Helfende «Vampire» – Blutegeltherapie

Wir ekeln uns wohl alle vor Zecken, Flöhen und Co. Können Sie sich vorstellen, dass Sie Ihren Hund ganz bewusst und absichtlich blutsaugenden Tierchen aussetzen? Vermutlich nicht, doch gibt es auch hilfreiche Blutsauger, die uns und unsere Tiere von entzündlichen Schmerzen befreien können.

 

Die 8-jährige Border Collie-Hündin Kirree leidet an mehreren Zehen der Vorderbeine an Osteoarthritis. Dies ist eine chronische Gelenkerkrankung, bei der zunehmend die Gelenkknorpel zerstört werden. Grund dafür können Gelenkschäden durch Verletzungen, Bänderrisse, Überlastung oder Fehlstellungen sein. Der Hund hat zeitweise Schmerzen und ist in der Bewegung eingeschränkt. Osteoarthritis ist nicht heilbar. Schulmedizinisch versucht man, dem Tier mit Schmerzmitteln und Entzündungshemmern zu helfen. Im Tiermedizinischen Zentrum in Müllheim (TEZET) wird Kirree umfassend betreut. Das Zentrum bietet auch Alternativmedizin an, und so wurde Kirrees Besitzern für ihren Hund eine Blutegeltherapie empfohlen.

Deshalb trifft die Broder Collie-Hündin mit ihren Besitzern im TEZET ein. Kirree mag keine Tierarztbesuche. Da hilft es auch nicht, dass dieses Mal die behandelnde Person kein Tierarzt, sondern die Tierheilpraktikerin Sandra Fust ist. Die Hündin hechelt, beschwichtigt und hält von einer Behandlung eigentlich gar nichts – auch nicht, wenn es sich um eine Blutegeltherapie handelt.

Ursprung

Bereits im Mittelalter war die Blutegeltherapie weit verbreitet. Auch Hildegard von Bingen, deren Bücher heute wieder auf grosses Interesse stossen, empfahl diese Therapie bei vielen Leiden. Mitte des 19. Jahrhunderts war die Blutegeltherapie so beliebt, dass der Bestand dieser Tiere gefährdet war. Für fast alle Krankheiten wurden Blutegel verwendet; zum Teil bis zu 80 Stück für eine Sitzung. So kam es durchaus auch vor, dass ein Patient infolge der Nachblutungen am Blutverlust starb. Später machte die Industrialisierung den Blutegeln zu schaffen, denn sie benötigen einen Lebensraum mit sehr sauberem Wasser und so sind auch heute die natürlichen Lebensräume sehr begrenzt.

Die Neuentdeckung

In den 80er-Jahren wurden die Egel in der Humanmedizin neu entdeckt. Der Harvard-Professor Joe Upton, nähte einem Jungen das von einem Hund abgebissene Ohr wieder an. Doch es wuchs nicht an. Upton wagte ein Experiment und setzte einen Blutegel ans Ohr. Dank des Tieres floss nun wieder Blut und das abgetrennte Körperteil verband sich wieder mit dem Körpergewebe. Seither kommen Blutegel in der Unfall- und der Plastischen Chirurgie wieder regelmässig zum Einsatz. 

Was sind Blutegel?

Blutegel gehören zur Gattung der Regenwürmer. Beide Körperenden sind mit einem Saugnapf versehen. Vorne befindet sich die Mundöffnung, mit zirka 80 bewegliche Kalkzähnchen. Damit fräst sich das Tier durch die Haut seines «Opfers», um an das Blut zu gelangen. Der Saugnapf am Hinterteil dient lediglich zum Festhalten. Blutegel können in der Obhut des Menschen 25 Jahre alt werden. Sie erreichen ein Gewicht von bis zu 35 Gramm und eine Länge von bis zu 22 Zentimetern. Der Egel atmet nicht über die Lunge oder Kiemen, sondern durch Gasaustausch über die Körperoberfläche. Ist der Egel im Wasser, bewegt er sich ähnlich wie ein Delphin fort. Er beobachtet allfällige Wasserbewegungen und sucht sich so seine Opfer. An Land sind ihm seine beiden Saugnäpfe bei der Fortbewegung eine grosse Hilfe.

Wird der Egel an den Patienten angesetzt, ist er ausgehungert und etwa 2 Gramm leicht und zwischen 4 und 12 Zentimeter lang. Vollgesogen und satt verdoppelt oder verdreifacht sich sein Gewicht und Umfang. Erst nach einigen Monaten ist der Blutegel wieder saugwillig. Der «Schmerz» beim Biss eines Blutegels wird von den menschlichen Patienten mit einem Insektenstich verglichen, ebenso tritt ein leichtes Brennen wie das von einer Brennnessel auf, das wieder verschwindet und später wieder auftreten kann. 

Wirkung der Therapie

Wie die Blutegeltherapie genau wirkt, ist nicht bekannt. Im Speichel des Egels sind unter anderem Stoffe wie Hirudin, ein Blutgerinnungshemmer, und Eglin, ein Entzündungshemmer, ebenso Hyaluronidase, das eine antibiotische Wirkung hat und lokal die Gefässe erweitert. Vermutet wird, dass durch das Blutsaugen und die Stoffe, die die Egel in die Wunden abgeben, die Durchblutung gefördert wird, so dass vermehrt Nährstoffe die kranken Stellen erreichen und Schlackenstoffe besser abtransportiert werden. Auch vermutet man, dass das Sekret der Egel eine schmerzstillende Wirkung hat.

Der Egel saugt pro Biss 3 bis 6 Milliliter Blut. Durch die Nachblutung verliert der Patient zusätzlich 20 bis 30 Milliliter. Um zu verhindern, dass sich die Wunde gleich wieder schliesst, gibt der Egel Hirudin ab. Der Blutegel beisst sich fest, bis er satt ist und fällt dann von selbst ab. Dies kann zwischen 30 Minuten und 2 Stunden dauern.

Der Einsatz von Blutegeln ist überall da sinnvoll, wo entzündliche Vorgänge im Körper stattfinden. Wie bei Kirree, wo die Egel direkt auf die betroffenen Stellen angesetzt wurden.

Kirree und die Egel

Sandra Fust hat eine bequeme Matte mit einem Frotteetuch für ihren vierbeinigen Patienten vorbereitet; die Besitzer setzen sich neben die nervöse Hündin und können sie so beruhigen. Wichtig ist, dass Kirree mindestens zwei Tage vor der Behandlung nicht mit Shampoo gewaschen und nicht mit Parasitenmittel behandelt worden ist. Solche Gerüche mögen Blutegel nicht und hungern lieber, als dass sie zubeissen. Fust hält drei ausgehungerte Blutegel bereit. Zum Ansetzen wird der Egel in ein kleines Glas gelegt, das eine zirka drei Zentimeter grosse Öffnung hat. So kann der Radius, in dem der Egel sich festsaugen soll, eingegrenzt werden. Der erste Egel erweist sich zuerst als nicht beiss- und saugfreudig. Doch als alle drei Egel auf den beiden Vorderpfoten angebracht sind, holt das zuerst angesetzte Tier auf und steht seinen Kollegen in keiner Weise nach. Kirree schaut zur Seite und lässt das Prozedere hechelnd über sich ergehen. Bereits nach einer halben Stunde lassen sich die Egel vollgesogen fallen. Die Bissstellen bluten nach. Das ist ein Teil der Therapie und darf nicht unterbrochen werden. Fust verbindet die Pfoten der Hündin und empfiehlt den Besitzern, den Verband am Abend noch einmal zu wechseln. Am nächsten Morgen werden die Wunden nicht mehr bluten. 

Behandlungsablauf

Je nach Grösse des zu behandelnden Tieres und der Art der Erkrankung ist die Menge der Egel zu bestimmen. Bei einer akuten Erkrankung braucht es mehr Egel, und bei einem chronischen Leiden werden in der Regel weniger Egel verwendet, aber die Behandlung wird mehrmals wiederholt.

Egel sind keine gierigen Monster, die allzeit bereit sind, Blut zu sagen. Ist es zu hell im Raum, steht ein Gewitter an oder ist der Therapeut nervös, kann es sein, dass sie nicht zubeissen. In solchen Fällen kann es helfen, die Beissstelle anzuritzen oder mit etwas Butter zu bestreichen.

Der Saugvorgang darf nicht unterbrochen werden. Wird versucht, den Egel vor dem Beenden seiner Mahlzeit zu entfernen, riskiert man, dass sich das Tier in die Wunde erbricht und sich so das Risiko einer Infektion erhöht.

Ist der Egel mit Blut vollgesogen, fällt er ab und die Wunde blutet bis zu 12 Stunden nach. Dieser Vorgang soll nicht beeinflusst werden, da das Nachbluten eine entstauende Wirkung hat und ein Teil der Therapie ist.

Da der logistische Aufwand und das Infektionsrisiko für eine weitere Verwendung der eingesetzten Blutegel zu gross wäre, muss das Tier getötet werden. Im Gefrierfach schlummern sie bei Minustemperaturen vollgesogen dahin…

Kosten und Therapiemöglichkeiten

Ein Blutegel kostet etwa 20 Franken, eine Behandlungsstunde bei einem Therapeuten zwischen 120 und 140 Franken.

In der Schweiz gibt es keinen Verband von Blutegel-Therapeuten. Einige Tierheilpraktiker bieten diese Therapieform an. Ist Ihr Tierarzt offen für Alternativmedizin, kennt er vielleicht einen Therapeuten.

Übrigens: Kirrees Besitzer meldeten vierzehn Tage nach der Behandlung, dass ihr Hund deutlich weniger lahme und die Schmerzmittelgabe reduziert werden konnte.

 

Text: Sandra Boucek

 

Weiterführende Links:

www.tezetag.ch

www.healing4animals.ch

www.hirumed.ch

 

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

Ein Kommentar zu “Helfende «Vampire» – Blutegeltherapie

  1. Ralf Kastenholz

    Den Blutegel setze ich bereits seit 2 Jahren bei der Behandlung von Tieren ein. Sehr gute Ergebnisse gibt es im Bereich der Arthrose- und der Bursitisbehandlung. Bereits nach 1 Behandlung kann oft die Schmerzmittelgabe reduziert werden. In einigen Fällen bedarf es einer zweiten oder gar dritten Behandlung (schwere Arthrose), doch können die Tiere dann sogar schmerzfrei laufen. Je weniger Schmerzmittel verabreicht werden müssen, umso mehr kann vermieden werden, dass Nebenwirkungen der Medikamente auftreten oder sich deren Substanzen in der Leber absetzen. Ein weiteres Plus beim Einsatz der Blutegel.

    Was das im Artikel erwähnte Hecheln des Hundes angeht, so habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese Reaktion sehr rasch nachlässt, sobald die Egel einmal sitzen und ihre Arbeit begonnen haben. Viele Hunde entspannen sich so weit, dass sie sogar kurz vor dem Einschlafen sind. Nach der Behandlung sollte der Hund nicht zum Spielen und Toben animiert werden. Oft sind sie dann eh zu müde und bevorzugen ein kurzes „Schläfchen“.

    Je nach Schweregrad und individueller Entwicklung der Erkrankung muss die Therapie nach etwa 1 Jahr wiederholt werden. Auch wenn die klassische Medikation in bestimmten Fällen ihren Sinn hat, so ist die Vermeidung derselben und das Auftreten von Nebenwirkungen und Spätfolgen so lange wie möglich zu vermeiden – zum Wohle des Tieres. Darum: Lieber einmal Beissen als einmal schlucken.

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