Der Tibet Spaniel ‒ kleiner Hund vom Dach der Welt

«Liebe Leserin, lieber Leser, seien Sie gewarnt: Der Tibet Spaniel ist kein Allerweltshund für Allerweltsmenschen! Er ist ein besonderer Hund, den nur besondere Menschen schätzen und lieben werden. Das jedenfalls behaupten Fans und Züchter aus aller Welt…»

Text und Fotos: Eva Lüscher

Der Tibet Spaniel in Kürze
Ursprungsland: Tibet
Verwendung: Begleithund
Klassifikation FCI: Gruppe 9 Gesellschafts- und Begleithunde, Sektion 5 Tibetanische Hunderassen, ohne Arbeitsprüfung
Verhalten/Charakter: fröhlich, «kernig», ausgesprochen wachsam und «meldefreudig», aufmerksam, lernwillig und unerschrocken
Grösse: ca. 25 cm
Gewicht: 4,2 bis 6,8 kg
Farben: alle möglich
Haarkleid: länger, mit dichter, feiner Unterwolle

Dies ist ein Zitat aus dem Buch «Tibet Spaniel, Grosser Hund im kleinen Körper» von Birgit Primig (siehe Literaturhinweis).

«Grosser Hund» in kleinem Körper

Der Tibetan Spaniel, oft Tibbie genannt, wird immer wieder beschrieben als «grosser Hund» in kleinem Körper. Er ist trotz seiner geringen Körpergrösse (ca. 25 cm, bei einem Gewicht von 4,2 bis 6,8 kg) ein bestimmt auftretender, äusserst intelligenter Hund. Er ist fröhlich und sensibel und findet sich in jeder Situation zurecht. Mit seiner grossen Persönlichkeit weiss er sich seinen Platz zu sichern, ohne je aggressiv zu sein. Gegenüber seinen Menschen ist er ein liebenswürdiger Begleiter und treuer Freund.

Der Tibet Spaniel liebt das Zusammensein mit Artgenossen seiner Rasse sehr. Tibbie-Halter erzählen, dass ihr Hund in der Welpenspielstunde oder Hundeschule erst dann richtig mitmacht, wenn andere Tibbies dazukommen. Da sich der Tibet Spaniel im Rudel so richtig wohlfühlt, wird empfohlen, sie nicht einzeln zu halten. Sind Tibbies im Haus eher ruhig und doch wachsam, lieben sie es auf Spaziergängen umso mehr, sich mit Artgenossen im Spiel auszutoben. Auch auf ausgedehnten Bergwanderungen ist der Tibbie gerne dabei. Da wird er jede Gelegenheit nutzen, eine erhöhte Stelle aufzusuchen und in die Weite zu blicken.

Der Tibet Spaniel als «Lama-Hund»

Ursprünglich wurden Tibet Spaniel in den buddhistischen Klöstern gehalten und begleiteten ihre Meister überallhin. Da die Lamas während der Meditationen oft lange ruhig sitzen, fühlte sich der Tibet Spaniel neben ihnen oder in deren Schoss sehr wohl und spendete in den kalten Versammlungshallen zugleich etwas Wärme.

Die kleinen Hunde konnten sich im Kloster überall frei bewegen, und sie bildeten auf den grossen Terrassen oft kleinere Gruppen und dienten als «Alarmglocke»; sah ein Tibbie in der Ferne einen Fremden auf das Kloster zukommen, «informierte» er alle Bewohner mit Gebell. Auch die anderen Tibbies im Kloster bellten mit. So wurden auch die Do Khyis, grosse Hunde, die an den Eingängen zum Kloster gehalten wurden, alarmiert. Bald war allen klar, dass jemand zum Kloster kommen würde. So brauchen Tibbie-Halter keine Klingel an der Haustür. Nähert sich jemand dem Haus, wird das «gemeldet», bevor es läutet. Dennoch ist der Tibet Spaniel kein Kläffer. Eine seiner ursprünglichen Aufgaben ist, zu «alarmieren», die andere jedoch, oft stundenlang ein ruhiger Begleiter der Mönche zu sein. Deshalb wird sich ein Tibbie im Haus in der Regel einen gemütlichen Liegeplatz auf möglichst erhöhter Position suchen, am liebsten so, dass er von seinem Platz aus alles überblicken kann ‒ ruhen und trotzdem wachsam bleiben.

Der Tibet Spaniel und sein Ursprungsland Tibet

Da zum Klima in Tibet viel Wind und Kälte, aber auch extreme Temperaturschwankungen gehören, ist der Tibet Spaniel ein sehr robuster Hund, dem Schnee und Kälte, aber auch Hitze nicht viel anhaben können. So hat das Haarkleid eine dichte, feine Unterwolle, die Schutz vor Kälte und Hitze bietet, und feines Deckhaar, das am Gesicht und an der Vorderseite der Läufe kurz, am Körper jedoch von mittlerer Länge und ziemlich glatt anliegend ist. Vor allem Rüden haben eine sehr ausgeprägte Mähne. Tibet Spaniel gibt es in allen Farbschlägen. Leider haben die Engländer in den ersten Jahren, in denen gezüchtet wurde, auf sablefarbige Hunde selektioniert. Heute wird von verschiedenen Züchtern angestrebt, die ganze Farbenvielfalt zu erhalten. Die buschige Rute wird locker eingerollt über dem Rücken getragen, so dass deren langen Haare sehr dekorativ wirken.

Das allgemeine Erscheinungsbild des Tibetan Spaniel ähnelt noch heute einer der bekanntesten mythischen Figuren der Tibeter, dem Schneelöwen Sengge (oder Seng-Khyi). Die Tibeter bevorzugten über Jahrhunderte kleine Hunde nach dem Vorbild von Sengge, der auch auf der tibetischen Flagge abgebildet ist.

Der Hund spielt im tibetischen Buddhismus eine über andere Tiere hinaus gehende Rolle. Buddha selbst soll von einem kleinen Hund begleitet worden sein, der sich bei Gefahr in einen Löwen verwandeln konnte. Damit könnte der Tibet Spaniel ebenso gemeint sein wie der Lhasa Apso. Auch von seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama, und vielen anderen hohen Lamas wird berichtet, dass sie Tibet Spaniel um sich hatten.

Der Tibet Spaniel in Europa

Die ersten tibetischen Hunde kamen noch vor 1900 über Indien nach Europa. 1895 wurde in Grossbritannien der erste Tibet-Spaniel-Wurf registriert. Der Erste Weltkrieg setzte diesen ersten Zuchtversuchen ein Ende. Im Oktober 1930 wurden Tibet Terrier, Lhasa Terrier und Tibet Spaniel in Grossbritannien als eigenständige Rassen anerkannt. 1957 wurde in England ein eigener Club für Tibetan Spaniel gegründet und 1961 anerkannte die FCI die Rasse.

Im Zuchtbuch der Schweiz tauchen tibetische Hunde erstmals 1963 auf: kleine Tibet Terrier und Lhasa Apso. Der erste Tibetan Spaniel wurde 1971 eingetragen und der erste Wurf 1974.

Erst Mitte der 90er-Jahre erlebte die Zucht der Tibet Spaniel einen ersten Aufschwung. Noch heute ist der Tibbie eine Rarität unter den Hunderassen, bekannter sind Lhasa Apso und Tibet Terrier. Nur für Skandinavien gilt das nicht. Tibet Spaniel sind wie geschaffen für das raue und kalte Klima Nordeuropas. In Finnland, Dänemark und Schweden zählt der Tibet Spaniel zu den beliebtesten Kleinhunderassen.

Standard

Zuständig für die Erstellung des FCI-Standards ist normalerweise das Ursprungsland der Hunderasse. Doch die tibetischen Rassen sind eine Ausnahme; Grossbritannien hat dieses Patronat. Der gültige Standard für den Tibetan Spaniel stammt aus dem Jahr 1998 und ist auf dieser Page zu finden: www.tibbies.ch/fci-standard.

Haltung und Gesundheit

Der Tibetan Spaniel braucht eine liebevolle, ausgeglichene Umgebung. Er ist definitiv kein Schosshund und braucht eine konsequente Erziehung. Er geniesst es, zu mehreren gehalten zu werden. Seine Zuneigung zur Familie wird dadurch nicht beeinträchtigt.

Da der Tibetan Spaniel ein gesunder, robuster, kleiner Hund ist, ist seine Lebenserwartung verglichen mit anderen Hunderassen hoch. Tibbies werden oft 16 Jahre und älter. Es ist sogar bekannt, dass es in der Gegend von Zürich bis 2001 einen 24-jährigen «Methusalem» gab!

Der Tibbie ist bezüglich Futter eher bescheiden und unkompliziert. Es empfiehlt sich, hie und da das Fell zu bürsten und zirka einmal wöchentlich die Ohrenfransen zu kämmen. Im Winter bleibt bei den Tibbies nur sehr selten Schnee am Fell hängen. Auch frieren sie kaum. Das Wichtigste bei der Haltung eines Tibetan Spaniel ist, ihm genügend Raum für sein besonderes Wesen zu gewähren.

Die Tibetan Spaniel haben einen sehr vernünftigen Standard, der alle Übertreibungen ausschliesst. Alle Beschreibungen zielen auf einen gesunden, harmonischen Hund ab. Obwohl Patellaluxation (PL) sehr selten auftritt, wird darauf geachtet, dass nur Hunde mit guten PL-Werten zur Zucht zugelassen werden.

Besondere Aufmerksamkeit wird der vererbbaren Augenkrankheit Progressive Retinaatrophie (PRA) gewidmet. Da die wenigen bis jetzt international aufgetretenen PRA-Fälle unter den Tibbies im Internet einsehbar sind (tibbies.net), ist diese Krankheit unter Kontrolle.

Gonsar Rinpoche, ein buddhistische Meister, berichtet in einem Interview ausführlich über die tibetischen Hunderassen und ihren Ursprung. (tibbies.net). Das Wesen des Tibetan Spaniel beschreibt er als: «normal, nice and natural».

Zum Schluss eine kleine Geschichte

Folgende Episode, wie man sie im Zusammenleben mit Tibet Spaniel immer wieder erleben kann, zeigt, wie aufmerksam, sensibel und intelligent dieser Hund ist.
«Ich lebe mit vielen Tieren zusammen: einem Papagei, einer Katze, Kaninchen, Hühnern und vielen grossen und kleinen Schildkröten. Dazu kommen immer wieder Ferienhunde, meist Tibetan Spaniel.
Als die beiden Tibbies Vyri und Xany zum ersten Mal als Ferienhunde zu mir kamen, waren sie vollgepackt mit Guddelis, Futter, Bettchen, Liegedecken, Spielzeug und Plüschtieren – dazu gehörte auch eine kleine Plüsch-Schildkröte.

Morgens lasse ich jeweils als Erstes meine Ferienhunde auf den Vorplatz meines Häuschens, damit sie sich bewegen und nötigenfalls versäubern können, während ich mir in der Küche meinen Kaffee zubereite. Als ich – mit der Kaffeetasse in der Hand ‒ in den ersten Tagen nach den Hunden schaute, lag immer eine meiner kleinsten Schildkröten direkt vor der Haustür. Mir war unerklärlich, wie sie dahin gelangen konnte, und ich suchte das Gehege nach möglichen Schlupflöchern ab.

Doch da waren keine. Eines Morgens beobachtete ich, wie Vyri die kleinste Schildkröte vorsichtig mit der Schnauze hochhob, um sie ebenso vorsichtig vor meiner Haustüre abzusetzen. Ich nahm die Kleine in meine Hand und «erklärte» Vyri, dass es für kleine Schildkröten hier draussen viel zu gefährlich sei, und setzte sie sanft zurück ins sichere Gehege. Zu Vyria sagte ich: «Kleine Schildkröten gehören da hinein!»

Fortan fand ich kein einziges Mal mehr ein Schildkrötchen vor meiner Haustür. Im Gehege jedoch «lebte» von diesem Tag an eine zusätzliche kleine Schildkröte…
Vyri hatte ihr Plüsch-Schildkrötchen dazugelegt – denn: «Kleine Schildkröten gehören da hinein!»

Der Tibet Spaniel ein sehr robuster, kleiner Hund mit einer grossen Persönlichkeit. Wie jeder Hund ist er als Plüschtierersatz oder «Spielzeug» absolut ungeeignet. Er ist ein aktiver, wachsamer, aber zugleich ruhiger und treuer Begleiter. ‒ «Einmal Tibbie – immer Tibbie!»

Weitere Infos

Tibetan Spaniel Club Schweiz (TSCS): www.tibbies.ch

Buchtipp

Tibet Spaniel, Grosser Hund im kleinen Körper, Birgit Primig, ISBN 9783837099263

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Eva Lüscher

Eva Lüscher (*1957) ging schon als junges Mädchen regelmässig mit Hunden spazieren. Während der Ausbildung zur Heilpädagogin und der darauf folgenden beruflichen Laufbahn hatte sie keine Möglichkeit, Hunde zu halten. Doch sie unterstützt eine Freundin bei der Ausbildung von Hunden, betreut Welpen diverser Würfe und begleitet diese in die Welpenspielstunde. Auch war sie bei der Gründung des Tibetan Spaniel Club Schweiz (TSCS) dabei und dort fünf Jahre lang als Aktuarin und «Hoffotografin» tätig. Ferienhalber sind immer wieder Tibetan Spaniel bei ihr zu Gast.

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