Angst beim Hund – Teil 1/3

Angst beim Hund – Teil 1/3

Zwischen «da muss er durch» und Angst vor der Angst

Nicht nur der Hund, sondern auch der Hundebesitzer wird häufig von Angst und Unsicherheit im Umgang mit dem Thema Angst und Unsicherheit gequält. Was ist überhaupt Angst, was Furcht? Durch welche Botenstoffe werden sie gesteuert? Was kann man als Hundehalter tun? Wissenswertes zum Thema Angst und Furcht erfahren Sie in der dreiteiligen Artikelserie.

Text: Udo Ganslosser, Sophie Strodtbeck

Die Existenz von Emotionen, auch die negativen wie beispielsweise Angst, Wut und Trauer bei Tieren wird heute kaum mehr bestritten. Eine Reihe von neurobiologischen Untersuchungen hat gezeigt, dass nicht nur vergleichbare hirnanatomische Strukturen und Botenstoffe im Gehirn vorliegen, sondern diese Gehirnteile auch in ähnlichen Situationen aktiv werden, in denen Menschen solche Emotionen empfinden. Es kann also davon ausgegangen werden, dass auch Hunde ebenso wie Menschen Angst empfinden.

Jedoch wird der Begriff Angst oftmals vorschnell für ein vorsichtiges oder gegebenenfalls unsicheres Verhalten des Hundes verwendet. Ein Hund in Angst zeichnet sich, wie wir noch sehen werden, durch weitgehende Handlungsunfähigkeit oder zumindest durch einen sehr verengten Tunnelblick nur noch auf die ihn bedrängende und bedrohlich erscheinende Situation aus. Häufig sind Hunde einfach nur vorsichtig oder gegebenenfalls unsicher. Unsicherheit entsteht immer dann, wenn einem Tier, eventuell noch mit zurückhaltender und abwartender Persönlichkeit, eine Situation unbekannt ist. Solange das Gehirn nicht durch Vorerfahrungen oder gegebenenfalls durch ein «angeborenes Verhaltensprogramm» weiss, wie es zu reagieren hat, zeigt der Hund Anzeichen von Unsicherheit. Das kann beispielsweise deutlich ambivalentes Verhalten sein, das heisst eine schnelle abwechselnde Orientierung zur Bedrohung hin und wieder von ihr weg, als angedeuteter Wechsel zwischen Angriffs- und Neugierverhalten einerseits und Flucht andererseits.

Es kann aber auch eine gleichzeitige Überlagerung in Mimik und Körperhaltung des Hundes zwischen den beiden einander widerstrebenden Handlungsbereitschaften auftreten. Dann ist der Hund beispielsweise am vorderen Ende scheinbar mutig und offen auf die Reizquelle hin orientiert, während das hintere Ende eigentlich durch ausgestellte Läufe oder eingeknickte Gelenke bereits Fluchtbereitschaft signalisiert. Genauso kann es vorkommen, dass die Mimik Elemente beider Verhaltensbereiche gleichzeitig zeigt, etwa runde Mundwinkel bei vorgestreckten Ohren oder weitaufgerissene Augen bei gleichzeitig gekräuselter Schnauze.

Der Hundehalter muss in dieser Situation wissen, dass der Hund sich selbst nicht sicher ist, welche der beiden Lösungsmöglichkeiten für das Problem er jetzt am besten zeigen sollte. Man muss ihn dann unterstützen und ihm den richtigen Weg aus der Bedrohung zeigen, anstatt ihn in der Situation alleine zu lassen. Darauf wird aber im dritten Teil der Artikelserie noch genauer eingegangen werden. Lässt sich jedoch im Laufe des weiteren Umgangs mit der unklaren Situation keine Lösung für den Hund erkennen oder wächst die Bedrohung in seiner Einschätzung sogar noch weiter an, dann kann es sehr wohl zu den negativen Emotionen von Angst oder Furcht kommen.

Angst oder Furcht?

Die Unterscheidung zwischen Angst und Furcht, die in der Philosophie und in den psychologischen Wissenschaften bereits seit längerer Zeit besteht, muss dringend bei der Bewertung dieser Reaktionen auch beim Hund eingeführt werden.

Furcht ist etwas sehr Konkretes. Es gibt einen auslösenden Reiz, dieser ist identifizierbar und kann mit den Sinnesorganen geortet werden. Dementsprechend kann die Reaktion auch durch aktive Verhaltensäusserungen erfolgen. Man kann angreifen, in Form der Selbstverteidigungsaggression, oder man kann die Flucht ergreifen. Nur in seltenen Fällen wird Furcht so überwältigend sein, dass sie zu Handlungsunfähigkeit und Erstarrung führt. Dies ist entweder bei plötzlich auftauchenden übermächtigen Reizen oder bei einer bereits entstandenen Phobie (siehe nachfolgend) der Fall. Meist zeigt das aktive Stresssystem, beispielsweise das Kampfhormon Noradrenalin oder das Fluchthormon Adrenalin, dem Hund einen deutlichen Weg aus der vermeintlichen oder wirklichen Gefahr.

Angst dagegen ist unbestimmt und lässt sich nicht auf einen konkreten auslösenden Reiz beziehen. «Es liegt etwas in der Luft, und das bedeutet nichts Gutes.» Für Menschen, die sich nicht vorstellen können, was ein Hund in Angst empfindet, empfiehlt sich der Besuch eines gut gemachten Horrorfilms. Die Eingangsszenen, bevor die erste schreckliche Tat passiert, zeigen deutlich, welche Atmosphäre in Angst entsteht. In Angst wird das Tier überwiegend durch das passive Stresshormon Cortisol und seine chemischen Verwandten gesteuert. Dieses schärft die Sinne, das heisst man ist aufmerksam in alle Richtungen, um die auftauchende Gefahr rechtzeitig zu erkennen. Da man aber nicht weiss, aus welcher Richtung und in welcher Weise die Gefahr auftreten wird, hat Flucht keinen Sinn. Man wird sich also eher ruhig verhalten und abwartend beobachten. Andere Handlungen, von Nahrungsaufnahme bis Sozialkontakt, spielen in dieser Situation keine Rolle mehr.

Tunnelblick und Autopilot

Alle diese Reaktionen sind evolutiv gesehen sehr wichtig gewesen. Tiere, die in unsicheren, unvorhersehbaren, aber möglicherweise auch gefährlichen Lebensräumen leben, tun gut daran, ständig auf der Hut zu sein. Sie sind meist auch durch frühere Erfahrungen sehr gut in der Lage, potenziell gefahrenträchtige Situationen vorher zu sehen und sich dann entsprechend zu verhalten. Wer in unklaren, bedrohlichen Situationen unbekümmert und naseweis weiter agiert, hat häufig mit negativen Konsequenzen zu rechnen.

Zeigt sich dann die Gefahr, so ist die gezielte Furchtreaktion durchaus sinnvoll. Man kann einen Feind angreifen oder vor ihm fliehen. Dazu muss man aber seinen Standort kennen. Um dies zu erreichen, werden im Zustand der Gefahr die Sinnesorgane und das Gehirn zunächst sehr gut mit Blut versorgt. Dies geschieht durch die Hormone des aktiven Stresssystems, nämlich Adrenalin und Noradrenalin, die dafür sorgen, dass diese Organe gut mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden und optimal arbeiten können.

Schafft es das Tier dann, sich durch eine gezielte Reaktion der Gefahr zu entziehen und zu überleben, dann bewirkt das beteiligte Hormonsystem auch gleich noch, dass diese Reaktion als positiv abgespeichert wird. Besonders das Noradrenalin dient als Lernverstärker und ist ausserdem chemisch nahe verwandt mit der Lern- und Selbstbelohnungsdroge Dopamin.

Lebt man dagegen in unvorhersehbaren Lebensumständen, in unsicheren und wenig planbaren Lebensräumen, so ist es sinnvoller, sich nicht aktiv einer momentan nicht lokalisierbaren Gefahr entgegenzustürzen. Tiere, die in wenig vorhersagbaren, schnell und unvorhersehbar wechselnden Lebensbedingungen leben, agieren unter solchen Bedingungen eher mit dem passiven Stresshormonsystem des Cortisols. Auch das Cortisol ist in der Lage, das Verhalten angepasst zu beeinflussen. Als fettlösliches Hormon hat es jedoch eine langsamere Wirkungscharakteristik. Erst zirka fünf Minuten nach der Wahrnehmung einer Angst auslösenden Situation steigt der Cortisolspiegel messbar an, und nach knapp zwanzig Minuten ist er auf dem Höchststand angekommen. Diese langsame Genetik hat dann besondere Bedeutung, wenn die Situation inzwischen schon wieder geklärt wurde. Dann kann es trotzdem völlig unerwartet, zwanzig Minuten nach der Klärung der Situation zu einem Angstangriff oder einer anderen Angstreaktion des Hundes als verzögerte Cortisolreaktion kommen. Hundehalter müssen also auf die ersten Anzeichen von Angst bei ihrem Hund reagieren, und dafür sorgen, dass nicht nur die angstauslösende Situation, sondern auch die dabei möglicherweise gestartete Cortisolausschüttung schnellstmöglich wieder abgebaut werden. Wie dies beispielsweise durch soziale Unterstützung geschehen kann, werden wir auch im dritten Teil dieser Serie aufzeigen.

Kommt es zu einer wirklichen Angstreaktion, so schalten einige Regionen des Gehirns im sogenannten Limbischen System, dem Emotionszentrum, das Gehirn auf Autopilot um. Hier ist zunächst der Mandelkern (Amygdala) beteiligt, der dem Ganzen die emotionale Bewertung verschafft. Dazu kommt der Boden des Zwischenhirns, der Hypothalamus, der sozusagen den Startschuss für die Produktion der Stresshormone gibt. Derweilen ist auch noch der Hippocampus, eine Struktur an der Basis des Grosshirns, beteiligt. Er ist beispielsweise zuständig für räumliches Lernen, für Neugier, Lernbereitschaft und Aktivität im Allgemeinen. Unter dem Einfluss von Cortisol werden die Neugier, Aktivität und Lernbereitschaft im Hippocampus deutlich abgeschwächt. Jedoch merkt sich der Hippocampus die räumlichen Gegebenheiten, unter denen die Stressreaktion, die Angst oder anderen unangenehmen Dingen passiert sind, was unter Umständen dann später zu Problemen führt.

Untersuchungen an Ratten haben gezeigt, dass im Falle einer starken Angstreaktion die genannten Hirnregionen sich sehr schnell und in kurzen Nervenverbindungen die Erregungen gegenseitig zuschieben. Diese Rückkopplungsschleife zwischen den genannten Hirnteilen kann so schnell agieren, dass Einflüsse anderer Hirnregionen, seien es die Wahrnehmungszentren in Verknüpfung mit den Sinnesorganen oder die rationalen Entscheidungsbereiche im Bereich der Grosshirnrinde, keine Chance mehr haben. Das Gehirn arbeitet regelrecht auf Autopilot. Wenn es noch Sinneseingänge gibt, so sind diese konkret nur noch auf die auslösende Situation der derzeitigen Stressreaktion konzentriert.

Kommt es zur Extremreaktion, dem Erstarren und der völligen Handlungsunfähigkeit, so ist auch dies durchaus eine evolutiv unter Umständen sinnvolle Lösung. Die meisten Fressfeinde eines Tieres agieren nach Sicht. Unbewegte Reize werden kaum oder gar nicht wahrgenommen. Erstarrt also ein Tier im Angesicht des Beutegreifers, so kann es regelrecht aus seinem Blickfeld verschwinden und doch noch überleben. Totstellreaktionen, die beispielsweise bei den amerikanischen Beutelratten bekannt sind, sind die extremste Form dieser überwältigenden Angstreaktion.

Lernen von und unter Angst

Wie wir bereits gesehen haben, werden insbesondere die mit Lernen, Neugier und Aufmerksamkeit verknüpften Hirnregionen sehr stark von den im Angst- und Stresszustand ausgeschütteten Botenstoffen beeinflusst. Dies führt dazu, dass das Gedächtnis für Fakten und Ereignisse (deklaratives Gedächtnis genannt) unter diesen Bedingungen nahezu nicht mehr funktioniert. Man kann also keine Gedichte auswendig lernen,

Geschichtsdaten pauken oder mathematische Formeln durchschauen, wenn man gleichzeitig einem Löwen gegenüber steht. Vergleichbar ist auch für einen Hund das Erlernen von Kommandos und Signalen, von Sitz und Platz bis zu Tricktraining und Dogdance in solchen Angstsituationen kaum möglich. Sehr wohl möglich ist aber leider, dass man sich die Begleitumstände, in denen die Angst- oder Stressreaktion stattgefunden hat, durch den Cortisol-Einfluss merkt. Und das Stressgedächtnis lässt uns dann jedes Mal wieder vorbeugend die selben Stresshormone ausschütten, wenn wir wieder in eine Situation kommen, die der genannten und durchlebten vergleichbar ist.

Durch solche Lernprozesse kommt es dann oftmals auch zu einem zunehmenden Aufschaukeln der Furcht- oder Angstreaktion. Entsteht beinahe schon eine krankhafte Verstärkung einer konkreten Furchtreaktion, kann eine Phobie entstehen. Diese sind bei Hunden durchaus häufig zu beobachten. In einem Seminar wurde uns ein Hund geschildert, der eine regelrechte Phobie vor runden Gegenständen über Kopfhöhe entwickelt hatte. Zunächst war es, wie bei vielen Hunden, die Furcht vor Heissluftballons, die ihn plagte. Mit der Zeit aber wurde es immer schlimmer und schliesslich waren sogar runde Strassenlaternen oder Satellitenschüsseln auf Balkons, an denen er vorbeigeführt werden sollte, schlimm genug, um ihn in Erstarrung und absolute Handlungsunfähigkeit zu versetzen.

Kommt es dagegen zu einem Aufschaukeln von Angstreaktionen, so führen die genannten Lernprozesse zu einer sich immer weiter verstärkenden Reaktion. Endpunkt einer solchen Entwicklung kann dann die generalisierte Angststörung sein. Bei der generalisierten Angststörung ist nicht mehr die Angst vor der Bedrohung, sondern die Angst vor der nächsten Angstattacke das, was den Patienten quält. Solche Patienten gehen dann nicht mehr aus dem Haus, weniger aus Angst vor den dort lauernden Gefahren, sondern vielmehr aus Angst davor, von der Angst überwältigt und dann handlungsunfähig zu werden.

Aus diesen Gründen ist es sehr wichtig – auch darauf werden wir in Teil 3 näher eingehen, dass Angst und Furcht vom Hundehalter nicht ignoriert werden dürfen, wie dies leider immer noch sehr oft propagiert wird.

Auch hier zeigt uns der Blick auf die möglichen evolutiven Zusammenhänge, dass die genannten Reaktionen zunächst keineswegs unsinnig oder unverständlich sind. Befindet man sich in einer Situation, in der offenkundig alle bisherigen Versuche, sich zu retten, wirkungslos geworden sind, so kann es auch sinnvoll sein, dass man alles bisher Gelernte und Geübte vergisst und dadurch vielleicht auf eine völlig neue und kreative rettende Idee kommt, die einen doch noch aus der ausweglosen Situation führt. Pech nur, wenn man trotz dieser Blockade nicht auf neue Lösungen kommt, denn dann wird die Erinnerung das nächste Mal im Sinne einer Vorwärtsregulation die Stresshormone und die beteiligten Lernverknüpfungen bereits im Vorfeld hochregulieren. Und so steigert man sich dann in die Angstattacken hinein und steckt mitten in einem Teufelskreis.

Im zweiten Teil des Berichts zeigen wir Ihnen, welche wichtigen lebensgeschichtlichen Phasen – von der Trächtigkeit der Mutter bis zum Senior – die Entstehung von Angst und Panikstörungen bei Hunden begünstigen oder, bei richtiger Handhabung seitens des Züchters oder Halters, auch verringern können.

Hier können Sie den Artikel aus dem Magazin als PDF ansehen

geschrieben von:
Udo Ganslosser

Udo Ganslosser

Udo Ganslosser (*1956) ist Privatdozent für Zoologie an der Universität Greifswald. Am Zoologischen Institut Erlangen erhielt er 1991 die Lehrbefugnis. Udo Ganslosser ist unter anderem Lehrbeauftragter am Phylogenetischen Museum und Institut für Spezielle Zoologie der Universität Jena. Seit mehreren Jahren betreut er zunehmend mehr Forschungsprojekte über Hunde, seien es Haushunde oder Wildhundeartige. Dabei geht es vor allem um Fragen von Sozialbeziehungen und sozialen Mechanismen.

geschrieben von:
Sophie Strodtbeck

Sophie Strodtbeck

Sophie Strodtbeck (*1975) hat ihr Studium 2002 an der Ludwig-Maximilians-Universität München als Tierärztin abgeschlossen. Berufserfahrung sammelte sie in verschiedenen Praxen. Seit längerer Zeit ist sie in einer Hundeschule für tiermedizinische Belange zuständig und bietet zusammen mit Udo Ganslosser verhaltensmedizinische Beratungen an. Nebenher schreibt sie Artikel für diverse Hundezeitschriften und teilt ihr Leben derzeit mit vier eigenen Hunden.

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