lernen sie ein angepasstes Verhalten, das ihnen den maximalen Erfolg verspricht. Dazu kann gehören das Gegenüber zu beschwichtigen, die Begegnung zu vermeiden oder die Situation durch ein Spielangebot aufzulösen. Teils ist auch Angreifen eine Erfolg versprechende Strategie.

Leider ist das in unserer Kultur so nicht umsetzbar. Aggressive Auseinandersetzungen sind in der Regel tabu. Flucht oder Meideverhalten und Spiel können oft nicht zugelassen werden, weil die Wege zu eng und die Strassen zu gefährlich sind. So führen wir unsere Hunde also an der Leine, um sie zu schützen. Hündische Bedürfnisse zu befriedigen ist an der Leine jedoch meist schwieriger und oftmals gelingt das gar nicht.

Die damit zusammenhängende Unberechenbarkeit der Leinenführung durch den Menschen ist der Grund, warum sich Begegnungen mit anderen Hunden oft als schwierig herausstellen.

 

Angst, Frust und deren Auswirkungen

Das Grundthema beginnt nicht bei Hundebegegnungen, sondern in allen Situationen, in denen die Bewegungsfreiheit von Hunden mittels Leine eingeschränkt wird. Manche Hunde schaffen es, sich dieser Manipulation hinzugeben und nicht dagegen anzukämpfen. Sie haben verstanden, dass ohnehin nichts hilft und lassen vieles einfach über sich ergehen. Es kann durchaus sogar eine gewisse Sicherheit vermitteln, keine eigenen Entscheidungen treffen zu können oder zu müssen. Andere Hunde sind davon nicht so schnell zu überzeugen. Sie machen immer wieder die Erfahrung, dass sie ihren Handlungsspielraum doch noch ausweiten können, nur eben nicht immer.

Die mehr oder weniger eingeschränkte Bewegungsfreiheit verursacht Unsicherheit, manchmal Angst und ganz häufig Frustration. Den Hunden ist es nicht mehr möglich, auf eigene, gelernte Strategien zurückzugreifen, um eine Gefahr abzuwenden. Immer wieder entstehen Stress-Situationen, die nicht bewältigt werden können, zumindest aus Sicht des Hundes.

Bei häufiger Wiederholung sorgen solche Situationen dafür, dass die Hunde immer frühzeitiger und immer heftiger versuchen, diese im Keim zu ersticken. Frustration wie auch übermässige Angst können dann jeweils in heftigen aggressiven Ausbrüchen enden.

Hundebegegnungen gehören zu den häufigsten Konfliktsituationen. Warum? Weil viele Vierbeiner lernen, dass andere Umweltreize wie Passanten, Menschen und Autos ohnehin nichts von ihnen wollen. Es ist also nicht nötig zu handeln, um Begegnungen zu überstehen.

Bei Hundebegegnungen ist es anders. Hunde sollen Sozialkontakt mit Artgenossen pflegen, in Freilaufzonen dürfen sie daher gerne miteinander «spielen». Das ist auch sinnvoll, denn die Affinität zu anderen Artgenossen ist bei vielen Hunden durchaus vorhanden. Nur: Was wie «Spiel» aussieht, ist häufig eine sehr lebendige Diskussion, mit der Konflikte bewältigt werden und es mit etwas Glück zu einer Einigung zwischen den «Spielpartnern» kommt. Gerne werden die Hunde hierfür alleine gelassen, denn der Mensch kann da ja nicht mitreden. Das machen die dann besser unter sich aus.

Dieser Grundgedanke ist der Stolperstein für Hundebegegnungen an der Leine. Einerseits wollen die Halter, dass ihre Vierbeiner mit Artgenossen Kontakte pflegen und Konflikte selbstständig lösen. Dann aber sollen sie an der Leine brav sein und Artgenossen einfach vorbeiziehen lassen.

Kaum ist der Hund an der Leine, sind Kontakte nicht oder nur erschwert möglich. Zusätzlich helfen ihm die vielen selbst erlernten Strategien nicht mehr, um mögliche Konflikte zu lösen. Die Hunde werden der Situation hilflos ausgesetzt und können der erlernten «hündischen Etikette» nicht gerecht werden. Gibt das Gegenüber dann noch klare Signale, die eigentlich zwingend beantwortet werden müssten, steigt die Hilflosigkeit weiter an und Überreaktionen werden immer wahrscheinlicher.

 

Von der Bleikugel zum Sozialpartner

Es spielen sehr viele Faktoren eine Rolle, die berücksichtigt werden sollten, um das Thema Hundebegegnungen an der Leine sinnvoll zu gestalten.

Zu allererst ist es hilfreich, sich über den Umgang mit der Leine Gedanken zu machen. Beobachten Sie Ihren Hund, nehmen Sie dessen Bedürfnisse wahr und versuchen Sie ihm, wo möglich, entgegenzukommen. Nutzen Sie die Leine weniger als Werkzeug, um den Hund dahin zu ziehen, wo Sie ihn brauchen, sondern versuchen Sie als Sozialpartner zu agieren. Gestalten Sie den Einsatz der Leine berechenbar und zeigen Sie Ihrem Hund Handlungsalternativen auf, die seinen Bedürfnissen entgegenkommen.

Als zweiten wichtigen Punkt sollten Sie zusammen mit Ihrem Vierbeiner Strategien ausarbeiten, die auch an der Leine eine erfolgreiche Konfliktbewältigung ermöglichen. Sorgen Sie zum Beispiel für grosse Distanz bei Hundebegegnungen, sodass die Vierbeiner noch nicht reagieren müssen oder sich noch leichter auf Ihre Ideen einlassen können. Provozieren sie beschwichtigendes Schnuppern am Boden durch Leckerli-Suchspiele. Damit werden oft auch die entgegenkommenden Artgenossen beruhigt und die Situation kann entspannter verlaufen. Sorgen Sie dafür, dass die Anspannung bei einer Begegnung durch Bewegung abgebaut werden kann, indem Sie kurz mit Ihrem Vierbeiner rennen und die erfolgreiche Bewältigung «feiern».

Der dritte Aspekt erfordert viel Wissen über das Sozialverhalten von Hunden. Hier geht es darum, Hunde im Sozialkontakt nicht alleine zu lassen, sondern Unterstützung zu bieten, wenn diese sinnvoll scheint. In meinen «Tutnixler- und Rambogruppen» lernen die Halter beim Sozialkontakt mit anderen Hunden mittendrin zu sein und vorsichtig «mitzudiskutieren». So erarbeiten sich die Zweibeiner ein Mitspracherecht bei Hundekontakten, mit dem dann auch unvorhergesehene Situationen sinnvoll bewältigt werden können. Das ist zum Beispiel hilfreich, wenn ein frei laufender Hund auf einen angeleinten trifft.

 

Erwarten Sie nicht zu viel!

Selbst sehr souveräne Hunde können bei sehr nahen und frontalen Begegnungen unfreundlich reagieren. Solche Situationen entsprechen eben nicht der hündischen «Etikette» und bringen immer eine gewisse Anspannung mit sich. In diesen Fällen ist es sinnvoll, die Hunde einfach mit Leckerli vor der Nase vorbeizuführen, um ihnen zu helfen, den Artgenossen zu ignorieren.

 

Text und Fotos: Katrin Schuster

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geschrieben von:
Katrin Schuster

Katrin Schuster

Katrin Schuster ist eine erfahrene Tierverhaltenstherapeutin. Seit ihrem 13. Lebensjahr engagiert sich die heute 34-Jährige aktiv für einen «realistischen» Tierschutz. Ihre Methoden beruhen auf ganzheitlichen Ansätzen. Neben der gesundheitlichen Abklärung bei Verhaltensauffälligkeiten liegen ihr die tiergerechte Haltung sowie der respektvolle und faire Umgang zwischen Tier und Mensch am Herzen. Katrin Schuster arbeitet mit Tierpsychologen, Fachtierärzten und Tierheilpraktikern eng zusammen.

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