Der Berner Sennenhund – ursprünglich und bodenständig

 

Wenn in seinem Ursprungsland Schweiz liebevoll vom «Bäri» gesprochen wird, ist damit der dreifarbige, langhaarige Berner Sennenhund gemeint. Er hat eine lange Tradition, gehört zur Schweiz wie Schokolade, Käse und das Matterhorn und ist als lebendiges Kulturerbe weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Mit seiner schönen Zeichnung, seiner sprichwörtlichen Gutmütigkeit und seiner freundlichen Ausstrahlung steht dieser liebenswerte Bär auf der Beliebtheitsskala der Hunderassen ganz weit oben und ist heute fast in der ganzen Welt anzutreffen.

Trotz seines tollpatschigen Charmes und einem Aussehen, das oft an einen grossen Teddybären erinnert, ist der Berner Sennenhund ein absolut ernstzunehmender kräftiger Hund, der Erziehung braucht, beschäftigt werden will und in sein Menschenrudel integriert werden muss. Ausgeschlossen vom alltäglichen Leben und auf die Seite gestellt, verkümmert er und kann seine wunderbaren Eigenschaften, die in ihm schlummern, nicht entfalten. Er eignet sich weder als Statussymbol noch als Renommierobjekt oder als Dekoration eines schönen Gartens, sondern soll das sein können, was er schon immer war, nämlich Kamerad, Helfer und Freund. Oder anders ausgedrückt: Einen Berner kann man sich nicht einfach halten – mit einem Berner muss man zusammenleben!

 

Ursprünglich und bodenständig

Wie lange es den Berner Sennenhund schon gibt, ist nicht genau bekannt. Man ist heute jedoch davon überzeugt, dass er auf heimischem Boden entstanden ist und sich zusammen mit der bäuerlichen Kultur und Lebensform entwickelt hat. Sicher ist, dass die unmittelbaren Vorfahren der Berner- und Grossen Schweizer Sennenhunde die Bauern- und Küherhunde des Bernischen Mittellandes, der Voralpengebiete des Emmentals und des Schwarzenburgerlandes waren.

Dort, in den ländlichen Gebieten mit den weit auseinanderliegenden, abgelegenen Bauernhöfen hatten sich diese grossen, kräftigen und robusten Hunde als Viehtreiber, Wachhunde und Gehilfen für die Landwirtschaft entwickelt und lebten über Jahrhunderte hinweg in einer friedlichen Symbiose mit der vorwiegend bäuerlichen Bevölkerung zusammen.

Sie waren Nutztiere, die eine Aufgabe zu erfüllen hatten, und dementsprechend wurden sie auch ausgewählt. Ihr Ursprung lässt sich bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, denn dieser grosse Bauernhund fand schon damals in der Schweizer Literatur oft Beachtung. Vor allem der berühmte Schriftsteller und Pfarrer in Lützelflüh, Jeremias Gotthelf (1797–1854), der ein grosser Darsteller und Kenner des damaligen Bauernlebens war, schilderte immer wieder Episoden aus dem Leben dieser dreifarbigen, ursprünglichen Hunde aus dem Emmental.

Sie hatten noch keine Rassenamen und waren ganz einfach als Bauernhunde bekannt. Je nach Kopfzeichnung und Breite ihrer Blässe wurden sie Ringgi, Bäri oder Bläss genannt, aber auch Gelbbäckler oder wegen ihrer braunen Flecken über den Augen Vieräugler. Da sie am häufigsten in der Gegend um den Weiler Dürrbach anzutreffen waren, wo sie unter anderem auch von Handwerksleuten aus städtischen Gebieten als Zughunde gekauft wurden, waren sie auch schon bald unter dem Namen Dürrbachhunde bekannt.

Der Bauernhund wird salonfähig

Für die Kynologie entdeckt wurden sie von Fritz Probst (1867–1945), einem besonderen Kenner und Liebhaber dieser Hunde. Er hatte sie nicht nur bei seinen Streifzügen als Jäger durch das Gurnigelgebiet auf den abgelegenen Gehöften kennen gelernt, er traf sie auch recht häufig in der Stadt, wo sie als Zughunde ihren Dienst versahen. Es war wohl seine Idee, sie an Ausstellungen zu zeigen, um sie so zur Rasse zu erheben, und sein Verdienst, dass an der ersten Schweizerischen Hundeausstellung, welche von der Kynologischen Gesellschaft Bern am 11. Mai 1902 durchgeführt wurde, erstmals vier Dürrbachhunde gezeigt wurden.

Allerdings waren diese vier Hunde noch nicht als Rasse vertreten, sondern wurden als «nicht klassifizierte Rasse» in einer so genannten «Versuchsklasse» eingeteilt. Eigentliche Geburtsstunde der Dürrbachhunde in der Kynologie war jedoch erst, als der Kynologische Verein Berna vom 13. Bis 15. August 1904 seine erste dreitägige «internationale Ausstellung von Hunden aller Rassen» auf der Schützenmatte in Bern durchführte. Dort wurden sechs Dürrbächler gezeigt, von denen vier prämiert und erstmals als «Dürrbacher Sennenhunde» ins Schweizerische Hundestammbuch eingetragen wurden. Es waren die Rüden Phylax, Prinz, Ringgi und als einzige Hündin Belline, die spätere Begründerin und Stammmutter unserer heutigen Berner Sennenhunde. Diese Ausstellung bedeutete den eigentlichen Durchbruch, denn er brachte dem «Dürrbächler » den Status eines Rassehundes. Dass dieser bodenständige, schöne und charaktervolle Hund immer mehr an Ansehen gewann und in der Beliebtheitsskala nach oben rückte, ist vor allem das Verdienst von Professor Albert Heim, der weit über die Landesgrenzen hinaus als Neufundländerzüchter und Ausstellungsrichter bekannt und geschätzt war. Er hatte an dieser Ausstellung erstmals die Dürrbachhunde gesehen und war sofort von ihnen begeistert. «Er scheint mir durch seine Normalität schön. Nichts ist einseitig übertrieben, alles ist harmonisch, nichts ist sonderbar, alles ist an seinem natürlichen Platz», schrieb er 1914 in seiner Schrift über die Schweizer Sennenhunderassen. Ihm ist es vor allem zu verdanken, dass der Berner Sennenhund zu dem geworden ist, was er heute noch ist. Denn er nahm sich dieser Rasse ganz besonders an, förderte die Reinzucht und strebte einen einheitlichen Standard an. Er wollte, dass der Berner Sennehund in seiner Ursprünglichkeit belassen werden und nicht umgezüchtet werden sollte. Denn ihm gefiel er so, wie er war, es galt höchstens noch, ihn etwas zu «veredeln», wie er es nannte. Oder, um ihn nochmals zu zitieren: «Es gilt hier, längst vorhandenes, vortreffliches, eigenes Material, Ureigentum des Landes zu zeigen und zur Geltung zu bringen.»

Professor Heim ermutigte die ersten Züchter, die «Herren von Burgdorf» auch, einen Klub «zur Zucht und Pflege der vorzüglichen Rasse zu schaffen». Und so wurde am 15. November 1907 der «Dürrbach-Klub, Verein für Züchtung rassereiner Dürrbachhunde» mit 16 Mitgliedern gegründet. Als Präsident wurde Gottfried Mumenthaler gewählt, welcher dem Klub 20 Jahre lang vorstand. Im Jahre 1912 wurde auf Anraten von Professor Heim der «Dürrbächler» in «Berner Sennenhund» und der Klub in «Berner-Sennenhunde-Klub, vormals Schweizerischer Dürrbach-Club» umbenannt.

Heute heisst er offiziell «Schweizerischer Klub für Berner Sennenhunde (KBS)». Wie stark sich der Name jedoch eingebürgert hatte, beweist die Tatsache, dass der Berner Sennenhund auch 100 Jahre nach der Gründung des Klubs oft noch als Dürrbächler bezeichnet wird. Der Name ist der Rasse erhalten geblieben, denn im international anerkannten Rassestandard heisst unser Bäri offiziell Berner Sennenhund (Dürrbächler). Womit auch die heute noch oft gestellte Frage: «Ist das jetzt ein Dürrbächler oder ein Berner Sennenhund?» beantwortet wäre.

Rassekennzeichen

Kurz nach der Gründung arbeitete der Dürrbach-Club verbindliche Rassekennzeichen aus, die bereits 1908 in den kynologischen Fachschriften veröffentlicht wurden. Da jedoch vermutet wurde, dass noch viel mehr Dürrbachhunde vorhanden waren als ursprünglich angenommen, veranstaltete der Klub am 24. April 1910 in Burgdorf eine grosse «Heerschau» für alle Dürrbachhunde, die alle Erwartungen übertraf, denn es wurden 107 Hunde vorgeführt, von welchen nicht weniger als drei Viertel als gute, zur Zucht zu empfehlende Vertreter ihrer Rasse bezeichnet werden konnten. Deshalb wurde der bereits bestehende Rassestandard anschliessend an diese «Standort-Bestimmung» nur noch geringfügig abgeändert und blieb im Wesentlichen als Grundlage für die Zucht von Berner Sennenhunden bis in die heutige Zeit bestehen. Einzig die Grösse, die im 1910 noch eine Spannweite von 12 cm betrug, nämlich bei Rüden von 58–70 cm und bei Hündinnen 53–65 cm, wurde 1951 angepasst.

Diese Widerristhöhe von 64–70 cm für Rüden und 58–66 cm für Hündinnen ist bis heute so geblieben und auch im aktuellen FCI-Rassestandard Nr. 45 vom 5. Mai 2003 für den Berner Sennenhund (Dürrbächler) so festgelegt. Es handelt sich dabei um einen sehr ausführlichen und detaillierten Rassebeschrieb, der kurz zusammengefasst die folgenden Exterieur-Merkmale fordert: Langhaariger, dreifarbiger, übermittelgrosser, kräftiger und beweglicher Gebrauchshund mit stämmigen Gliedmassen, harmonisch und ausgewogen, eher kompakt als lang gestreckt. Der Kopf ist kräftig, harmonisch zur Gesamterscheinung und nicht zu wuchtig, die Lefzen anliegend, die Augen dunkelbraun und mandelförmig mit gut anliegenden Lidern. Der Knochenbau ist kräftig mit geraden und parallel stehenden Gliedmassen. In allen Gangarten wird ein raumgreifender, gleichmässiger Bewegungsablauf gewünscht. Das schlicht oder leicht gewellte Haarkleid ist lang und glänzend, mit einer tiefschwarzen Grundfarbe und sattem, braunrotem Brand an den Backen, über den Augen, an allen vier Läufen, auf der Brust und weissen Abzeichen an Kopf und Brust. Weisse Pfoten und weisse Rutenspitze sind erwünscht. Schön, aufmerksam, gutmütig, selbstsicher und friedlich «Mir scheint, der gute Berner-Sennenhund ist durch sein Ebenmass in jeder Richtung und seine herrliche Farbe und Farbzeichnung eigentlich wohl der schönste Hund, den es gibt», schrieb schon Albert Heim, machte jedoch gleichzeitig auch darauf aufmerksam, dass «früher nicht zum Nachteil der Rasse auf Gebrauchstüchtigkeit und Charakter gezüchtet wurde» und erst mit der Anerkennung als Rasse die Zuchtwahl nach der Schönheit dazugekommen sei. Sein Wunsch war, dass Gebrauchstüchtigkeit und Charakter nicht hinter der Schönheit zurückstehen sollten. Wie recht er hatte! Natürlich ist ein schöner Berner Sennenhund eine Augenweide und manch bewundernder Blick streift ihn, wenn er vorübergeht. Aber es ist ebenso eine Tatsache, dass Schönheit allein nicht ausreicht, wenn sie nicht mit dem liebenswerten, typischen Bernerwesen kombiniert ist. Oder, wie es der Redaktor der Blässipost (der offiziellen Zeitschrift des KBS) bereits 1949 schrieb: «Nicht nur die Schönheit unser Hunde soll für uns zählen, noch mehr Wert legen wir auf den Charakter. Seine schönen Farben, sein glänzendes Fell, seine treuen Augen, seine harmonischen Proportionen, alles das erfreut unsere Augen, was aber unser Herz erfreut, ist sein Wesen.» Aus diesem Grund führte der KBS bereits in den 50ger Jahren des letzten Jahrhunderts eine freiwillige Zuchtmusterung mit einer Mindestanforderung nicht nur im Exterieur, sondern auch im Wesen ein. Diese Begutachtungen zeigten so positive Auswirkungen, dass sie kurze Zeit später als obligatorisch erklärt wurden. Und so ist seit 1973 im Rassestand auch das Verhalten als wichtiger Bestandteil dieses schönen Hundes enthalten.

Heute sind solche Zuchttauglichkeitsprüfungen (Ankörungen) für jedes zukünftige Zuchttier sowohl für das Exterieur als auch für das Wesen (Verhalten) aus dem Zuchtgeschehen nicht mehr wegzudenken. «Sicher, aufmerksam, wachsam und furchtlos in Alltagssituationen; gutmütig und anhänglich im Umgang mit vertrauten Personen, selbstsicher und friedlich gegenüber Fremden; mittleres Temperament, gute Führigkeit», so fordert es der Standard. Und genauso sollte ein echter Berner sein und ist es auch meistens.

Normalerweise steht Bäri auch sinnbildlich mit seinen vier dicken Pfoten fest auf dem Boden, verkörpert Gelassenheit und Gutmütigkeit und lässt sich auch nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Sicher gibt es diese Verhaltensweisen in einer grossen Variationsbreite. Ein unsicheres, ängstliches oder gar aggressives Verhalten ist jedoch absolut nicht typisch für einen Bernersenn. Die Ursachen dafür liegen nicht selten in einer ungenügenden, unsorgfältigen oder mangelnden Sozialisierung in den ersten Lebensmonaten sowie einer ambivalenten Bindung an seine Bezugsperson.

Berner Sennenhunde sind auch keine Kläffer, wenn sie ihrer Art entsprechend gehalten werden. Sie warnen zwar, es fehlt ihnen jedoch jegliche Aggressivität oder Angriffslust und ihr Bellen ist tief und wohlklingend.

Zuchtanforderungen

Dem Namen nach ist Bäri zwar immer noch ein Sennenhund, sein Aufgabenbereich hat sich jedoch im Wandel der Zeit grundlegend geändert. Das heisst, ihm ist gar kein eigentlicher Gebrauchszweck mehr zugeordnet, er gehört in die Gruppe der Hunde «ohne Arbeitsprüfung» und muss für eine Zuchtzulassung nicht mehr auf seine Gebrauchstüchtigkeit für einen besonderen Zweck geprüft werden. Dafür umso mehr auf sein Verhalten in alltäglichen Situationen. Er muss menschen-Rasseporträt bezogen sein und sich weder durch optische noch akustische Einflüsse beeindrucken lassen, damit er zur Zucht anerkannt wird. Gerade in der heutigen Zeit der vermehrten Angst vor grossen Hunden ist es auch enorm wichtig, dass ein Berner Sennenhund sozialverträglich und gut erzogen ist. Wer mit ihm unterwegs ist, merkt, wie viel Sympathie unser Bäri eigentlich geniesst. Er ist inzwischen so populär geworden, dass er vielerorts fast zum Modehund geworden ist. Das ist zwar eine erfreuliche Tatsache, birgt aber auch eine gewisse Gefahr in sich. Je mehr die Nachfrage nach dieser Rasse steigt, umso mehr steigt auch die Möglichkeit der unkontrollierten Vermehrung in dubiosen Zuchten, die sich weder einem Klub angeschlossen haben, noch sich um irgendwelche Anforderungen an Gesundheit und Wesen der Zuchttiere oder um eine zeitgemässe Aufzucht der Welpen kümmern. Das leider oft noch verbreitete Klischee des herzigen Wuschelwelpen, den man irgendwo auf einem möglichst abgelegenen Bauernhof fixfertig mit all denderdard wünschten Eigenschaften des erwachsenen Berner Sennenhundes ausgestattet kaufen kann, ist grundfalsch und kann sehr schnell zu einer Riesenenttäuschung werden. Denn das Wesen des Hundes ist ja nichts anderes als das Ergebnis vieler Faktoren, die es zuerst in der Aufzucht des Welpen und Junghundes, aber auch später in seiner Haltung und Beschäftigung immer wieder zu berücksichtigen gilt.

Der KBS legt deshalb bei der Zucht nicht nur grossen Wert auf gesunde, schöne und wesensfeste Elterntiere, sondern auch auf eine verantwortungsvolle und den neusten Erkenntnissen angepasste Aufzucht der Welpen. Bereits seit dem Jahre 1971 besteht im KBS für zukünftige Zuchttiere ein Röntgenobligatorium für Hüftdysplasie (HD) und Ellbogenerkrankungen (ED). Seit einigen Jahren wird auch eine Zuchtwertschätzung für diese beiden Merkmale geführt. Das heisst, dass bei der Berechnung der Anfälligkeit für HD und ED nicht nur das einzelne Tier, sondern auch dessen Geschwister, Eltern und Nachkommen mitberücksichtigt werden. Dank dieser Selektion gehört der Berner Sennenhund heute nicht mehr zu den Rassen, die besonders HDgefährdet sind.

Richtige Berner-typische Krankheiten gibt es eigentlich keine. Die meisten Erkrankungen, von denen der Berner betroffen ist, kommen auch bei anderen Rassen vor. Einzig die Tumoranfälligkeit ist bei den Berner Sennenhunden momentan gross. Der KBS hat jedoch 1999 einen Gesundheitsfonds gegründet, der es unter anderem ermöglicht, häufig vorkommende Krankheiten erforschen zu lassen und so auch präventiv Krankheiten, die eine genetische Disposition als Grundlage haben könnten, entgegenwirken zu können.

Die Lebenserwartung eines gesunden Berners kann ungefähr zehn Jahre betragen. Einige werden älter, andere wiederum sterben früher. Wie bei jeder grossen Hunderasse ist auch beim Berner jeder Tag, den er nach seinem zehnten Geburtstag bei uns verbringen darf, ein geschenkter Tag. Zu wem passt diese Rasse? Kurz gesagt: zu allen, die bereit sind, mit dem Berner zusammenzuleben, ihn zu beschäftigen und ins Alltagsleben zu integrieren. Wer einen Berner Sennenhund hat, muss allerdings in grossen Dimensionen denken. Es ist ein Riesenunterschied, ob man mit einem Zwerghund oder einem Berner zusammenlebt. Dreht er sich um die eigene Achse, braucht er einen grossen Radius und wedelt er mit seiner buschigen Rute – und ein Berner wedelt fast immer –, so kann in einer kleinen Wohnung schon mal etwas durch die Gegend fliegen. Aber der Berner ist nicht nur in seiner äusseren Erscheinung gross, sondern auch in seiner Art. Für einen zufriedenen Berner ist sein Menschenrudel schlichtweg Lebensinhalt. Er braucht weder Bauernhof noch Villa mit Park, damit er glücklich ist. Sicher ist es schön, wenn Bäri einen grossen Garten zur Verfügung hat. Aber nur dann, wenn es keine Tragik bedeutet, wenn er auch einmal ein Loch buddelt, einen Busch anknabbert oder einen Strauch «begiesst». Und vor allem nur dann, wenn er deswegen nicht auf seine Spaziergänge verzichten muss und auch ins Haus darf. Muss er hingegen allein in seinem grossen, schönen Garten sein Leben verbringen, so wäre er möglicherweise sogar in einer Wohnung ohne direkten Auslauf, aber mit vielen erlebnisreichen Spaziergängen glücklicher. Nicht die Qualität der Wohnsituation, sondern die Art der Beziehung, die Einstellung der Hundehalter und ihre Kompromissbereitschaft machen es aus, ob sich dieser kräftige, grosse Hund wohl fühlt oder eben nicht.

Wer sich entschliesst, sein Leben mit einem Berner Sennenhund zu teilen, tut auf alle Fälle gut daran, sich zuerst erwachsene Bäris anzuschauen, um sich über deren Grösse, Kraft, Bedürfnisse und Eigenschaften ein Bild zu machen. Denn inmitten einer drolligen, wuscheligen Welpenschar schlägt das Herz leicht Purzelbäume und lässt einen noch unentschlossenen Sympathisanten leicht vergessen, dass sich dieser kleine Fellhaufen in nur wenigen Monaten zu einem ungestümen Kraftpaket entwickeln kann.

Ein Bäribesitzer darf auch kein Sauberkeitsfanatiker sein. Das lange Haar braucht zwar nicht viel Pflege, muss aber trotzdem ein- bis zweimal pro Woche gebürstet werden. Und wenn der pelzige Freund sein Fell wechselt, verliert er büschelweise Haare. Dazu kommt, dass in seinem Pelz vieles hängen bleibt, das er ins Haus schleppt, und seine Riesenpfoten auch mal ihre Abdrücke auf dem Fussboden hinterlassen. Nicht zu vergessen, dass ein Berner gerne auf Tuchfühlung mit seinem Menschen ist. Auf den Füssen seines Zweibeiners zu sitzen und sich an ihn zu lehnen, gehört nun mal zu Bäris Lieblingsbeschäftigungen, ob er nun frisch gebürstet oder soeben mit schmutzigen Pfoten von einem Spaziergang zurückgekehrt ist.

Was braucht ein Berner

Sennenhund, damit er so wird, wie man ihn sich vorstellt? Wie jeder andere Hund, braucht auch der Berner Sennenhund eine liebevolle, konsequente Erziehung. Auch wenn er nicht gerade zu den schwer erziehbaren Hunderassen gehört, so ist er doch ein kräftiger, in seiner Jugend oft ungestümer und temperamentvoller Hund, der klare Richtlinien braucht. Weder ein sicheres Verhalten noch soziale Verträglichkeit sind angeborene Eigenschaften des Berners, auch wenn die vererbten Veranlagungen dafür in ihm schlummern. Natürlich spielt die genetische Komponente, die durch eine gute Zuchtauswahl in die richtige Richtung gelenkt werden kann, auch eine grosse Rolle. Aber damit sich diese grundlegenden Eigenschaften überhaupt entfalten und vervollständigen können, müssen sie zuerst geweckt, gefördert und gelebt werden. Was dieser äusserst menschenbezogene Hund unbedingt braucht, ist eine sichere, vertrauensvolle Beziehung zu seinen Menschen. Am glücklichsten ist Bäri sowieso, wenn er überall mit dabei sein darf. Wer ganztags auswärts arbeitet und den Hund nicht mitnehmen kann, sollte deshalb genauso auf einen Berner (und auf einen Hund überhaupt) verzichten wie alle, die ihre Freizeit lieber mit Hobbys ohne Hund verbringen. Die meisten Berner erfüllen heute als richtige Allrounder die schöne Aufgabe eines Familienhundes und sind Kameraden, Freunde und Begleiter. In vielen Fällen jedoch ist Bäri unterfordert und sein genetisches Potenzial kann sich nicht voll entfalten. Dieser Tatsache muss sich bewusst sein, wer einen Berner Sennenhund in seine Familie aufnehmen möchte. Es wäre schade, wenn dieser herrliche, bewegliche und intelligente Hund degenerieren würde, nur weil seine Eigenschaften und seine grundlegenden Bedürfnisse verkannt oder nicht ernst genommen werden. Es gibt so viele Möglichkeiten, einen Berner seinen Fähigkeiten entsprechend sinnvoll zu beschäftigen. Dabei spielt es eigentlich keine grosse Rolle, welche Tätigkeit gerade auf dem Programm steht. Hauptsache, es macht beiden Spass. Bereits ausgedehnte Spaziergänge bieten viele neue Erlebnismöglichkeiten und fördern die Beziehung. Aber auch im Hundesport ist der Berner in fast allen Sparten etabliert und erfolgreich, sei dies nun im Bereich Begleithund, Sanitätshund, IPO (International) VPG (Vielseitigkeitsprüfung, früher Schutzdienst), im Obedience, Mobility und vereinzelt – mit leichten, sportlichen Hunden – sogar im Agility. Daneben gibt es noch viele Plauschsportarten, Familienbegleithunde-Gruppen und andere Möglichkeiten, gemeinsam mit Gleichgesinnten etwas zu unternehmen und einzuüben. In letzter Zeit werden Berner Sennenhunde auch vermehrt zu Therapiehunden ausgebildet, wo sie zusammen mit ihren Besitzern viel Freude ins Leben derjenigen Menschen bringen können, die etwas abseits unserer Gesellschaft stehen

Bäri als Kulturgut

Da Bäri auch ein Stück Schweizer Geschichte verkörpert, ist er natürlich sehr oft an Folklore-Anlässen zu sehen. Zwar sind die Zeiten, als «Bäri der Hofhund» mit seinem Milchkarren unterwegs war, um die Milch zur Käserei zu bringen, an den meisten Orten bereits Nostalgie. Geblieben jedoch sind der Arbeitseifer der Hunde und die Freude der Menschen, ihren Hund einzuspannen. So wird das Wagenziehen vielerorts als Tradition gepflegt. An Festumzügen im ganzen Land sind die schön geschmückten «Wägeli» mit den Sennenhunden ein herrlicher Anblick und erfreuen sich jeweils grosser Beliebtheit. Auch an anderen Folklore-Darbietungen, sei dies nun auf einem nostalgischen Markt, an Jodler-, Trachten-, Musik- oder sonstigen traditionellen Volksfesten, sind unsere Bäris immer wieder als Schweizer Kulturgut vertreten.

Dank ihrer menschenbezogenen und freundlichen Art meistern sie – falls von klein auf an Jubel, Trubel, Heiterkeit gewöhnt – auch solche Anlässe mit Bravour und oft fliegen ihnen die Herzen der Zuschauer gleich scharenweise zu. Dann wird es wieder einmal deutlich: Bäri gehört einfach dazu!

 

Herzlichen Glückwunsch!

Hundert Jahre sind es her, seit sich die ersten Freunde des Berner Sennenhundes zu einem Klub zusammengeschlossen haben. Sicher würde Prof. Heim dem Klub für Berner Sennenhunde auch zum hundertsten Geburtstag im Jahre 2007 das wünschen, was er am Schluss seiner Festschrift von 1914 schrieb, nämlich: «Dem Berner-Sennenhund-Klub und den aus ihm hervorgegangenen trefflichen Züchtern wünschen wir weiter guten Erfolg und Einigkeit und Frieden zur gedeihlichen Weiterarbeit auf dem so erfolgreich betretenen Wege.»

 

Text: Anita Schneider

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geschrieben von:
Anita Schneider

Anita Schneider

Tiere spielten für Anita Schneider schon immer eine wesentliche Rolle und sind aus ihrem Leben nicht wegzudenken. Unter dem Namen «vom Bärimätteli» züchtet sie seit vielen Jahren Berner Sennenhunde. In ihrer eigenen Hundeschule legt sie die Schwerpunkte auf eine gute Sozialisation und eine sichere, vertrauensvolle Mensch-Hund-Beziehung, und beim Verein Therapiehunde Schweiz ist sie ehrenamtlich als Teamtrainerin und Richterin tätig. Seit 2000 schreibt sie fürs SHM zu verschiedenen Themen, fotografiert leidenschaftlich gern und ist Autorin des Buches «Berner Sennenhund».

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