Fellfarbe und Verhalten

Ein möglicher Zusammenhang zwischen der Fellfarbe eines Hundes und seinem Charakter, Temperament oder gar Verhalten wird immer wieder heftig diskutiert. Ein Blick in die diversen Hundeforen im Internet genügt, um folgende Aussagen zu finden: «Schwarze Pudel sind ruhig und anhänglich, apricot Pudel sind temperamentvoll und besser für Sport geeignet, weisse Pudel sind ‹eingebildet›.» Ein anderer User hingegen bezeichnet apricot Pudel als «nervöser und aggressiver». Über die Aussies kursiert das Gerücht, dass die roten «durchgeknallter» seien als andere Farbschläge. Viele Farben – viele Meinungen …
Betrachten wir also einmal die Fakten.

Text: Anna Laukner

Grundlagen der Farbentstehung

Die Fellfarbe beim Hund setzt sich zusammen aus Eumelanin (das ist schwarzes Pigment) und Phäomelanin (das ist gelbliches bis rötliches Pigment). Es gibt mindestens 12 verschiedene Genorte, die unabhängig voneinander an den unterschiedlichsten Stellen und zu den unterschiedlichsten Zeitpunkten in die Pigmentierung eingreifen – dadurch entsteht die unglaubliche Vielfalt an verschiedenen Fellfarben und -zeichnungen beim Hund. Beide Melanin-Formen gehen auf die Aminosäure Tyrosin zurück. Tyrosin wird in mehreren Syntheseschritten mittels des Enzyms Tyrosinase über die Stoffe Dopa und Dopaquinon zu Eumelanin bzw. Phäomelanin umgewandelt. Die These, dass die Fellfarbe und das Verhalten (die Reizschwelle/das Wesen) eines Hundes mit der Pigmentierung zusammenhängt, fusst hauptsächlich auf zwei Argumenten:

Argument 1:
Tyrosin ist der gemeinsame Ausgangsstoff des Farbstoffs Melanin, des Neurotransmitters Dopamin und des Stresshormons Adrenalin. Auch das Schilddrüsenhormon Thyroxin geht auf Tyrosin zurück.

Argument 2:

Melanocortine: eine Hormongruppe, die an verschiedene Rezeptoren im Körper bindet und unterschiedliche Effekte bewirken kann (z. B. Pigmentproduktion, Stresshormonproduktion). In der Literatur wird ein (bislang noch nicht bewiesener) Zusammenhang zwischen der Fellfarbe und dem Verhalten eines Hundes hauptsächlich mit diesen beiden Punkten begründet. Ganz so simpel scheint es jedoch nicht zu sein…

Zu Argument 1:

Adrenalin ist das sogenannte «Stresshormon», das die Nebennieren in Stresssituationen ausschütten. Auch das Schilddrüsenhormon Thyroxin geht auf Tyrosin zurück. Daraus aber generell einen Zusammenhang zwischen Fellfarbe und Verhalten herzustellen, funktioniert nicht, denn sowohl Eumelanin (schwarz) als auch Phäomelanin (gelb) wird aus Tyrosin synthetisiert. Allenfalls könnte man ableiten, dass Hunde, denen das Enzym für die Pigmentproduktion (die sogenannte Tyrosinase) fehlt, «nervenschwächer» seien als pigmentierte Hunde. Solche Hunde mit dem Tyrosinasemangel sind aber nicht rot, sondern Albinos (diese können gar kein Pigment bilden). Echte Albinos sind beim Hund extrem selten und meines Wissens gibt es keine Studien darüber, ob sie generell ein (nachweisbar und signifikant) anderes Verhalten an den Tag legen als ihre farbigen Wurfgeschwister. Man darf zudem nicht vergessen, dass Albinos durch den Pigmentmangel lichtempfindlicher sind als Nicht-Albinos. Je nach Typ des Albinismus ist die Iris wenig bis gar nicht pigmentiert, Sonnenstrahlen gelangen somit «ungefiltert» an den Augenhintergrund. Alleine ein solches Handicap könnte schon zu einem abweichenden Verhalten führen.

Die meisten weissen Hunde sind entweder sogenannte Extremschecken oder stark aufgehellte Gelbe. Bei Extremschecken (z. B. Dogo Argentino, weisse Bullterrier, Parson Russell Terrier etc.) führt eine Mutation dazu, dass die Pigmentzellen während der Embryonalentwicklung nicht in die Haut auswandern. Solche Hunde haben Tyrosinase, sie haben aber keine bzw. nur an wenigen Stellen Pigmentzellen in der Haut, in denen die Pigmente produziert werden können. Ihre Haut ist in den Bereichen der weissen Haare also ebenfalls unpigmentiert. Bei den stark aufgehellten gelben Hunden (z. B. weisser Schäferhund, weisser Zwergschnauzer etc.) ist das Phäomelanin im Fell stark aufgehellt. Diese Hunde haben Pigmentzellen in der Haut und in den Haarwurzeln, es wird jedoch nur Phäomelanin ins Haar eingelagert, dieses ist zudem stark aufgehellt. Sie haben jedoch eine dunkle Haut, dunkle Lider, Nasenspiegel und Lefzen. Der genetische Mechanismus dieser Aufhellung ist bislang nicht bekannt.

Lesen Sie den ganzen Artikel von Anna Laukner im Schweizer Hunde Magazin 7/2014.

geschrieben von:
Anna Laukner

Anna Laukner

Anna Laukner studierte von 1989 bis 1995 in München Tiermedizin und promovierte über die Fellfarben beim Hund – ein Thema, das sie bis heute fasziniert und mit dem sie sich viel und gerne auseinandersetzt. Als praktizierende Tierärztin arbeitete sie in Bayern, Stuttgart und auf Ibiza. Mittlerweile hat sie viele Artikel und einige Fachbücher rund um Hunde und Katzen verfasst. Sie arbeitet Teilzeit als Tierärztin und kastriert für den Tierschutz streunende Katzen. Privat pendelt sie mit ihrer Familie zwischen Deutschland und Ibiza.

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