Autofahren – Abenteuer oder Albtraum? – Erziehungsratgeber

Von unseren Hunden wird vieles verlangt, was nicht in ihrer Verhaltensnorm enthalten ist. Teilweise steuern die Forderungen sogar gegen die genetischen Anlagen. Um die passenden Erziehungsmassnahmen zu finden, möchte ich Sie anregen, sich in Ihren Hund zu versetzen. Prüfen Sie, welche Vorteile ihm durch sein Verhalten entstehen und was es ihm bringen könnte, stattdessen Ihre Ideen umzusetzen. In dieser Serie erhalten Sie Anregungen, wie Sie das Verhalten Ihres Vierbeiners zu Ihren Gunsten beeinflussen können.

 

Des einen Freud, des anderen Leid

Meine erste Hündin Gina begleitete mich ab ihrem fünften Lebensjahr. Gerade aus dem Tierheim abgeholt, stieg die Mischlingshündin sofort selbstverständlich ins Auto. Innerhalb weniger Autofahrten lernte sie sich hinzulegen, um bei kurvigen Fahrten nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sie liebte das Auto; es war ihr zweites Zuhause.

 

Ragnarson dagegen, Ginas Nachfolger, brachte mich mit seiner Panik vor dem Autofahren an den Rand der Verzweiflung. Selbst als er nach kurzer Trainingszeit freiwillig einsteigen konnte, um dort seine Hauptmahlzeit zu erhalten, rastete er während der Fahrt vollständig aus und war danach nicht mehr zum Einsteigen zu bewegen. Im Auto alleine zu bleiben war ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst Tanken musste sorgfältig geplant werden, um einer Zerstörung der Innenverkleidung vorzubeugen. Auch Ragnarson war bei der Übernahme schon fünfjährig. Zu schreiben, dass die bisherigen Erfahrungen der Hunde für diese Unterschiede verantwortlich sind, wäre jedoch nur ein kleiner Teil der Wahrheit.

 

Eine wichtige Ursache…

für das Unwohlsein und die damit teilweise verbundene Übelkeit liegt im Gleichgewichtsorgan und dessen Einfluss auf das Wohlbefinden. Die beiden Gleichgewichtsorgane in unseren Innenohren sind mit feinen Sinneshärchen ausgestattet, die in einer speziellen gallertartigen Schicht stecken. Bei Richtungs- und Höhenänderungen wird die gallertartige Masse zum Erdmittelpunkt gezogen und die Sinneshärchen darin werden entsprechend gebogen. Zusätzlich geben träge reagierende Flüssigkeiten Rückmeldung über die Beschleunigung des Körpers. So helfen uns die Gleichgewichtsorgane dabei zu erkennen, ob wir stehen, liegen, vorwärts oder rückwärts laufen oder vielleicht auf dem Kopf stehen.

Zusammen mit anderen Sinneseindrücken, die durch Umherschauen und Bewegung der Gliedmassen entstehen, wird ein komplettes Bild im Hirn erstellt. Die eingegangenen Informationen werden abgeglichen und auf «Stimmigkeit» hin überprüft. Wenn alles zusammenpasst, dann geht es uns gut. Weichen die Informationen der Gleichgewichtsorgane von den anderen ab, wird dagegen das Alarmsystem angekurbelt. Schwindelgefühle und Übelkeit können dadurch entstehen.

Die Fortbewegung mittels Auto, Zug, Lift, Flugzeug oder Schiff ist eine besondere Erfindung des Menschen, der er sich trotz Evolution bisher nicht vollständig anpassen konnte. Ohne eigene Bewegungen verändern wir Ort und Position. Teils werden von den Augen nicht mal Änderungen in der Umgebung wahrgenommen oder diese erfolgen viel zu schnell, um sie verarbeiten zu können. Die Reize, die im Hirn ankommen, passen nicht zusammen und manches Gehirn ist mit diesen unstimmigen Eindrücken überfordert.

Individuell ist nun die Intensität und Verarbeitung der Alarmreaktion. Bei einigen scheint die Alarmreaktion von Beginn an weniger ausgeprägt zu sein. Andere entwickeln eine spezielle Technik, mit der sie das Alarmsystem beruhigen können. Wieder andere schaffen es, die Alarmreaktion mit der Vorfreude zu überlagern, die eine Autofahrt zu besonderen Orten mit sich bringt, bis nach und nach die Reaktion weniger häufig auftritt.

 

Gewöhnung ist möglich, wenn die Alarmreaktion nicht zu gross ist, irgendwie bewältigt werden kann und nie sehr lange anhält.

 In sehr ungünstigen Fällen kann der Stress während der Autofahrt auch erlernt sein, zum Beispiel weil die Fahrten immer in einer sehr aufregenden Situation enden. Das kann der regelmässige stressige Besuch beim Tierarzt sein, aber auch die Fahrt zur Hundeschule, wenn der Vierbeiner dort immer sehr aufgedreht ist. In dem Fall handelt es sich um konditionierten Stress, der durch weniger aufregende Ziele und Änderung der Erregungslage an den vorherigen Zielorten oftmals recht einfach gesenkt werden kann.

 

 

Autofahren kein Thema  

aber Einsteigen klappt trotzdem nicht? Es gibt Hunde, die während der Fahrt ganz entspannt daliegen oder zumindest keinerlei Anzeichen von Unwohlsein erkennen lassen. Trotzdem wollen sie partout nicht einsteigen. Oft versuchen die Halter ihre Vierbeiner mit viel Überredungskunst ins Auto zu bringen und scheitern doch kläglich. Immer früher beginnen die Hunde sich zu sträuben, um ja nicht wieder ins Auto zu müssen. Das kann sehr mühsam werden, da es sehr viel Zeit braucht, um diese Situationen zu überwinden. Die Ursache hierfür ist oft nicht ganz klar. Bei der Analyse solcher Fälle werden unterschiedliche Themen aufgedeckt, die das Verhalten begünstigen:

  • Unangenehme Erfahrung beim Einsteigen:
    • Wurde in der Vergangenheit mal die Pfote oder der Schwanz in der Autotür eingeklemmt oder der Hund hat sich schmerzhaft die Pfote gestossen, als er ein- oder ausstieg, ist die Sache klar.
    • Manchmal sind es aber auch – aus unserer Sicht – Kleinigkeiten, die für den Hund sehr unangenehm sind. Geräuschängstliche Hunde haben oft Angst vor dem Knallen der Heck- oder Fahrertür. Andere vertragen die plötzlich auftretende Enge nicht. Hier ist es wichtig zu prüfen, was genau dem Vierbeiner nicht behagt, um genau dort im Training ansetzen zu können.
  • Mangelnde Auslastung und unerfreuliche Ziele:

Unangenehme Erfahrungen können mehr oder weniger ausgeschlossen werden, wenn der Vierbeiner nur selektiv nicht einsteigen will. So klappt es beispielsweise einwandfrei von zu Hause weg auf einen Spaziergang, aber beim Heimfahren sperrt sich der Vierbeiner erneut, ins Auto zu steigen.

Ich halte es für wichtig zu prüfen, ob hier nicht doch ursprünglich unangenehme Erfahrungen mit hineinspielen, die vielleicht mit dem Ort oder der Situation verknüpft sind. Doch in einigen Fällen hat der Vierbeiner einfach keine Lust wieder heimzufahren. Meidet er nun das Auto, ist ihm die Aufmerksamkeit des Halters sicher und gleichzeitig kann er damit die Heimfahrt noch etwas herauszögern. Das macht sehr viel mehr Spass als gehorsam ins Auto zu steigen in der Gewissheit, dass dann aller Spass ein Ende hat. Wenn das der Fall ist, sollte die Auslastung des Hundes geprüft werden, um den Bedürfnissen des Vierbeiners Rechnung zu tragen. Dann verliert sich dieses Spiel meist von selbst oder kann mit wenigen Schritten zuverlässig aufgelöst werden.

 

Der holperige Weg zu entspannten Autofahrten

Da die Ursachen für Meideverhalten am Auto so vielfältig sind, gibt es hierfür auch keine einfachen Lösungsansätze. Die Ergründung der Ursachen halte ich hier für unabdingbar, um die passenden Trainingsansätze finden zu können.

Hängt es nur am Einsteigen, ist die Lösung meist noch verhältnismässig einfach. Der Hund sollte am und im Auto für einen gewissen Zeitraum ausschliesslich extrem positive Erfahrungen machen. Eine ausschliessliche Fütterung im Auto, Spass-Spiele, die mit dem Hinein- und Heraushüpfen aus dem Auto verbunden werden sowie Kuschelzeiten im Gefährt helfen, die Angst oder unangenehme Verknüpfungen mit dem Objekt zu vergessen.

Ist die Fahrt selber Ursache für das unwillige Einsteigen, braucht es eine Reihe verschiedener Versuche, wie dieses für den Vierbeiner angenehmer gestaltet werden kann. Wenn möglich, probieren Sie unterschiedliche Unterbringungsmöglichkeiten im Auto und gegebenenfalls verschiedene Autos aus, um den Bedürfnissen Ihres Vierbeiners auf die Schliche zu kommen. Wenn diese erfüllt sind und der Vierbeiner zusätzlich Strategien lernt, die Fahrten besser wegzustecken, kann eine Gewöhnung stattfinden. Im Kasten finden Sie zusätzliche Ideen, was Sie üben könnten, um die Fähigkeiten für entspannte Fahrten zu verbessern.

Einige Hunde lassen sich bei bedachtem Vorgehen gut ans entspannte Autofahren heranführen. Leider gibt es auch hartnäckige Fälle, bei denen man trotz ausgefeiltem Training nicht das Endziel «entspannte Autofahrten» erreichen kann. Selbst dann sind jedoch zumindest Verbesserungen möglich. Es lohnt sich daher dranzubleiben, um gemeinsame Ausflüge wieder geniessen zu können!

 

Text und Fotos: Katrin Schuster

 

 

Was sind Ihre persönlichen Erlebnisse zum Autofahren?

Wenn man genau darüber nachdenkt, sind auch Menschen nicht von klein an die geborenen Mitfahrer. Als Kind litten einige von uns unter Übelkeit oder zumindest allgemeinem Unwohlsein. Meist finden wir aber Strategien, die es uns ermöglichen, die Fahrten besser wegzustecken.

  • Vorne sitzen vertragen viele besser als hinten zu sitzen.
  • Kurvige Fahrten sind mühsamer, besonders wenn man sich zu sehr auf nah gelegene Punkte konzentriert oder wenn man versucht ein Buch zu lesen.
  • Manche kommen besonders gut klar, wenn sie hinten aus dem Auto sehen können.
  • Einige schaffen es erst, Autofahrten zu geniessen, wenn sie selber am Steuer sitzen.

Ob jemandem beim Autofahren schlecht wird und wie stark das Unwohlsein ausgeprägt ist, scheint ganz individuell zu sein und kann nur schwer mit pauschalen Massnahmen verbessert werden. Genauso ist es auch beim Hund.

 

 

Der Fall einer Kollegin schildert für mich eindrücklich, dass Erfahrungen alleine nicht ausreichend als Erklärung herangezogen werden können: 

Zwei kleine Windhunde, Geschwister aus dem gleichen Wurf, wurden mit wenigen Monaten vom Auslandstierschutz an eine Halterin nach Deutschland abgegeben. Beide hatten explizit die gleichen Erfahrungen mit dem Autofahren hinter sich. Doch nur die Hündin hatte grosse Panik. Ihr Bruder war vollkommen entspannt, liess sich auch nicht vom Stress der Hündin anstecken. Diese begann dagegen schon stark zu speicheln und zu hecheln, wenn sie nur die Vorboten einer Autofahrt erkannte und musste immer zum Einsteigen gezwungen werden. Die Tatsache, dass zwei Hunde mit gleichen Erfahrungen dermassen unterschiedlich aufs Autofahren reagieren, öffnete mir die Augen.

 

Stress-Signale während der Autofahrt

Nicht jeder Hund, der das Auto meidet, hat auch Mühe mit der Fahrt an sich. Oft spielen noch andere Faktoren mit. Um den Auslöser sicher benennen zu können, ist es wichtig, den Hund während der Autofahrt zu beobachten. Folgende Signale deuten auf Unwohlsein und Stress hin:

 

  • Hecheln ohne vorherige Anstrengung oder Hitze
  • Übermässige Speichelbildung, häufiges Schlecken
  • Unvollständiges und wiederholtes Gähnen
  • Futteraufnahme wird eingestellt, selbst bei gefrässigen Hunden
  • Allgemeine Unruhe, wiederholter Positionswechsel
  • Fiepen, Bellen, Quietschen
  • Wiederholtes Erbrechen

 

Wenn diese Verhaltenssymptome während der Fahrt auftreten, wird der Hund versuchen, dieser Situation möglichst zu entgehen. Er meidet das Auto, weil die Fahrt für ihn sehr unangenehm ist. Entsprechend muss hier angesetzt werden, um dauerhaft eine Besserung des Verhaltens zu erreichen.

 

Neben dem Training direkt am und im Auto können einige Übungen helfen, die Fähigkeiten für entspanntes Einsteigen oder entspannte Fahrten zu verbessern.

 

  • Bewegt werden:

Trainieren Sie Elemente aus dem «Mobility»: Einsteigen und fahren in einer Schubkarre, Skateboard fahren, auf Rollwägelchen sitzen bleiben. Beginnen Sie mit geraden und glatten Strecken und arbeiten Sie sich auf kurvige und holperige Strecken vor. Ihr Hund wird jeweils für ruhiges Liegenbleiben belohnt. Diese Übung kann später auf das Autofahren übertragen werden.

 

  • Boxentraining:

Bringen Sie Ihrem Hund bei, eine gemütliche Hundebox als sicheren Rückzugsort anzunehmen. Kaustangen, Futter, Ruhe- und Kuschelzeiten in der Box machen diese zu einem beliebten Ort. Variieren Sie die Höhe und die Orte, an denen Ihr Hund in die Box steigen darf, um auch das Einsteigen zu generalisieren und später aufs Auto zu übertragen. Bei kleinen Hunden können Sie Bewegung in die Box bringen, um die Bewegungen beim Autofahren zu simulieren und jeweils das entspannte Liegenbleiben zu belohnen.

 

  • Koordination üben:

Das Auto wackelt beim Einsteigen, zusätzlich ist der Raum begrenzt und es erfordert je nach Hundegrösse etwas Koordination, um richtig einsteigen zu können. Koordination kann geübt werden: auf Baumstämmen balancieren, ausbalancieren auf einem Wackelbrett, Vorsprünge an einer Wand oder an einem Geländer erklettern, durch Reifen mit unterschiedlicher Wandstärke und Beschaffenheit springen, durch Tunnel laufen, den Tunneleinstieg erhöhen, um die Koordination beim Hineinspringen zu verbessern.

 

 

Mitten im Training steht eine unausweichliche Autofahrt an. Was tun?

Diese Situation ist leider oft Alltag und Gift für das erfolgreiche Training. Mit zwei wichtigen Punkten können Sie verhindern, dass Ihr Training hierdurch stagniert.

 

  • Deutlich veränderte Rituale vor einer Trainingssituation und einer unvermeidlichen Fahrt, helfen dabei, den Unterschied zu erkennen.
  • «Kurz und Schmerzlos»: Lassen Sie Ihrem Hund im Fall einer unausweichlichen Fahrt keine Chance, der Situation zu entgehen. Versuchen Sie ihn nicht zu locken oder zu überreden, stecken Sie ihn einfach so schnell wie möglich ins Auto ohne Rücksicht auf seine «Bedenken». Sie können ihm jetzt ohnehin nicht helfen und je früher die Situation vorbei ist, desto besser für Ihren Hund. In der deutlich angekündigten Trainingssituation kann Ihr Hund sich dann wieder Zeit lassen, um positive Erfahrungen zu sammeln.

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Katrin Schuster

Katrin Schuster

Katrin Schuster ist eine erfahrene Tierverhaltenstherapeutin. Seit ihrem 13. Lebensjahr engagiert sich die heute 34-Jährige aktiv für einen «realistischen» Tierschutz. Ihre Methoden beruhen auf ganzheitlichen Ansätzen. Neben der gesundheitlichen Abklärung bei Verhaltensauffälligkeiten liegen ihr die tiergerechte Haltung sowie der respektvolle und faire Umgang zwischen Tier und Mensch am Herzen. Katrin Schuster arbeitet mit Tierpsychologen, Fachtierärzten und Tierheilpraktikern eng zusammen.

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