Erst nachdenken, dann handeln − die hohe Kunst der Impulskontrolle

Von unseren Hunden wird vieles verlangt, was nicht in ihrer Verhaltensnorm enthalten ist. Teilweise steuern die Forderungen sogar gegen die genetischen Anlagen. Um die passenden Erziehungsmassnahmen zu finden, möchte ich Sie anregen, sich in Ihren Hund zu versetzen. Prüfen Sie, welche Vorteile ihm durch sein Verhalten entstehen und was es ihm bringen könnte, stattdessen Ihre Ideen umzusetzen. In dieser Serie erhalten Sie Anregungen, wie Sie das Verhalten Ihres Vierbeiners zu Ihren Gunsten beeinflussen können.

 

Auf einem Spaziergang an der Thur liess ich meinen Malamute frei herumspringen. Der Weg war übersichtlich und wir waren allein auf weiter Flur. Unerwartet tauchte oberhalb des Weges an einem steilen Hang eine Frau mit Kinderwagen auf. Ragnarson sah dieses neue Objekt und rannte los, noch bevor ich es registrierte. Mit kräftigen Sprüngen kletterte er entschieden den Hang hinauf. Mir rutschte das Herz in die Hose und ich rief ihn energisch zurück, doch er reagierte schon lange nicht mehr. Neugierig steckte er die Nase in den Kinderwagen und begrüsste anschliessend die Mutter, die glücklicherweise entspannt blieb.

Der Reiz des Neuen ist es, der bei Ragnarson immer wieder jede Impulskontrolle versagen lässt. Er muss jetzt und sofort erkunden, was es mit diesem Reiz auf sich hat. Wird er erfolgreich von diesem Vorhaben abgehalten, kann es durchaus sein, dass er sich genauso impulsiv dagegen zur Wehr setzt und denjenigen verletzt, der ihm dabei im Weg steht.

Ragnarson sah früher nur selten einen Grund dafür, seine Impulse zu kontrollieren und sich Zeit zu nehmen, um die Folgen seiner Handlungen abzuschätzen. Im Gegenteil: Als ich den Rüden mit fünf Jahren übernahm, agierte er nach dem Motto «Lieber jetzt als nie», was ihm zweifellos bisher den Vorteil verschaffte, keine Gelegenheit zu verpassen und fast immer zu erreichen, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Funktionierte das einmal nicht, war dafür die Frustration umso grösser und die Enttäuschung darüber wurde wütend am nächstbesten Objekt oder Sozialpartner ausgelassen. Nach inzwischen sechs Jahren der intensiven Zusammenarbeit haben wir einiges erreicht. Doch Impulsivität ist ein sehr altes Überlebensprogramm, das sich nicht einfach wegtrainieren lässt.

 

Erste Impulskontrolle in der Welpenstube

In den ersten Lebenswochen wird das Verhalten von Hundesäuglingen durch Reflexe und Emotionen gesteuert, ganz ähnlich wie in den ersten Lebensmonaten von Menschenkindern. Welpen und Kleinkinder reagieren, sobald es ihre Motorik zulässt, ungehemmt auf alles, was von innen oder aussen auf sie einwirkt. Sie beginnen zu jammern, wenn sie sich unwohl fühlen, sie erkunden neugierig neue Objekte, beanspruchen besondere Ressourcen für sich und werden zornig, wenn jemand sie von ihrem Vorhaben abbringen möchte.

In der ersten sensiblen Phase, die beim Hund etwa bis zur zwölften Lebenswoche anhält, erfahren die Welpen, dass sie mit ihren Handlungen die Reaktionen der Umwelt beeinflussen können. Diese Umweltantworten können angenehme und unangenehme Folgen mit sich bringen und manchmal gar keine. Im Spiel mit den Geschwistern lernen sie zum Beispiel, dass es Spass macht mit diesen zu balgen, wobei ein zu grober Einsatz der Zähne jedoch schmerzhaft ist. Warum? Weil der gebissene Welpe reflexartig zurückbeisst. So erfahren die Welpen in diesen ersten Lebenswochen, dass es im Spiel sinnvoll ist, die Impulse zumindest ansatzweise zu kontrollieren. Es wird nicht mehr ganz so fest zugebissen und in den Gesichtern der Artgenossen gelesen, um die Folgen der eigenen Handlungen abzuschätzen.

In der Zeit des Abstillens lernen die Vierbeiner, dass auch der grösste Wunsch – in diesem Fall der Zugang zur Milchbar – manchmal unerfüllbar ist. Die erfahrene und ausgeglichene Mutterhündin unterbricht immer häufiger die selbstverständliche Bedienung, mildert die Frustration aber oft direkt mit fürsorglichem Pflegeverhalten ab. Die Welpen erfahren, dass nicht immer alles frei verfügbar ist, davon aber auch die Welt nicht untergeht. Zudem lernen die Welpen, dass Selbstbeherrschung oft früher zum Ziel führt. Wenn sie die Pflegemassnahmen der Mutter still über sich ergehen lassen, können sie wieder toben gehen. Im Laufe des Heranwachsens bauen die Tiere diese Fähigkeiten weiter aus, sofern sie sich als nützlich und brauchbar erweisen.

 

Impulsivität versus Impulskontrolle

Impulsivität ermöglicht spontane Entscheidungen, die durch die emotionale Bewertung innerer und äusserer Reize ausgelöst werden. Stellen Sie sich das Gehirn als einen Computer vor. Taucht ein bedeutender Reiz auf, wird erst mal automatisch ein passendes Verhalten ausgelöst. Passend ist ein Verhalten dann, wenn es dem Lebewesen einen Vorteil verschaffen könnte. Bedrohliche Reize lösen Abwehrverhalten oder Flucht aus, vorteilhafte Reize werden in Beschlag genommen. Einmal beschaffte Ressourcen werden vor Fremdzugriff gesichert.

Diese einfachen Programme bringen wohl alle Tiere mit, auch wir Menschen. Durch Lernerfahrungen werden diese Programme in einigen speziellen Situationen komplexer und nehmen dann etwas mehr Zeit für die Reaktion in Anspruch. Das ist es, was man unter Impulskontrolle verstehen könnte. Gelernt wird, dass ein angedachtes Ziel durch angepasstes Verhalten zuverlässiger erreicht werden kann, oder dass es hierdurch möglich ist, nachteilige Umweltantworten zu umgehen. Der Mensch hat in diesem Bereich einen grossen Vorteil, denn die Fähigkeit zur Impulskontrolle ist bei keinem Tier so gut ausgeprägt wie bei ihm. Doch hat er sich nicht immer wirklich im Griff! (…)

 

Den vollständigen Beitrag können Sie in der Ausgabe 4/17 lesen.

geschrieben von:
Katrin Schuster

Katrin Schuster

Katrin Schuster ist eine erfahrene Tierverhaltenstherapeutin. Seit ihrem 13. Lebensjahr engagiert sich die heute 34-Jährige aktiv für einen «realistischen» Tierschutz. Ihre Methoden beruhen auf ganzheitlichen Ansätzen. Neben der gesundheitlichen Abklärung bei Verhaltensauffälligkeiten liegen ihr die tiergerechte Haltung sowie der respektvolle und faire Umgang zwischen Tier und Mensch am Herzen. Katrin Schuster arbeitet mit Tierpsychologen, Fachtierärzten und Tierheilpraktikern eng zusammen.

2 Kommentare zu “Erst nachdenken, dann handeln − die hohe Kunst der Impulskontrolle

  1. Ruth Scherrer

    Meine Freude dass ich nun das Schweizer Hundemagazin auch über die Homepage
    www H-und.ch Tourismus finden kann. Eine perfekte Kombination – ich bin total Fan von Frau Livia Scherrers Seite! Verständlicherweise speziell von der Reporterin Kaya!!

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  2. Bärtschi Irina

    Guten Tag
    habe mich heute riesig über das Buch Nasen Arbeit gefreut, weiter so.

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