Die Arbeit mit der Reiz- oder Bewegungsangel – Ein reizvolles Training

Reizangeltraining – wer diesen Begriff vielleicht schon gehört hat, ordnet ihn automatisch der Jagdhundeausbildung zu. Doch nicht nur für jagdlich geführte Hunde ist das Training mit der Reizangel, richtig ausgeübt, eine tolle Sache. 

Text: Evelin Hertach

Eine Reizangel wird als Hilfsmittel in der Hundeausbildung eingesetzt und ist besonders in der Jagdgebrauchshundeausbildung eine seit Jahren bekannte Methode. Man nimmt dazu eine etwa 2 bis 3 Meter lange Verlängerung aus Holz oder anderem dafür geeigneten Material und knotet ein etwa gleich langes Seil an der Angel fest. Am Ende des Seils wird eine Beute angebracht. Der Hundeführer lockt nun seinen Hund mit der Angel, damit der Hund auf die Beute aufmerksam wird.

Mit der Reizangel kann man kreative Ablenkungen in ein Training einbauen und den Hund für seine Leistung und Kooperation belohnen, wenn er die Beute erst auf ein Signal hin hetzt und packt. Wichtig jedoch ist, dass sich der Hundeführer bewusst ist, für welchen Zweck und welches Ziel er die Reizangel einsetzen möchte.

Für Jagdhunde 

Der Jäger beispielweise kann seinen Vorstehhund lehren, an der Reizangel vorzustehen, und dass ein Einspringen tabu ist. Die Zeitdauer des Vorstehens kann dann je nach Ausbildungsgrad sorgfältig ausgedehnt werden. Der Jagdgebrauchshund lernt hiermit gleichzeitig, sich emotional und körperlich zu beherrschen. Mit Gefühlen wie Frust und Aufregung lernt er umzugehen, so dass er für den Hundeführer steuerbar wird. Ein Jagdgebrauchshund, der zur Nachsuche ausgebildet wird, hat bei der Jagd eine andere Funktion und sollte an der Reizangel andere Schwerpunkte lernen.

Auch für Familienhunde  

Inzwischen wird dieses Training auch in weiteren Bereichen angewendet, beim Familienhund als Beschäftigung, im Hundesport oder zur Auslastung beim Antijagdtraining, wobei das Wort Antijagdtraining zu einem Missverständnis führen könnte. Es geht bei einem Antijagdtraining an der Angel vielmehr darum, kreative und sinnvolle Auslastungsmodelle zu finden, um die Leidenschaft des Hundes gegebenenfalls umzulenken. Ein Hund, der eine hohe Jagdpassion aufweist, wird jedoch nicht zum Antijäger.

Ein unkontrolliertes und ungesteuertes Hinterherhetzen des Hundes an der Angel mit dem einzigen Ziel, den Hund zu ermüden, sollte man von Anfang an vermeiden! Dies kann mehr Schaden als Nutzen bringen; unter Umständen wird hiermit bei einigen Hunden unerwünschtes Jagen gefördert. Die Folge kann eine Reizverallgemeinerung auslösen und eine zu hohe, nicht mehr steuerbare Erregung des Hundes verursachen. Ein solches Verhalten kann im Alltag gefährlich werden.

Hunde sollen bei dieser Arbeit mitdenken und dabei lernen, dass sie durch Selbstbeherrschung und Kooperation auf Signal zur Beute, ihrem Ziel, gelangen können. Der Hundeführer lernt bei dieser Arbeit, die Körpersprache seines Vierbeiners zu verstehen und klare Botschaften mittels Hör- und/oder Sichtzeichen zu vermitteln ‒ somit eine wertvolle Teamarbeit, bei der die Beziehung zwischen Hundeführer und Hund gefördert wird.

Aller Anfang ist schwer

Für ein angemessenes Reizangeltraining braucht ein Hund ein seinem Alter angepasstes Konzentrationstraining, emotionale Selbstbeherrschung und eine sorgfältig aufgebaute Kondition. Dies muss zuerst Schritt für Schritt erarbeitet werden.

Anforderungen an den Hund

Für einen Hund ist es einfacher zu verstehen, was er an der Reizangel tun soll, wenn er Grundsignale wie beispielsweise ein Lobwort, den Blickkontakt und die Kommandos Aus, Sitzen, Stehen, Liegen und ruhiges Warten beherrscht.

Würde man seinem jungen Hund ohne Signale und Regeln erlauben, der Beute hinterherzuhetzen, kann es geschehen, dass er auf dem alltäglichen Spaziergang sichtbare, bewegende Reize nicht mehr unterscheiden kann und hinterherhetzt.

Gemeinsames Spiel

Wie reagiert der Hund im normalen Spiel mit einer Spielbeute ohne Angel? Hier kann man schon erkennen, wie sich der Hund in solchen Spielsituationen verhält. Es lohnt sich, da Übungen einzubringen, die später dem Reizangeltraining dienen (Steuern der Erregung des Hundes, aktives Spielen und zwischendurch ruhiges Verharren trainieren, das Auslassen der Spielbeute auch unter höherer Erregung, Blickkontakt usw.).

Die Dosis macht das Gift

Dieses alte Sprichwort gilt auch hier: Wer mit seinem Hund Reizangeltraining betreiben möchte, sollte gut auf die Gesundheit seines Hundes achten. Einerseits kann man durch dieses Training eine hohe körperliche Kondition und einen Muskelaufbau erzielen. Das Training darf dabei aber nicht unterschätzt werden und muss dem Hundetyp angepasst sein (Alter, Körperbau, Ausbildungsstufe). Der Bewegungsapparat des Hundes kann stark in Anspruch genommen werden, denn je nachdem wie man die Reizangel bewegt, hebt, schwingt, lenkt, ob dicht am Boden schweifend oder hoch schwebend in der Luft, ob langsam oder im Zickzack, rasant der Bodenfläche nach, alle dies Techniken haben Einfluss auf die Bewegungsabläufe des Hundes und auf seinen inneren Erregungsgrad. Lustig mag es aussehen, wenn ein kleiner Hund an der Angel hängt und in der Höhe umher geschwungen wird. Es gibt aber sicher gesündere Methoden des Trainings, um auch die Muskeln aufzubauen.

Bei jungen, anatomisch noch nicht ausgereiften Hunden muss man darauf achten, dass das Training vorsichtig durchgeführt wird, damit der Bewegungsapparate keinen Schaden nimmt; dies gilt auch bei älteren Hunden.

Wenn der junge Hund im Zahnwechsel ist, sollte man sich gut überlegen, welche Übungen sinnvoll sind. Auf keinen Fall darf er beim Aufbau mit der Reizangel sein kooperatives, aktives Tun mit Schmerzen verbinden. Dies ist unbedingt zu vermeiden. Man bedenke, dass bei jedem Training auch die Gefühle des Tieres mitgekoppelt werden. Es gibt in der Zeit des Zahnwechsels genügend Übungen ohne Reizangel, die man trainieren kann, ohne dabei die Zähne zu beeinträchtigen.

Die ersten Trainings

Der Hund sollte neben dem Halsband ein gut passendes Geschirr tragen. Für die ersten Trainings trägt der Hund jeweils eine zirka 5 Meter lange Schleppleine am Geschirr, die der Hundeführer hält. Empfehlenswert ist zuvor ein Warm-up, damit sich die Muskeln des Hundes gut aufwärmen können.

Ideal ist es, wenn man ein spezielles, einzigartiges Startsignal zur Ankündigung des Trainings benützt und dies jeweils mit einem Schlusssignal beendet. Es lohnt sich, hier Rituale einzubauen, die der Hund verinnerlichen kann. Der Reizangel hinterherhetzen und zupacken darf der Hund nur, wenn es ihm von uns erlaubt wurde. Wird dies nicht eingehalten und der Hund hetzt ohne Erlaubnis der Beute nach, lernt er in solchen Situationen, selber zu entscheiden. Dies kann im Alltag auf dem Spaziergang bald ein Problem werden.

Das Handling üben  

Für Neueinsteiger ist es meist gar nicht so einfach, die Angel zu führen, deshalb sind Trockenübungen für den Hundeführer empfehlenswert.

Für viele Hundehalter ist es zu Beginn einfacher, wenn ein versierter Helfer die Reizangel führt, somit kann sich der Hundeführer voll und ganz auf seinen Hund konzentrieren. Ist ein Hund gar nicht zu motivieren für die Arbeit an der Reizangel, sollte man sich überlegen, welche Ursachen dies haben könnte: Vielleicht hat der Hund Schmerzen oder er ist verunsichert (durch andere anwesende Hunde, den Helfer oder die Umwelt). Auf keinen Fall sollte in einer solchen Situation etwas erzwungen werden, sondern die Lage muss besprochen und die Ursache herausgefunden werden.

Für den Beginn des Aufbautrainings reichen schon wenige Minuten. Danach sollte der unerfahrene und/oder junge Hund eine Pause machen. Gleich nach dem Training ist es empfehlenswert, den Hund an der Leine zu führen, bis er dabei sichtlich entspannt ist. Im Anschluss daran wird er in einem für ihn vertrauten  Ruheplatz untergebracht, um zu pausieren.

Auf die Persönlichkeit des Hundes achten 

Es gibt Hundetypen, die unsicher reagieren, wenn man die Angel hervornimmt. Sie sprechen meist auf die Reizangel mit Verlängerung und/oder unsere Körperbewegungen an, die sie als eventuell zusätzlich bedrohlich bewerten. So weit sollte es natürlich nicht kommen, denn die Gefühle des Hundes lernen immer mit. Hier darf keine Sensibilisierung geschehen (= verstärkt negative Reaktion des Hundes auf den auslösenden Reiz). Bei solchen Hunden ist es sehr sinnvoll, wenn die Vertrauensperson des Hundes zunächst nur mit langem Seil und einer Beute (ohne Angelgriff) arbeitet, bis der Hund Sicherheit und Vertrauen gewonnen hat. Vorsicht ist auch bei Hunden mit geringer Frustrationstoleranz geraten! Reizangeltraining ist für einen Hund sehr lustbetont, es kann aber auch Gefühle von Frustration beinhalten, mit denen umzugehen er lernen muss.

Auch bei Hunden, die Beute als ihre Ressource ansehen und/oder bewachen, ist Vorsicht ratsam, denn das könnte sehr gefährlich werden. Bei Hunden mit solchen Eigenschaften muss grundsätzlich überlegt werden, welche Trainingsschritte und Massnahmen im Vorfeld, unabhängig vom Reizangeltraining, anzuwenden sind, damit es nicht zu bösen Überraschungen an der Angel kommt.

Diese Anwendung des Reizangeltrainings kann die Zugänglichkeit sensibler Hunde zu Personen fördern. Um eine Konstanz zu erhalten muss aber das Training immer wieder aufrechterhalten werden. Es ist offensichtlich, dass Hunde durch dieses Reizangeltraining mehr Individualdistanz zu Menschen erhalten: sie können dadurch bei angemessener Handhabung an Vertrauen und Sicherheit gewinnen.

Ausrüstung und Material

Der Mensch:

  • gute, rutschfeste Schuhe
  • Weste mit Taschen, um Material zu verstauen
  • evtl. Handschuhe anziehen
  • Belohnung, abgestimmt auf den Hund
  • Spielzeug (evtl. mehrere) und/oder ein Futterdummy, um zuerst auszuprobieren, auf welches Objekt der Hund anspricht

Der Hund:

  • Halsband und Brustgeschirr
  • Schleppleine, etwa 5 Meter
  • normale Leine, die kurz vor Beginn des Trainings durch die Schleppleine getauscht wird
  • Napf, Wasser für den Hund
  • Geeignete Rückzugsmöglichkeit zum Pausieren 

Die Reizangel

Die Reizangel kann aus verschiedenen Materialien bestehen. Man kann sie gut selber basteln. Inzwischen werden auch in Hundefachgeschäften gut Reizangeln angeboten.

  • geeigneter Holzast, z. B. Haselnussast (Achtung, dass keine Verletzungsgefahr für den Hund besteht)
  • Besenstiel (Holz oder Kunststoff) gibt es auch als Teleskopstiele
  • Anglerrute (hier muss das Handling der Anwendung schon routiniert sein)
  • Longiergerte für Pferde (Pferdefachhandel)
  • Teleskopstangen (Malerbedarf)
  • Katzenspielzeugbedarf (für kleine Rassen wie Zwergpinscher, Zwergpudel)

Seile, Gummiseile

Die Seile können aus verschiedenen Materialien bestehen.

  • Im Baufachhandel werden verschiedene Seil- und Gummiseilmaterialien angeboten.
  • Für die Länge des Seils gilt grundsätzlich: Je länger der Griff und das Seil, umso grösser der Radius für den Hund und umso anspruchsvoller ist auch die exakte Führung der Angel.

Auf die Handhabung der Angel mit dem Seil muss gut geachtet werden, um Verwicklungen des Seils um Beine, Zehen oder Gelenke des Hundes zu vermeiden. Zu dünne Seile sind nicht geeignet. Man sollte zudem von Anfang an darauf achten, dass der unerfahrene und/oder junge Hund die Beute und nicht etwa das Seil packt. Das könnte ihm Schmerzen verursachen, besonders wenn das Seil zu dünn ist und der Hundeführer in diesem Moment an der Angel zieht.

Am besten zieht der Hundeführer für die ersten Trainings. Arbeitshandschuhe an, denn schnell greift man als erste Reaktion unbewusst in das Seil, was sehr schmerzhaft sein kann, besonders bei einem Hund, der im gleichen Moment an der Beute zerrt. 

Die Beute

Sie kann aus verschiedenen Materialien bestehen (Stofftuch, Leder, Spielzeuge mit Handgriff, damit man diese am Seil gut befestigen kann). Auf keinen Fall harte Gegenstände als Beute benützen, da durch schnelle Bewegungen während des Hetzens Verletzungsgefahr besteht.

Die Beute sollte zudem dem Hundetyp angepasst sein. Sie soll beim Hund Neugierde wecken und ihn reizen, aktiv zu werden, jedoch immer nur so viel, dass er bei seinem momentanen Ausbildungsstand trotz dem sichtbaren Reiz noch mitdenken und dadurch seine innere Erregung steuern lernen kann.

  • Futterdummys  (meist auch ideal für Hunde, die weniger mit Spielzeug zu motivieren sind)
  • Stofflappen
  • Leder-Hetztuch (im Hundefachgeschäft erhältlich)
  • Spielzeug aus Leder, Stoff

Fazit

Das Reizangeltraining kann eine wertvolle Hilfe sein, um verschiedene Elemente wie Gehorsam unter Ablenkung, Ausdauer, Konzentration und Kooperation des Hundes zu trainieren. Auf die Konstitution und die Gesundheit des Hundes muss unbedingt Rücksicht genommen werden und das Training sollte dementsprechend individuell angepasst sein. Die Arbeit an der Angel kann sehr kreativ ausgefeilt und immer wieder mit neuen Übungen und Reizen erschwert werden. Das Reizangeltraining bietet viele Varianten und kann eine tolle Beschäftigungsmöglichkeit sein. Um dem Hund kein unerwünschtes Verhalten anzutrainieren empfiehlt sich vorher der Besuch eines entsprechenden Kurses oder das Trainieren mit einer Fachperson, und dem Vergnügen steht nichts mehr im Weg.

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geschrieben von:
Evelin Hertach

Evelin Hertach

Evelin Hertach spezialisierte sich seit der Eröffnung ihrer Hundeschule Easydog im Jahr 1997 auf Einzelcoaching, themenbezogene Kurse und Referate für Hundehalter und Kursleiter. Hauptberuflich arbeitete sie 12 Jahre als Mitarbeiterin in einer stationären Therapiestelle für substanzmittelabhängige Personen. Im Jahr 1996 absolvierte sie erfolgreich ein Nahstudium im Bereich der Tierpsychologie. Bei der Stiftung zum Wohl des Hundes war sie vier Jahre als feste Mitarbeiterin tätig und absolvierte alle Ausbildungsstufen zur Certodog-Hundeinstruktorin III. www.easydog.ch

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